kollateralschaden


 
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Moral ist so lustig, insbesondere, wenn sie sich mit Politik mischt. Sehr gern genommen: Sätze nach der Art "Jedes xy ist eines zu viel", Topfavorit hier: "Jeder tote ...", Championsleague-Sieger: "Jedes tote Kind". Selbstredend. Völlig klar. Uneingeschränkt. Aber ... also wir können ja nicht jedem helfen. Sagen wir mal: "Jedes tote Kind der christlichen weißen Mittelschicht, Eltern Nichtraucher, festangestellt und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet".

Obwohl ... also selbstredend gelten für unsereinen nicht die Ausnahmen, die bei aller Universalität von Freiheit, Menschenrechten und Moral dort gemacht werden müssen, wo wir unsere Lebensart noch nicht haben durchsetzen können. Eine Drohne ist schließlich nicht katholisch (selbst wenn gesegnet), das Gas von Degussa kennt keinen Gott und im Kampf um Freiheit, Hindukusch und Handelswege ... also kurzum: Das sind alles bedauerliche Einzelfälle, gern gehäuft anfallend, aber im Grunde würden wir schon wollen.

Jeder Euro einer zu viel

Auch wenn rund um die Flüchtlingswahl zum Deutschen Bundestag deutlich wurde, dass die Wanderungsbewegung in die Sozialsysteme nicht hinnehmbar ist mit all ihren oft unästhetischen Folgen, so will ich an dieser Stelle auch davon nicht sprechen. Strandgut und Schlepperbanden, das wird die Koalitionsverhandlungen hinreichend belasten, auch ohne dass man sie obendrein moralisch auflädt.

Nein, aber es ist vielleicht doch darüber nachzudenken, was die vernünftige Sparsamkeit der scheidenden schwäbischen Hausfrau im Finanzministerium und ihrer Kolleginnen angerichtet haben. Ich weiß, es gibt keine Alternative; der faule Grieche hat das zurecht zu spüren bekommen. Was aber ist mit den armen Kindern unserer fleißigen Angestellten und Angesteltinnen? Müssen die wirklich verbrennen? Für 3000 Euro? Kann man nicht wenigstens eine Spendengala ...?

 
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Die Deutschen hatten gegen die Spanier nicht nur deshalb keine Chance, weil die zuständigen Schiedsinstanzen nicht bereit waren, regulierend einzugreifen. Sergio Ramos spielt Torwart, ist aber keiner. Normal ist das Rot und Elfmeter. Vor allem aber waren der Brite und der Portugiese auf Seiten der Spanier immer einen schritt schneller als der Türke und der Pole auf der anderen - da konnte der Grieche noch so souverän klären.

Entschieden wurde das Spiel auf den Außenpositionen. Dortmunds rechte Verteidigung zeigte in der einen oder anderen Situation eine zu tranige Reaktion. Auf Links fehlt seit langer Zeit eine Alternative. Die klassischen Besetzungen fallen noch immer aus. Als man auf Personal für den linken Rand ganz verzichtet hat, wurde es tatsächlich nur besser. Wenn man niemanden mehr hat, der die Position gut ausfüllt, überlässt man sie besser der Innenverteidigung.

Das Spiel der Anderen

Wie der holländische Trainer der deutschen Mannschaft richtig feststellte, waren sie "immer einen Schritt zu spät". Hinterherlaufen ist nicht nur frustrierend; man macht es dem Kalkül des Gegners schlicht zu leicht und spielt am Ende dessen Spiel nur mit. Dortmund hat sich zwar bemüht, eigene Akzente zu setzen, in den entscheidenden Situationen aber nur reagiert - und dann zu halbherzig.

