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Was ist das eigentlich für ein Wort, und in welcher behämmerten Welt lebe ich, in der jemand vom "postfaktischen Zeitalter" schwadronieren kann ohne dass ihm die Halsvenen explodieren? Die Bedingung der Möglichkeit dieses nicht einmal unpassenden Titels einer kaputten Epoche ist die totale Verblödung. Sagte er "Bedingung der Möglichkeit"? Wat dat denn? Intellektuelle Scheiße. Ja, richtig. Dergleichen findet keinen Salon mehr, in der Worte seziert und durchgedacht werden wie ein zähes Hirnsteak. Wo einmal die bürgerliche Aufklärung zu Kritik und Analyse strebte, trieft heute das Fett Sloterdijkschen Sozialdarwinismus’, bestenfalls Philosophische Fancy Fashion, präsentiert von Ihrem Schwiegersohn Richie Precht und Mäppelin Jade.

Wie kam das noch? Wartet, gleich sagt er wieder das K-Wort! Gemach, aber sicher. Als das Bürgertum den Adel als herrschende Klasse ablöste (Ja doch, mit Einschränkung. Selbstverständlich haben sie paktiert. Selbstverständlich hat sich nur ein Teil des Bürgertums tatsächlich an die Macht gekämpft), war Vernunft eine seiner Waffen. Klerus und Adel hatten Jahrhunderte lang den intellektuellen Fortschritt blockiert, nicht zuletzt weil die Dummheit der anderen ihre Macht sicherte. Nicht zuletzt, weil Aufklärung Herrschaft zersetzt, weil deren Rechtfertigungsstrategien unvernünftig sind, nicht logisch, falsch und erlogen - und zwar immer.

Der talentierte Organist

Deshalb ist die Beziehung von Aufklärung, Vernunft und Demokratie auch eine organische. Deshalb hat die Überwindung der Alleinherrschaft von Alleinherrschern Wissenschaft und Geist befreit. Deshalb werden diese unter der Ägide einer neuen Gewaltherrschaft in den Boden getreten und hinterlassen nicht einmal mehr eine neue Mythologie, sondern die Apokalypse. Der Antigeist geht um; Schwachsinn, Lüge, Psychose und Trollerei. Inhalt, Struktur und Sinn wurden einem vermeintlichen Zweck geopfert, der nicht einmal erreicht wird.

Vor den Kulissen werden Pappkameraden herumgetragen: Wenn man selbst nur mehr dummes Zeug propagiert, braucht es ersichtlich Geisteskranke, an denen man sich abarbeitet. Danke Internet, hier findet sich jede Art Idiot, die man zum Popanz aufblasen kann. Aluhut, Chemtrail, Ufologie - das sind die Quellen der Putinversteher. Verschwörungstheoretiker skandieren "Lügenpresse", woraus man nur folgern kann, dass die Presse die Wahrheit sagt. Dass übrigens in Zeiten wuchernder Geheimdienste und auffliegender Verschwörungen, Geheimverträgen und ausufernder Korruption der Vorwurf der Verschwörung denjenigen disqualifiziert, er ihn erhebt, Schwamm drüber. So macht's der Troll eben; weil er's kann und die Empörungsorgel beherrscht.

Das Mittel heiligt den Zweck

Es geht um Effekt, also Affekt. Es soll Wirkung erzielt werden. Man will etwas erreichen, und die Welt ist das Mittel dazu. Die ganze Welt, also folgerichtig auch die der Kommunikation, der Vernunft, der Logik, der Wahrheit. Das alles sind Instrumente, weiter nichts. Wahrheit ist das, was sich durchsetzt. Ein bisschen schummelt doch jeder. Tu' ich's nicht, tut's ein anderer. Man muss sehen, dass man nicht auf der Strecke bleibt. Das ist fairer Wettbewerb®. Die Konkurrenz aller gegen alle ist das allgemeine Gesetz. Vernunft war noch auf die Idee gemeinsamer Interessen angewiesen, war mit der Vorstellung allgemeiner Menschenrechte verbunden - auch weil dies eine Waffe im Kampf gegen die Erbhöfe war.

Inzwischen kann man sie nicht mehr gebrauchen. Im Gegenteil braucht die totale Konkurrenz wieder die stumpfe Blödheit des Glaubens an den Einzelnen. Diesmal sind es nur keine Fürsten mehr, sondern Milliarden Zerstreute, die alle ihr eigenes Reich zu bewirtschaften haben. Die Einen halt auf der Müllkippe, die Anderen im Marmorpalast. Das ist hetzutage eben so, und damit ist den Fakten Genüge getan. Ab hier geht es nur noch darum, wer Recht bekommt.

 
ee

Was für Zeiten! Es fällt mir schwer einzuschätzen, ob die Aussicht da draußen wirklich so trübe ist oder ich sie mir mache, weil sie drinnen auch so aussieht. Wie gesagt war die Zukunft mal schöner als heute, aber ist das ein Grund? Ich las just, die Gedanken seien frei, auch wenn sonst nichts mehr frei ist und frage mich schon länger, warum bloß keiner was draus macht. Jadoch, das Sein bestimmt das Bewusstsein, aber können wir gar nicht anders?

Wenn man sich die geisteswissenschaftliche Fashion und Beauty so anschaut, sollte man das meinen. Sloterdijks neoliberal verseuchtes philosophisches Endzeitblabla etwa nährt diesen Verdacht. Wie gut andererseits, dass seine semantische Zombieapokalypse darauf angelegt ist, dass niemand ihn versteht. Das ist genau wie in den anderen zeitgenössichen Horrorserien. Deren Zweck besteht auch nicht darin, etwas Gehaltvolles zu sagen oder einer bekannten Variante der Logik zu entsprechen, sondern auf unterhaltsame Weise schlechte Laune zu verbreiten.

Die Unmoderne

Ein paar Jahrzehnte lang hatte sich der soziologische Stardesigner N. Luhmann auf den Catwalks der spätkapitalistischen Show gehalten; ganz zufällig war seine Theorie binärer Systeme aufgebaut wie ein Unternehmen. Ein System besteht demnach im Kern aus einem binären Code und einem Programm. Sagen wir zum Beispiel: "Gewinn/Verlust und Unternehmensstrategie". Warte! Mensch, was ein Zufall! Derart reduzieren Systeme also Komplexität, schlicht gesagt: Sie schaffen ein einfaches Weltbild, das auf diese Struktur passt. Übrigens auch "psychische Systeme" - was vom Menschen übrig blieb: ein sich dem System anpassender Rest, der nur mehr als Funktionierendes in Erscheinung tritt. Der Mensch als Subroutine des Marktes®. Noch so ein Zufall!

Ich sitze manchmal einfach da, weil ich einfach nur da sitzen will und denke vor mich hin. Mir fallen ständig tausend Fragen ein, denen sich eine Wissenschaft widmen könnte, wäre sie nicht mit wichtigeren Dingen beschäftigt wie der Optimierung von Mordmaschinen oder einfach 'Geld Reinholen', was auf dasselbe hinausläuft. So fragte ich mich neulich, ob nur das Leben so komplex ist wie es ist. Eine Sonne zum Beispiel stellen wir uns vor als blöden Backofen, der zwei Protonen aneinander pappt, um stur Edelgas zu produzieren, bis er sich selbst um die Ohren fliegt. Aber ist das wirklich alles? Liegt es an dem doofen Ofen, dass der so simpel gestrickt ist oder an unserer Art zu denken?

Was ist die vierte Dimension? Ich habe mit immerhin mäßigem Erfolg versucht, mir einen vierdimensionalen Würfel vorzustellen und bin auf ein Modell gestoßen, das dem sehr nahe kommt. Wenn wir uns nun vorstellen, dass eine vierte Dimension real ist, was bedeutet das für unsere drei? Wie muss ein Sinnesorgan beschaffen sein, das Orientierung im vierdimensionalen Raum ermöglicht? Das sind doch Fragen, denen man nachgehen kann. Vielleicht lassen sich die Ergebnisse dieser Forschung sogar so anwenden, dass man damit was irre Großes total kaputt machen kann.

 
mn

Eine für mich maßgebliche Person echauffierte sich jüngst über etwas, das womöglich "Argument" sein möchte oder "Aussage", aber selbst zum überpinselten Klospruch kaum taugt, nämliches in Bezug auf "Flüchtlinge" und uns arme Deutsche, die wir so schwer zu leiden haben: "Wir sind voll" wollte da wer meinen, und sie kommentierte das mit: "Was denn? Musstest du ein Zimmer abgegeben? Kommst du auf der Straße nicht mehr durch? Was redest du da?!"

Das ist womöglich die einzige Weise, damit adäquat umzugehen. Die Schwätzer abzukanzeln wie Schulkinder, denn man kann durchaus auf deren dunkle Ahnung bauen, dass sie dummes Zeug labern. Was wäre auch die Alternative? Unterstellte man eine von Vernunft geprägte Diskussion, könnte man Argumenten mit ebensolchen begegnen. Beispiel: Es wird gemeckert, jetzt falle überall der Sportunterricht aus, weil die Asylanten da wohnen. Vernünftig wäre es, die Zahl der belegten Sporthallen abzugleichen mit der Gesamtzahl der Hallen, regionale Verteilung, Lösungen, Ausweichhallen et cetera. Vernünftig wäre es, den Ausfall von einigen Schulstunden in Relation zu setzen zu der Gefahr, dass tausende Obdachlose durch die Landschaft zögen.

Quatsch mich nicht voll

Ankommen würde aber, dass man relativiert und somit die Situation beschönigen wolle. Gutmensch! Das Problem besteht ja schon darin, dass unsinnige Behauptungen sehr kompakt daherkommen, ohne jedes Wissen am besten funktionieren und die Antwort jeweils in einen Vortrag mündet. Dabei begibt man sich selbst noch aufs Glatteis, weil man ggf. Informationen braucht, die man gerade nicht hat. Du verlierst genau deshalb immer, weil die Schwätzer ohne Informationen auskommen, dir aber abverlangen mehr zu wissen als die Wikipedia - es sei denn, du weißt es wirklich, dann glauben sie dir einfach nicht.

Die bessere Antwort ist also die hier: "Ach, deine Kinder (wirkt am besten, wenn er gar keine hat) haben keinen Sport mehr? Der ist vom Lehrplan gestrichen? Was machen sie denn jetzt mit den ganzen Sportlehrern?" Beinahe vernünftig die Variante: "Ja, wie viele Sporthallen sind denn belegt? Gibt es keine Ausweichmöglichkeiten?" Dann läufst du aber sicher in das Messer der Allwissenheit, den jeder weiß, dass das fast alle sind; zum Beweis kennt man dann sogar eine, wo ganz furchtbare Verhältnisse herrschen (weil die 500 Flüchtlinge, die Säue, ihr Quartier nicht sauber halten können, dabei haben die sogar 10 Toiletten!).

Womit wir bei Zahlen sind, bei Relationen, Erfahrungen, halt bei dem, was Wissen schafft und nicht nur Blabla. Schade, dass Zahlen eine Art vom Magie sind, die dem ebensolchen Denken der Menschen folgen. Zahlen und Relationen entstehen aus Meinungen, nicht etwa umgekehrt. Umgekehrt ginge etwa so:

Eins zwei drei viele

Allein im Ruhrgebiet wuchs die Bevölkerung zur Jahrhundertwende (1900) binnen zwei Generationen von etwas über 500.000 auf über 3 Millionen an. Binnen 70 Jahren verzehnfachte sie sich. Bis 1910 wanderten allein 500.000 Polen ein. Umgerechnet wären das heute achthundert Millionen Einwanderer, davon vielleicht achtzig Millionen Syrer.