Andere Probleme hat derweil der neue Stern am europäischen Fußballhimmel. Deren Offensivkräfte liegen im Clinch um die Frage, wer die Elfmeter schießen darf. Der Clubchef bot dem Spieler Cavani (für 64 Millionen gekauft) eine Million Euro an, wenn er Neymar (für 222 Millionen gekauft) die Elfer treten lässt. Cavani hat flugs errechnet, dass dieser Betrag nicht einmal 0,3% von Neymars Jahresgehalt entspricht. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil. Man sollte den Fußball daher seriösen Geschäftsleuten überlassen, die solche Anfängerfehler vermeiden.

 
tq

Die Begriffe "Klickstricher" und "Awarenesshure" sind völlig aus der Mode gekommen; dafür spricht man heute über "Stars", wie in "Instagram-" oder "Youtube-". Als Anfang der 2000er eine relevante Kultur von Textblogs in deutscher Sprache entstanden war, galt es als unfein, sich an Leser heran zu wanzen, indem man statt Inhalten bloß Zeugs lieferte, das Aufmerksamkeit erregen sollte. Auch das Besprechen von 'Produkten', die man für solche Schleichwerbung geschenkt bekam, war anrüchig.

Der Wind weht längst aus der ganz anderen Richtung, was sich jenem Sog verdankt, in dem sich Kapital und Massen von Idioten zu einer großen Kloake vereinen. Wussten die zumeist irgendwie professionellen oder zumindest sachkundigen Benutzer früherer Zeiten noch, warum man von "virtuell" sprach, wenn Identität im Internet gemeint war, toben inzwischen Schwärme von Lemmingen durch den Äther, die in gebückter Haltung ihre Maschinen streicheln und ein "Pokemon" nicht mehr von einer Laterne unterscheiden können.

Helden in Strumpfmasken

Der "Standard" hat so ein Beispiel, warum man nichts. glauben. darf., Grundgesetz und Kernkompetenz der Netznutzung. Wir Alten wissen das noch. Schauen wir uns diesen widerlichen Aufschneider aka "Instagramstar" und seine halbgescheite Klientel einmal näher an:

Ein Krebsopfer also - zumindest eine der gröbsten Schablonen, mit der Arschlöcher zu Werke gehen, denen jedes Mittel recht ist, sich in den Mittelpunkt zu rempeln. Look! At! Me! Wo immer ich hier lese "Ich habe Krebs", ist selbstverständlich mein erster Gedanke: "Nein, hast du nicht, du Wichser." Man tut sich keinen Gefallen, wenn man sich im Internet auf Drama und große Gefühle einlässt. Das gehört nicht hierher.

Du willst es doch auch

Wer Krebs hat, braucht zwei Dinge ganz sicher nicht: Schmalziges 'Mitleid' oder Heldenverehrung - gemeinhin genau das, was diese Simulanten einheimsen. Allein schon "hat den Krebs besiegt", dieser Bullshit aus dem Boulevard, sieht aus Sicht der Kranken und ihrer Angehörigen ganz anders aus und bedeutet meist: Hat die Chemo überlebt und bangt weiter. Krebs ist null rührend. Krebs ist scheiße, egal ob du damit lebst oder stirbst. Das Geschäft mit dieser Aufmerksamkeit ist etwas für Halsabschneider und Zuhälter.

Im vorliegenden Fall haben wir dann noch einen Poser, dem das nicht reicht und der den Helden spielt, indem er Bilder von Kriegsopfern klaut. So etwas wird also "Star" im Internet, obwohl seine 'Werke' so offensichtlich und leicht nachweisbar zusammengeklaut sind, dass jeder, ja wirklich jeder, der mit einem Minimum an Zweifel solchen Trash konsumiert, das erkennen müsste. Tun sie aber nicht. Der Schwarm schwärmt und träumt, und wenn dann der Wecker klingelt, werden sie patzig. Dabei ist das nicht einmal Betrug. Das ist Kundendienst, oder deutlicher gesagt: Dienst am Freier.

 
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Es ist ein Fehler, sich nicht für Banalitäten zu interessieren. Man muss ja nicht vor dem TV verblöden, aber so in etwa zu wissen, womit die Zeitgenossen ihre Freizeit verbringen, schadet nicht. Es kann im Einzelfall sogar unterhaltsam sein. Obwohl ich bei einigen Gelegenheiten schon die Erfahrung machen durfte, dass allein die Erwähnung des Wortes "Fußball" den tolerantesten meiner Leser ein Schaumkrönchen auf die Lippen zaubert, ist es wieder einmal an der Zeit, darüber zu sprechen.

Im Profifußball werden zwischen den 'Vereinen' (oft Aktiengesellschaften) und den 'Spielern' Zeitverträge geschlossen. Will der Spieler vor Ablauf der vereinbarten Laufzeit den Verein wechseln, so ist das meist möglich, es wird allerdings eine Ablösezahlung fällig, die in der Regel der neue Verein zahlt. Was sich jüngst in diesem Geschäft zugetragen hat, illustriert aufs Gröbste, in welchem Stadium sich der weltweite Kapitalismus befindet und was sozialdemokratische Konzepte dazu beitragen.

Kauf mir das

Immer mehr Clubs gehören Milliardären oder werden von solchen finanziert. Die Herren der Welt haben ein bekanntes Problem: sinkende Profitraten oder einfacher: Sie wissen nicht, wohin mit ihrem Geld (Ich weise dabei noch einmal auf den lehrreichen Vortrag von Heinz-Josef Bontrup hin). Überall, wo sie es noch irgendwie glauben vermehren zu können, eimern sie es daher hinein. Umso besser, wenn sie dabei noch als Clubchefs auftreten können. Das lässt sie noch wichtiger® erscheinen.

Jüngst wurde ein Spieler namens Neymar vom FC Barcelona zu einem Club transferiert, der durch Scheich Nasser al-Khelaifi mit katarischen Ölmillionen gefüttert wird. Diesem gefiel es, eine Ablöse von 222 Millionen Euro für den Fußballer zu zahlen. Dieses Geld flutet also das Geschäft, und in der Folge landeten davon bis zu 147 Millionen bei Borussia Dortmund, die zufällig letztes Jahr einen jungen Spieler namens Dembélé unter Vertrag genommen hatten, den wiederum Barcelona gekauft hat. So weit, so hässlich, that's Capitalism.

Man müsste nur regulieren

Man könnte jetzt fragen, wo da der Sport bleibe, aber das ist albern - es sei denn, man wäre Sozialdemokrat. Die hegen, wie wir wissen, den Kapitalismus ein und retten damit auch den Sport. Sie tun das, indem sie Regeln aufstellen und auf deren Einhaltung achten [Lacher vom Band]. Im Sport sind es die Verbände (IOC, FIFA, UEFA), die hier für Fairness sorgen [der Säzzer ist gerade vor lachen in Ohnmacht gefallen]. So sind Ablösezahlungen nur bis zu einer bestimmten Höhe erlaubt, abhängig vom Gesamtumsatz des Clubs. Nun, in unserem Fall hat Herr Neymar daher seine eigene Ablöse selbst gezahlt und bekommt von Katar ganz zufällig einen Vertrag als Fußball-Botschafter in ähnlicher Höhe.

Wir sehen also, dass nicht nur ein System wie der Sport oder sein Subsystem Fußball durch Geld völlig umgedreht und zu einer Konkurrenz von Ausbeutern und deren Erben wird, die letztlich darüber entscheiden, wer oben schwimmt und wer untergeht. Wir sehen ebenso, dass alle Versuche, einen Geldtsunami einzudämmen, wirkungslos bleiben und das Einzige, das die Selbsternannten Wächter von Sitte und Anstand zuwege bringen, Korruption ist. Korruption, die anfangs ehrliche Menschen am Ende entweder ausspuckt oder auf 'links' dreht. Deshalb nennt man diese, wo sie in Amt und Mandat sind, auch noch immer "Linke".

 
hn

Könnte Luthers Gott nicht stolz auf mich sein? Ich verbringe derzeit viele Stunden bei einer Affenhitze in einer Dachgeschosswohnung, um dort zu dilettieren, wobei ich das in der mir eigenen Überheblichkeit "renovieren" nenne. Bekanntermaßen lebe ich auf äußerst bescheidenem Niveau von Texten, die ich so vertexte, was jederzeit zu wenig zu werden droht, aber man hält sich so gerade über Wasser. Oft stelle ich mir vor, wie mein Leben als Leibeigener des JobCenters wäre.