Noch einmal gab es einen Peak des Zuzugs, als Gastarbeiter kamen, allein 1,5 Millionen Türken und ca. 600.000 Italiener zwischen 1960 und 1980. In der BRD erhöhte sich der Anteil der Ausländer von 1,2% 1960 auf 4,9% 1970. Seitdem gibt es keine Deutschen mehr. Wir sind ausgestorben, weggefickt und unter die Knute des Islam gezwungen worden. Niemand spricht mehr deutsch, es gilt die Scharia und Freitags werden wir zum Döner gezwungen. Am schlimmsten ist es hier an der Ruhr. Uns haben sie so durchrasst, dass es uns am Arsch vorbei geht.

Dieser kleine Zahlensalat soll aber wie angedeutet nur als Hinweis darauf gelten, dass es völlig sinnlos ist, mit Informationen zu argumentieren. Wer das nicht wahrhaben will, mag sich einfach hier umschauen (Danke R@iner!). Seht ihr? Die Mehrheit der Besorgten und Sorglosen weiß es einfach besser als die Wirklichkeit.

 
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Ja wo laufen sie denn? Es gab eine Zeit, da wurden sie gefragt, da fand man sie, weil sie bekannt waren. Sie schrieben Bücher, die von Massen Interessierter gelesen wurden und überzeugten durch die Qualität ihrer Gedanken und Argumentationen. Man denke an die Frankfurter, vor allem Adorno und Marcuse. Ja selbst Reaktionäre wie ein Nolte belebten noch einmal die Diskussion, indem ihnen Widerspruch entgegen schlug. Immer ging es um Inhalte und benennbare Standpunkte. Es wurde gestritten. Die Themen ließen sie sich nicht von Politik oder Medien vorgeben, aber wenn ihnen daran etwas nicht passte, äußerten sie sich.

Es folgte, in der Phase nach 1968, die Ära der akademischen Sozialdemokratie. Schriftsteller und Platzhalter wie Böll, Grass und Habermas definierten, was und wie Demokratie zu sein hätte. Immerhin noch in einer gedanklichen Auseinandersetzung, aber schon begrenzt aufs Tagesgeschäft und innerhalb des Narrativs. Marxist sein ging nicht mehr und etwas anderes, das in fundamentaler Opposition stand zum System, blieb aus. Der Vorzeigephilosoph Habermas, ein Abklatsch und Revisionist seiner Lehrer, wurde prominent ohne dass je wer hätte sagen können, wieso. An seinen Werken kann es nicht liegen, die wurden ja nicht einmal von seinen Claqueuren zitiert.

Tief schießen

Danach das nackte Grauen. "Ökonomen" übernahmen, Hand in Hand mit der Springerpresse und dem anderen Boulevard, zu dem auch die verkommenen Reste eines ehedem kritischen Journalismus gehören. "Deutschlands klügster Professor", ein neoliberaler Hardliner. Der Holocaust, das ist für ihn inzwischen Kritik an Managern, Zitat:

"Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager." Ein Intellektueller ganz nach dem Geschmack der Diekmanns.

Flankiert wird dieser Kotau vor der Herrschaft durch Entertainment, gern wird beides im Mix angeboten. Letzterer wurde geradezu verkörpert durch Peter Sloterdijk, einem schon modisch ausgewiesenen 'Intellektuellen' mit dem Chic des Existenzialisten. Leider ist seine 'Philosophie' ein geseiftes Manifest der Beliebigkeit. Die Reflexionen gar nicht einmal uninteressant, leider nur liegt die Spannung darin, dass statt gedanklicher Qualität launisches Lamentieren herrscht. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt. Von Sloterdijks Genie sind vor allem Weisheiten überliefert wie:

"In solchen Anschauungen gründet der für den Marxismus, aber nicht nur für diesen, charakteristische moderne Habitus der Respektlosigkeit vor dem geltenden Recht, insbesondere dem bürgerlichsten der Rechte, dem Recht auf die Unverletzlichkeit des Eigentums."

Der Laberfachmann

Philosophie als neoliberale Talkshow. Das Beste aus dieser Charge hat wenigstens gar nichts mehr zu sagen und schwätzt munter heute dies und morgen jenes, an das man sich schon Minuten später nicht mehr erinnern kann. Richard David Precht steht für die Verschwiegersohnung des geisteswissenschaftlichen Treibguts. Attitüde konnte Sloterdijk vielleicht sogar besser, aber Precht ist dabei noch sympathisch. Vielleicht wird er einmal Rektor der Günther-Jauch-Universität.

Wenn das der Führer wüsste! Der hatte mit dem Großschwätzer Heidegger wenigstens einen korrupten deutschen Geistesdackel, dessen Plappermechanik man sich erarbeiten musste. Das hatte mehr Stil und Unterhaltungswert und war auf einer Ebene reaktionär, die wirklich nur Experten verstehen. Völlig untauglich für ein Schaulaufen eitler Propagandisten. Höchstens Matusseks finden an dergleichen heute noch Gefallen, weil man das so schön beten kann. Kostprobe:

"Der Brauch lässt, Fug und Ruch verfügend, in die Weile los und überlässt das Anwesende je seiner Weile."

Ja sicher! Gibt es denn gar keine Menschen mehr, die durch klare Gedanken, gute Ideen oder wohlorganisiertes Wissen den Diskurs bereichern können? Na klar, aber die sind nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch einfach zu anstrengend. Entweder man versteht sie nicht, oder, was wirklich furchtbar wäre: man verstünde sie und gäbe das ganze Gewese des Betriebs der angemessenen Lächerlichkeit preis.

 
s

Mal sehen, ob etwas entsteht, wenn man einfach anfängt. Eigentlich habe ich zwei Sachen im Vorlauf, die erfordern aber Konzentration, und die ist aus. Also fange ich anders an, und ihr könnt einem Artikel beim Entstehen zusehen. Der Erweiterte Anfang könnte einigen bekannt vorkommen, was soll's:

Ich hab' mir heute einen Peloponnes rotweiß bestellt, und so ein Thessaloniki. Nein, das sind keine Speisen vom Olivenölbaron um die Ecke; das eine ist eine Halbinsel, das andere eine Stadt. War kein Ding, dafür gibt's extrem günstige Kredite, das finanziert sich ganz von selbst durch. Buffet hat sich eine Insel gekauft, hörte ich, und auch ein anderer reicher Depp, Johnny des Vornamens, habe ein Dorf in der Bretagne verkauft, um sich lieber eine Insel zu gönnen. Niemand isst eine Insel? Das war gestern, Freunde! Man kann, nein muss alles kaufen; wenigstens können, denn woher soll sonst das Wachstum kommen? Na also, einen hatte ich da noch:

Wahre Selbstbestimmung

Wir arbeiten derweil an einem Produkt zur Verbriefung von Ablösesummen. Jeder Einwohner kann selbst bestimmen, wie hoch der Preis ist, für den er den Inhaber wechselt. Man wäre ja dumm, sich selbst zu behalten, zumal man sich ggf. auch günstig zurückmieten kann. Wir kennen das aus dem Sport, hier vor allem Fußball: Da kickt wer nach Vertrag für einen Club, wird zu gut für diesen, also kommt ein anderer daher und kauft ihn weg. Ein wunderbarer Wachstumsmarkt, denn, da stimmt die Replik: So geht Liberalismus, jetzt zum Neo- noch der Hyper-, Mega-, Petaliberalissimus.

Das freie Individuum, das sich nicht staatlich gängeln lässt, ist Herr seiner selbst und wirft endlich die Ketten ab, die das halbherzig bürgerliche Recht mit Gesetz ihm auferlegt: Werden wir Händler nicht nur des eigenen Handelns, sondern des ganzen verdammten Selbst, mit Haut und Haar. Selbstbestimmt bestimme ich selbst meinen Preis, zu dem ich mich veräußere und dem Investor hingebe. Wie gesagt, kann ich erst einmal fett absahnen und mich dann nach Bedarf zurückmieten. Sagen wir eine Million für mich, danach eine Miete von zweitausend Euro monatlich, fortlaufend dem Markt und seinen Preisen azupassen. Wer es drauf hat, hat damit ausgesorgt.

Ein völlig neuer Markt für sieben Milliarden Geschäfte zuzüglich der darauf aufsetzenden Finanzprodukte. Das dürfte uns locker über die nächste Dekade bringen und ändert auch nichts Wesentliches an den bereits gegebenen Verhältnissen. Da gibt es absolut nichts zu meckern, Freunde. Versucht es nur, jedes eurer Argumente dagegen wäre eines gegen die Ordnung, die ihr so lange tatkräftig gestützt habt.

 
fx

Der Kollege vom Biokiez hat einen inspirierenden Artikel über Europa geschrieben, dem ich meinen Senf hinzufügen will. Ehe ich auf etwas komme, was ich mir ggf. unter "Europa" vorstelle, werde ich von einer Begegnung in Griechenland vor vielen Jahren berichten:

Ich war Anfang 20 und mit ein paar Leuten irgendwo auf dem Peloponnes unterwegs. Wir sind getrampt und wollten von einer Straße zum Strand hinunter, dazwischen aber lag die Mutter aller Barrieren: Ein Privatgrundstück, mit Haus, und zwar offenbar bewohnt. Wir haben also versucht, möglichst ungesehen um das Haus herum zu schleichen und uns zu trollen. Der Besitzer hat uns aber sofort erwischt und getan, was ein Grieche damals tat, wenn jemand unbefugt sein Grundstück betrat, zumal wenn die Eindringlinge ziemlich abgerissen aussehen: Er lud uns zum Essen ein. Der Mann konnte gut deutsch, weil er lange an der Ruhr gearbeitet hatte, was ihm unter anderem sein Häuschen finanziert hatte. Es gab einen wunderbaren Gemüseeintopf, kaltes Bier und Geschichten aus unserer gemeinsamen Heimat.

Gepflogenheiten

Noch eine andere Anekdote, eine, die nicht ganz so schwelgerische Erinnerungen weckt: Einige Jahre zuvor war ich in England gewesen. Ich ging damals einmal auf einen kleinen Supermarkt zu und sah schon aus ca. 100 Metern Entfernung eine Frau, die die Tür zum Laden aufhielt. Ich konnte das nicht einordnen, war aber recht verwundert, dass sie die ganze Zeit dort stand. Als ich den Laden betrat, sie mich grüßte und die Tür schloss, wurde mir klar, dass sie mir, einem langhaarigen Schnösel, die Tür aufgehalten hatte. Sie war übrigens keine Angestellte, sondern eine Kundin. Britische Höflichkeit scheint manchmal keine Grenzen zu kennen. Wir hatten damals einen dabei, der es nicht drauf hatte mit "please" und "thank you", und jedesmal, wenn er ein Pint bestellte und mal wieder den Satz nicht voll kriegte, halfen wir mit einem dreistimmigen "Please!" aus. Kann ich nur empfehlen, danach waren wir gern gesehene Gäste.

Ich musste sowohl in England als auch in Griechenland Geld umtauschen, was keine Riesenkunst ist und eben seine Vor- und Nachteile für Reisende hat. Der Vorteil lag im Fall Griechenlands im billigen Urlaub. Ich fuhr aber nicht herum, um möglichst billig möglichst hohe Ansprüche zu stellen. Ich wollte Land sehen und mit Leuten reden. Die meisten Europäer, so konnte ich schnell feststellen, waren freundlicher als die meisten Deutschen. Carabinieri waren mindestens so miese Arschlöcher wie unkontrollierte Bullen anderswo. Geschäftemacher sind überall eklig. Wenn man erst mal mit Leuten einen trinkt, verträgt man sich mit den meisten und versteht sich mit vielen, und das bereichert ein Leben ungemein. Das ist meine Welt, das ist mein Europa, und was ich an ihm liebenswert fand, war, dass es nicht so deutsch ist. Nicht akkurat, nicht rechnend, nicht deklassierend, nicht diskriminierend. So habe ich es erlebt.