Ich meine nicht nur die ganzen Gewaltphantasien, die mir das Fernsehen ersparen. Ich meine auch, wozu ich dann keine Zeit hätte. In irgendwelche Maßnahmen gepresst, zu sinnlosen Terminen geschickt, mit blödsinnigen Bewerbungen schikaniert oder gar in einen prekären Job gezwungen. Das ist schließlich zumutbar, denn alles andere ist der Lenz, der faule und muss sanktioniert werden; bestraft, bestraft!

Wichtig ist ...

Da kannst du nicht mal eben sagen: Hört mal, meine Tochter hat einen sehr anstrengenden Job und obendrein gesundheitlich zu tun, da lasse ich sie doch nicht hängen und sehe zu, dass ihre Wohnung fertig wird. Sie wissen doch, die jungen Dinger, keine Zeit, keine Ahnung. Ich habe von beidem mehr oder weniger genug, da wäre ich doch mit Malerweiß getüncht, würde ich nicht helfen.

Ha! Da kann ja jeder kommen! Wenn Sie keinen wichtigen Grund haben ...
Aber das ist ein wichtiger ...
Ha! Da kann ja jeder kommen! Was ein wichtiger Grund ist, bestimmen wir! Ich kann auch nicht mal eben nach Hause gehen, weil ich ... blablasülz, Pflicht, Ordnung, Vaterland. Amen.

... was Mehrwert schafft

Du kannst, wenn du Glück hast, vielleicht drei vier Minijobs machen, oder einen vollen mit Mindestlohn, dann nämlich kannst du renovieren lassen. Haha, kleiner Scherz. Als könnte sich das irgendwer leisten. Das Prinzip, das dahinter steckt, ist jedenfalls deutlich: Es interessiert niemanden, ob du arbeitest. Du sollst Mehrwert schaffen. Dazu stehlen sie dir, so sie können, jede Freizeit. Wichtig ist, was Mehrwert schafft. Alles andere sind Ausreden, ist Luxus, ist sogar unerwünscht.

Erwünscht hingegen dürfte sein, dass der Zwang zur Dienstleistung - auch auf Seiten privater Auftraggeber - die Kultur gegenseitiger Hilfe abwertet und zerstört. Ich bin wohl doch kein guter Lutheraner, denn der wollte, dass Menschen schuften, um Gottes Gnade zu verdienen und nicht um anderen eine Freude zu machen. Mehrwert, Wachstum, Gottes Gnade, das ist am Ende ein und dasselbe.

Zusammenfassung: Merkel macht einen guten Job. Alle sind zufrieden. Wir brauchen härtere Strafen.

 
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Ich hatte gestern PMS oder so was, und eine meiner Stimmungen war die mit den komischen Schaumbläschen im Gesicht, die einen Dinge zerlegen lässt, die man eigentlich noch am Stück benutzen wollte. Anlass zu solchen Eruptionen sind gern die mannigfaltigen Unbilden, die uns die Maschinen bereiten. Hardwarefehler sind eh der fünfte Reiter der Apokalypse (der Zombie). Was mich aber grenzenlos abnervt, ist die Software. Wenn ich so etwas hier lese, bestätigt sich das, was ich donnernd in die Blechkiste hinein rief, in der das Grauen seine Heimat hat.

Ich schlage mich in der einen oder anderen Form seit 35 Jahren mit diesen Maschinen herum, und spätestens die letzten 10 machen keinen Spaß mehr. Selbst Linux ist auf einem Weg, der mich von ein paar Irren abhängig macht, deren Entscheidungen alles auf den Kopf stellen, was die Projekte einmal ausgemacht hat (nein, meine Kenntnisse und Fähigkeiten reichen nicht hin, um mir aus einem Kernel und einer Büroklammer selbst eins zu bauen). Was andere derweil veranstalten, ist der fünfte Reiter; der Kapitalzombie aus der Hölle des binären Bullshits.

Von den Telefonstreichlern, Lemmingen und Mitmachern, für die in vielen Großstädten bereits die Laternen gepolstert und die Ampeln in den Asphalt eingebettet werden, will ich gar nicht anfangen. Bist du damit einverstanden, dass der Äpp Game Store- Musicshop dir ab sofort ohne Zustimmung und Auswahl bunte Dinge installiert, die dich glücklich machen? Jaaaa! Wirst du dich dabei filmen, abhören und speichern lassen oder willst du ein Langeweiler sein? Pfui Deibel!