Der Herrenmensch spricht

Und was haben wir heute? Super, ich muss kein Geld mehr umtauschen. Umtausch ist kein Thema mehr, dafür ansonsten nur noch Geld. Der Ton ist nicht zufällig der vom deutschen Kasernenhof, autoritär und herablassend. Es wird akkurat gezählt, aufgerechnet, bilanziert und präsentiert. Es herrscht der Zwang der stummen Askese. Dieselbe Akkuratesse, die politische Gerichtsvollzieher bei der Auflistung ihrer Forderungen walten lassen, dieselbe Gnadenlosigkeit beim Vollzug, kennen wir noch von damals. Unsere Pflicht, eure Pflicht, da kann man nichts machen, das ist der Befehl, der muss vollstreckt werden. Hätten sie halt rechtzeitig ihre Hausaufgaben® machen müssen. So deutsch ist Europa.

Es ist auch so deutsch, dass es wieder Feinde gibt. Ich meine hier einmal nicht den Spuk des Terroristen, sondern den in Europa. Den Russen und alle, die ihm zur Seite stehen. Mit dem darf man nicht reden, den darf man nicht verstehen, und wer es doch tut, ist kein Europäer, sondern ein Versteher. Ein Verräter. Aber das ist das Europa des Kapitals und seiner Hetzer. Sie haben sicher ihre Mittel, vielen Menschen die Köpfe zu verdrehen und ihre Parolen nachzuäffen. Stellt denen aber mal einen Griechen vor oder einen Russen, stellt was zu essen und zu trinken auf den Tisch, dann hat sich das ganz schnell. Nichts in Europa ist so, wie es seine Herrenmenschen trommeln lassen. Es ist an der Zeit, sich das wieder zu erzählen.

 
shoo

Es reicht nicht, sich zu schminken als Weibchen, es muss schon der Blowbusting Double Evesdropping Skyline Massaker von Meppelin Schade sein. Die junge Dame von Welt weiß, dass das kein psychotisches Gestammel ist, sondern das neueste Beautyprodukt. Solche Monstren, in denen das Bullshitbingo drogenzerfressener PR-Fuzzi-Hirne freidrehen darf, sind 'heutzutage' Marke. Das Gestammel konterkariert in Länge und oberflächlicher Komplexität die Orgie der Irrelevanz, deren Teilnehmer das leider für ihr Leben halten.

Ich habe mir Germany's Next Topmodel angeschaut. Was mich tatsächlich am meisten beeindruckt, ist nicht das, was üblicherweise im Kontext für Empörung sorgt. Klar sind die Mädels zu dünn und animieren zur Bulimie. Sie sind auch viel zu jung, um zu checken, wie sie da in einem knallharten Business verheizt werden. Die Klum ist komplett unerträglich und offenbar in den Bereichen, wo ihr gerade nicht ein paar aktive Synapsen fehlen, grandios zynisch. Skripted Reality schließlich hinterlässt auch in diesem Format blamiertes Jungvolk, das sich nicht klarmacht, wie teuer ein ruinierter Ruf ist.

Alles pillepalle aber gegen die Haupthandlung, das Marketing für „Mode, Beauty und Shopping“. Warum? Weil das nicht nur die Medien von Print bis TV durchgängig prägt. Es ist auch das aktuelle Leitmotiv der Blogs und der Youtube-Kanäle, der kurzfristig einmal als unabhängig und alternativ missverstandenen Medien. Wer politische Nischenblogs liest, weiß davon vielleicht gar nichts.

Völker, stürmt die Regale

Konsequent hat der Hauptsponsor, ein Autohersteller, sich auch einen Youtube-Star geholt, um die Spots zu produzieren. Der ist mit mäßig originellen Gimmicks für Kenner ein Langeweiler, für die Kids aber supercool. Ich habe regelmäßig mit Studentinnen zu tun (Männer sind kaum darunter), die gern Bloggerinnen werden wollen. Mittelschichtskinder, so gebildet wie man das heute haben kann. Was glaubt ihr, was die im Portfolio haben? Richtig: Mode, Beauty, Shopping, Reisen.

Das ist die Piste, auf der die Agenturen in den letzten Jahren immer wieder billig junges Volk einkaufen, das sich ein bisschen Stammleserschaft zusammen gebloggt hat. Die Qualität dieser Auftritte ist gemeinhin erbärmlich und zwar bis in solche Gefilde, wo große Zahlen große Zahlen schaffen. Wen soll das auch wundern, wo der Kaufbefehl das Bewusstsein ersetzt, wenn es nur noch darum geht, etwas zu haben, am besten als Erster zu haben.

Eine Welt, aus Konsum gegossen, wo alles dem sinnlosen Kauf nutzloser Waren dient und gar nicht mehr erkennbar ist, was Ware ist, was Arbeit und was Person. Letztere hat als Model, so wird dauernd betont, „Äddituud“ zu haben, muss auf Kommando posen, lachen, geil machen, und zwar „authentisch“. Der Auftraggeber dieser Mädchen, die dort auch nur Vornamen haben, kauft sie, damit sie andere zum Kauf anregen. Dargestellt wird das im Rahmen eines Produktes, das Produktion und Absatz darstellt, wobei es selbst Produkt ist mit dem Ziel, den Absatz anderer Produkte zu fördern.

Schuhe kaufen ich

Die Rahmenhandlung ist hierbei die Bewertung handelnder Personen, als ginge es dabei um deren wie auch immer menschliche Qualitäten. Die Vorgaben macht die Verwertungskette; wer sich am besten eignet den meisten Mehrwert zu schaffen, wird belohnt. Dieses schnöde Spiel begeistert nicht nur Massen junger Frauen und Mädchen, es schafft auch ein Identitätsraster, das keinerlei Abstand mehr bietet zwischen Mensch und Konsum. Dieser ist völlig in jenen eingebettet, Konsumieren ist keine Handlung mehr, sondern die oberste menschliche Dimension.

Es ist völlig zwecklos, in diesem Schleudertrauma durch die Gehirnwaschmaschine über Rollenklischees, Magersucht oder Kindeswohl zu räsonieren. Das kann man nämlich alles nicht kaufen, und bunt ist es auch nicht. Die verblödete Unterschicht findet hier kleine Träume, die sie sich exemplarisch sogar verwirklichen kann. Die Mittelschichtsdrohnen, die sich vormachen müssen, das Ganze sei etwas anderes als eine hocheffiziente Irrenanstalt, finden auf diesem Level ihrer Bewusstlosigkeit gar das Paradies. Sie wissen, dass wenn sie fleißig bleiben, sie sich das alles leisten können, sogar in verschiedenen Farben. Dieser Ausdruck ihrer Überlegenheit ist sogar sichtbar. Wenn die teuren Schuhe schmutzig werden, zieht man halt andere an, die auch nicht billiger sind.

 
df

Die Jugend war schon immer schlecht. Etwas hat sich aber geändert in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, und zwar hat ein Rollentausch stattgefunden. Inzwischen sind es nicht mehr die Alten, die auf die Unveränderlichkeit der Welt pochen und nichts davon wissen wollen, dass es noch etwas jenseits der eingefahrenen Bahnen gibt. Es ist vielmehr die Jugend, der jede Phantasie fehlt für eine Welt, in der sie nicht ganz selbstverständlich mit Spielzeugen versorgt und von ihnen unterhalten wird. Sinnfreier Konsum ist unterm medialen Overkill zur letzten Alternativlosigkeit geworden. Wir amüsieren uns nicht mehr nur zu Tode, wir sollen nicht mehr akzeptieren, auch nur eine Minute lang unbespaßt zu sein.

Ich muss natürlich zugeben, dass ich aus der Perspektive desjenigen spreche, der weder blöde an seinem Wählscheibentelefon hängen bleibt, weil ihm die geistige Flexibilität fehlt auf Knöpfe oder Tasten zu drücken, noch seine eigene Vergangenheit in der allgemeinen Geschichtslosigkeit vergraben hat. Im Gegenteil, das genau nervt mich nämlich bis zum Anschlag, dass die Jugend keine Zukunft sieht, weil sie unter organisierter Amnesie leidet und blöderweise auch noch stolz darauf ist. Reden wir einmal von diesen elektronischen Spielzeugen:

Keine Ahnung

Oppa hat selbst ein wenig Programmieren gelernt, verschiedene Sprachen gar. Oppa hat den Commodore bedient, den Atari, den PC. Oppa hat haufenweise Betriebssysteme kennengelernt, sie aufgesetzt, zerstört und repariert. Oppa kennt noch das genannte Ding mit der Wählscheibe, Telefonzellen, hat den Nummernblock gehabt, ein erstes Kabelloses, ja sogar Händies. Oppa kannte das Internet schon vor Google, kann heute noch Schnittstellen unterscheiden, Hard- wie Software, und weiß, dass ein ISA-Bus ihn nicht ins Heim fährt. Den ganzen Schnickschnack; analog, ISDN, DSL. Oppa kann einen PC mit verbundenen Augen zusammenschrauben. Was will Oppa damit sagen? Dass er nicht zu blöd ist, einen scheiß Glasstein zu streicheln, sondern dass er denkt, bevor er etwas tut.

Gern sogar weit in die Vergangenheit, lange bevor er selbst geboren war. Davon weiß er! Oppa kennt Sachen aus der Zeit von Uroppa, Ururoppa und Urururoppa. Deshalb hat er auch eine Ahnung, warum die Dinge sind, wie sie sind und sogar eine davon, wie sie werden. Scharen junger Triefnasen hingegen haben keinerlei Vorstellung von ihrer eigenen Zukunft, null Wissen über die Vergangenheit - nicht mal ihre eigene, maßen sich aber an, uns Senioren zu verzapfen, was "heutzutage" ist und was nicht. (Das Unwort "heutzutage" sollte man eh regelmäßig seinem jeweiligen Urheber in den Hals zurück wuchten). Sie kennen kein Gestern und kein Morgen, schwingen sich aber zu Experten fürs Heute auf. Ich finde, über die Prügelstrafe muss man an der Stelle ja wohl einmal reden dürfen.

Nichts weiß die Jugend mehr, gar nichts. Alles war schon immer so, und wer nicht mit der Zeit geht, den lässt sie halt zurück. Fragt einmal die Schnöselei Anfang-Mitte zwanzig, was sie in zehn Jahren tun werden. Die nehmen entweder die Beine in die Hand oder rufen die Bullen.
Was will der Irre? Zehn Jahre! Wen interessiert denn so'n Scheiß?!
Ja, wie soll man auch zwanzig Händies in die Zukunft gucken? Sag denen mal, dass es bald keine Händies mehr geben wird, nur so zum Spaß! Das Geschrei wird herzzerreißend sein, was bei Unbeteiligten wiederum nur den spontanen Reiz auslöst, neue Schuhe zu bestellen.

Wie jetzt?

Das Wort "warum" hat keine Bedeutung mehr, außer in "warum ich und nicht der" oder "warum die und nicht ich?", aber auch da ist es kein Fragepronomen, sondern ein Statement. Es fragt auch niemand mehr: "warum tut's das nicht?". Das heißt: "Gib' neu!", und wenn das passiert, bevor ein neues Modell aus den Kolonien da ist, ist Revolte angesagt. "Geht nicht" geht gar nicht!

Nicht übrigens, dass das Frischgemüse im Vorfeld durch sein Verhalten etwas dazu beitrüge, dass 'Ding tut'. Nö, Ding hat zu tun, ist gefälligst selbsterklärend, bunt, geil und vor allem mühelos! Wenn kaputt wegen mühelos, dann mühelos neu. „Wegen“ müssen wir hier allerdings schon streichen. Als würde etwas nicht funktionieren, weil man es einfach benutzt! Als gäbe es außer fetten hässlichen Nerds irgendwen, der durch sein Verhalten die Technik beeinflusst. "Verhalten" ist nämlich so was von Neunziger Jahre – oder eben eine Art Persönlichkeitsstörung.

Den kenn' ich

Die Idiotengenerationen meiner Eltern und Großeltern haben uns Sprüche wie "Das tut man nicht!", "Das war schon immer so." und "Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh' doch nach drüben!" in den Schädel geprügelt. Mann, müssen die glücklich gewesen sein, als denen endlich eine wandelnde Handtasche erklärt hat, dass es tatsächlich "keine Alternative" mehr gibt! Die Frage "Warum" aus unserer Richtung gab eine Extrarunde Wangenmassage. Es war zum Verzweifeln: Du konntest diesen Graupapageien nicht einmal beibiegen, dass da was gewesen war, ehe im Takt der Demokratie weitermarschiert wurde. Wollten sie nicht wissen. Eigentlich wollten sie gar nichts wissen, schon gar nicht von einer Zukunft, die ihnen geistige Flexibilität abverlangt hätte.

Und jetzt habe ich denselben Salat von der anderen Seite. Mein akademisches Interesse an dieser Geschmacksrichtung von Verzweiflung stellt mich am Ende nur vor die Frage, welche Generation die verkalktere ist und von wem ich eher erwarten darf, dass die Oberstube irgendwann noch einmal einen Tapetenwechsel erlebt. Wahrscheinlich gibt es nur eins, was beide noch aus den Schluffen brächte: Wir brauchen wohl einen neuen Hitler. Das ist eh der Einzige, von dem beide schon mal was gehört haben.

 
Lächle doch mal! Sei nicht so negativ! Trink' doch einen mit, stell' dich nicht so an! Sieh doch mal das Schöne im Leben! So schlimm wird es schon nicht sein. Lebe deinen Traum und träume nicht dein Leben! Kopf hoch, sonst fällt das Krönchen ...

Ja genau. Wieso zur Hölle bin ich da eigentlich noch nicht selbst drauf gekommen? Mannmannmann, da kullert doch mein Krönchen, weil ich Dummie wieder vergessen habe, das Köpfchen hoch zu nehmen! Das Geilste an vielen Mutmachern ist ja, dass sie nicht nur zu doof sind, sich Gründe auszumalen für die schlechte Stimmung, die ihnen aus einem Gesicht entgegenschlägt.

Nicht nur, dass sie einem nicht einmal die Depression gönnen, nein. Sie sind dann auch noch empört, wenn sie es mit der aggressiven Variante der Bewältigung zu tun bekommen. Dabei muss jeder, der mich länger als 5 Minuten kennt, ahnen, wie nah ich am Tourette gebaut bin. Das ist doch dann ganz einfach: Nicht reinsprechen, kein Echo.

Ruhedonnerwetternochmal

Früher wollte ich Busfahrer werden. Ich war auf der Stelle verliebt in den Job unter dem Schild über dem Paradies: "Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen!". Ich hätte den Fahrgästen jeden Tag aufs Neue deutlich gemacht, was "Gast" bedeutet und dass sie NICHT MIT DEM FAHRER zu SPRECHEN haben. Denn "Fahrt", das wär' wohl, wenn ich da wäre. Niemand hätte mich aufgemuntert. Niemand hätte gemuckt. Nicht auf meiner Route.

Sei doch mal positiv! Bin ich doch, oder zählt mein HIV-Test etwa gar nicht?! Wo ist dein Optimismus? Meiner? Das ist deiner. Ich habe irgendwann nach meiner Geburt einmal nachgedacht. Seitdem bin ich Realist, also Pessimist. Nachdem ich damit also schon kein Glück mehr hatte, kam noch Pech dazu. Tut mir also leid, wenn meine eingefrorene Visage dir Kummer bereitet. Soll ich mich töten für dich? Ich könnte das gleich hier tun. Ich meine, wenn das wirklich so schlimm für dich ist ...

Seien wir doch mal ehrlich. Die besten Zeiten haben wir hinter uns, wenn wir merken, dass wir sie vielleicht mal hatten. Okay, jetzt kann man in alten Zeiten schwelgen und sich schon morgens besaufen, um nicht zu merken, dass es nie mehr so wird. Werden die Zeiten dann aus irgend einem Grund noch schlimmer, vielleicht die nächste Droge on top, das wird aber teuer, macht's nicht besser und ist wirtschaftlich für viele auch einfach nicht zu stemmen. Bleibt also was? Richtig: Depression. Wie gesagt, in unterschiedlichen Varianten.

So, jetzt sind da draußen aber permanent Haufen von Hohlfrüchten unterwegs, die einem das verleiden. Wisst ihr, wie ich das nenne? Diskriminierung, übelste Sorte. Vergräbst du dich zuhause, locken sie dich raus, gehst du raus, kommst du keine fünf Meter weit ohne auf ein Rudel Gurken zu stoßen, aus dem mindestens zwei Scheiben dir mit ihrer zur Schau gestellten Lebensfreude auf die Eier gehen. Diese Zuchtmeister der Schunkelstimmung, die all ihren hasserfüllten Optimismus darauf verwenden, harmlose Autisten in den Suizid zu umarmen.

Schluss mit der Unterdrückung

Diese Psychorassisten wollen dabei nicht nur die schlechte Laune, die Depression und den Zorn liquidieren. Der Völkermord an der einstmals hohen Kultur des Fluchens, Nörgelns und Keifens schreckt selbstverständlich nicht vor der totalen Vernichtung unserer Sprache zurück. Warum muss etwa ein Jurist sich hinter der Floskel: "Hochachtungsvoll" verstecken, wenn er "Leck' mich am Arsch" meint? Oder "Mit vorzüglicher Hochachtung" anstelle des ehrlichen "Du blöder Wichser!"? Warum heißt es "Guten Morgen", wenn einem bestenfalls egal ist, wie ein irrelevanter Mitinsasse dieses verschwendeten Planeten den Vormittag findet?

Damit wie gesagt nicht genug; wenn man nur gerade der Norm der fröhlichen Heuchelei entspricht, findet sich immer, überall und sofort ein Weltverblöder, der mehr Begeisterung verlangt (hier sollte es doch wenigstens auffallen, dass ein Mangel an Geist zwar notwendige Bedingung ist für diese Haltung, aber eben gerade nicht dadurch kompensiert werden kann). Ich hingegen verlange eine Aufnahme der Stimmungsaustisten, Depressiven und Entnervten ins Antidiskriminierungsgesetz. Fortan soll, wer anderer Menschen Stimmung aufzuhellen versucht oder sie gar selbst dazu auffordert, ihre Stimmung zu wechseln, sanktioniert werden wie jeder andere miese Stalker.

Außerdem erwarte ich eine Anpassung der Regeln des offiziellen Schriftverkehrs dahingehend, dass ein Idiot auch "Idiot", Scheiße "scheiße" und überhaupt jede der vorgeblichen Neutralität entzogene Empfindung der dunklen Seite beim Namen genannt wird. Wer dies als ungebührlich, zu 'negativ' oder pessimistisch empfindet, ist aufgefordert, dergleichen fortan uneingeschränkt lustig® zu finden. Lach' doch mal drüber! Hab' dich nicht so! Stell' dich nicht so an! Ey, du hast es doch gut!

p.s.: Den hier hätt ich beinahe vergessen:

 
glob

Bundesarchiv, B 145 Bild-F015051-0003 / Patzek, Renate / CC-BY-SA

Wenn man sich in diesen Tagen fragt, warum eine bestimmte 'Wirklichkeit' präsentiert wird von Medien und dem politischen Establishment, eine, die keine Hemmungen zeigt gegen Biegen und Brechen, eine, die von Lesern und Zuschauern aggressiv fordert, man solle sie gefälligst glauben und nichts anderes, ist es schwierig, einen Ansatzpunkt für eine Erklärung zu finden.

Beispiele: Ein brutaler islamischer Despot wird posthum nicht nur zum Friedensengel verklärt, sondern auch noch zum Freund der Frauen. Da werden Bildausschnitte gewählt, aus denen eine völlig andere Geschichte spricht als sich ereignet hat und Kritik daran rüde abgebürstet. Da wird nach immer drastischeren Beschneidungen der Bürgerrechte geschrien, just nachdem sich wieder einmal gezeigt hat, dass dies den vorgeblichen Zweck völlig verfehlt.

Die Agenda

Dennoch sieht man sich einer Front gegenüber, einer Einheitspropaganda, die provozierend tölpelhaft erscheint. „Wie können sie das ernsthaft erzählen?" ist die Frage. Dabei hilft es wenig, auf die Arroganz der Macht zu verweisen und auf Interessen, die dahinter stehen. Natürlich ist das meist so, aber es erklärt weder die konkreten Inhalte noch die Selbstverständlichkeit, mit der die Balken gebogen werden. Dazu muss man weiter zurückgehen.

Die beherrschenden Themen, zu denen die absurdesten Konstrukte von 'Wahrheit' geliefert werden, sind die Ökonomie der 'Krisen', die militarisierte Außenpolitik als 'Antiterrorkampf' sowie das Handeln und Behandeln der Geheimdienste, deren unkontrollierter Macht von Seiten derer, die sie kontrollieren sollten, mit immer mehr Befugnissen begegnet wird. Dabei fallen hierzulande zwei Phänomene auf: Einerseits sind deutsche 'Dienste' eng mit einem wuchernden Konglomerat der NATO verbunden, andererseits hat sich herausgestellt, dass sie im Inland mit Netzwerken von Neonazis verfilzt sind.

Wenn man weiß, dass die deutschen Dienste von Nazis und Alliierten aufgebaut worden sind und dass auch die staatliche Strafverfolgung und Justiz zutiefst von Nazis durchdrungen waren und von ihnen aufgebaut wurden, liegt die Frage nach einer Kontinuität nahe. Gibt es noch andere Stränge der Geschichte, die nie abgerissen sind? Kann es sein, dass die Lebenslüge einer nie demokratisch gewordenen Gesellschaft sich offenbart? Dazu müssen wir uns in die Zeit zurück begeben, in der das Nazireich in die Bundesrepublik Deutschland überführt wurde. Ein Seitenblick auf die DDR wird ebenfalls hilfreich sein, da die aber nicht zur NATO gehörte, sondern dereinst zum 'Feind', ist dort ein Bruch nur logisch.

Nützliche Nazis, gefährliche Linke

Für mich war ein Anlass zu diesem Versuch der hervorragende Artikel von Thomas Fischer, der gleich zwei Aspekte des Problems berührt: Die Frage, warum ein Richter solche Qualität abliefert, zu der Journalisten nicht mehr fähig scheinen und sein bemerkenswerter Satz: "Die ersten sechs Generalbundesanwälte unserer Republik waren frühere Mitglieder der NSDAP" (dezente Korrektur und weitere Informationen dazu hier). Die Kontinuität der Herrschaft von Nazis ausgerechnet im Bereich Innere Sicherheit war nahezu total. Das muss man sich zunächst vor Augen halten, wenn man verstehen will, wie der Apparat noch heute aufgebaut ist.

Die Alliierten unter Führung der USA hatten einige prominente Nazis hinrichten lassen und mit den anderen einfach weitergemacht. Sogar einen gemeinsamen Feind hatte man mit 'den Russen', der Sowjetunion. Die Deutschen kamen vor allem nicht darüber hinweg, von den "Untermenschen" des Ostens besiegt worden zu sein und die USA mussten die Systemkonkurrenz angreifen. Die Einigkeit gegen den bösen Russen trug vom ersten Tag - bis heute. Dazu konnte man ehemalige Nazis hervorragend gebrauchen, während etwa Sozialisten beide Projekte aufs Äußerste gefährdet hätten. Dazu mehr im nächsten Artikel.

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