Hol' dir das neue Maximin!

Nein, ich meine die wirklich einfachsten Dinge. Surfen, Email, schreiben und vielleicht einmal drucken. Kann mir jemand erzählen, warum ein Scannertreiber, der seit Jahren installiert ist, bei demselben Betriebssystem und demselben Scanner plötzlich ein Update braucht, das eine Stunde dauert? Habe ich dazu das verfickte Windows hochgefahren? Nicht scannen kann ich auch ganz ohne Betriebssystem.

Derweil versucht Redmont also immer noch, fremde Browser auszusperren, und zwar nicht einmal, weil die von der konkurrierenden Datenkrake sind, sondern weil die Billies mal wieder denken, das wäre eine schlaue Verkaufsstrategie. Künftig wird also jedes verdammte Dorf seinen eigenen Onlineshop haben, von dem man alle 'Äpps' (wieso heißen die eigentlich nicht mehr "Programme"?) herunterladen muss, einschließlich Abo und Leibeigenschaft. Früher habe ich einen Datenträger in die Maschine geschoben, kopiert, und fertig.

Aber nein, das muss heute mit tausendfach schnellerer Hardware über ein obszönes Breitbandnetz mit ungeheurem Energieaufwand für eine Mörderkohle so lahmarschig sein, dass ich einen Vormittag brauche, um einen Brief auszudrucken. Die Scheiße wird Jahr für Jahr schlechter, aufwendiger, langsamer, nerviger. Tante Frieda läuft Amok. Der einzige Fortschritt: Es lässt sich für immer weniger Profiteure von immer mehr Opfern immer mehr Geld einsammeln. Capitalism, fuck yeah!

 
be

Mein Fundstück des Monats [via]:

"Wirkung von Werbung unterliegt noch immer häufig mythischer Einordnung. Dagegen differenzieren Wissenschaftler. "In der öffentlichen Diskussion werden Kinder gern als Opfer von Werbestrategien dargestellt. Tatsächlich vermittelt Werbung emotionale Orientierung, die Kinder bedürfen, um in der modernen Gesellschaft zurechtzukommen".

Das nenne ich einen Clusterfuck unverschämter Verlogenheit. "Wissenschaftler" also. Welche jetzt genau? Egal, wird ja nicht belegt. "Differenzieren"? Wo? Da ist keine Differenzierung, sondern nur eine unbelegte Behauptung. Diese wiederum ist ja nicht nur gelogen und völlig einseitig; das halten diese professionellen Lügner ja für ihren Job. Nein, was daran beeindruckt, ist die Selbstwahrnehmung im Zusammenhang mit der Vorstellung davon, was man Adressaten noch zumuten kann.

Die Grenze zwischen Ideologie und Schwachsinn ist hier um Lichtjahre überschritten. Diesen Totalquatsch glaubt niemand mehr. Lediglich die Auftraggeber glauben, es könnte noch jemanden geben, der das glaubt. Vielmehr: Man müsste das nur sagen, dann würde es wer glauben. In der Filterblase der Psychose folgt alles nur noch dem freidrehenden Subjekt, alle Gesetze gehorchen dem Wahn. Emotionale Orientierung. Durch Werbung. Das wäre fürs Kabarett so weit drüber, dass man die Nummer nicht aufführen würde.

Jenseits der Sinne

Die dem Schwachsinn anheim gefallenen Urheber sind dieselben, von deren Wohlwollen die Existenz der Verlagsmedien abhängt. Deren aktuelle Paranoia vor den Fake News® ist nicht minder komisch, gibt es solche doch schon lange. Etwas, das vorgibt, eine Nachricht zu sein, so aussieht und sogar dieselben Autoren hat, kennen wir als Auftragsartikelchen, über denen im Glücksfall "Anzeige" steht. "Native Advertising" als "Werbeform" ist die Definition von Fake News.

Der Wirrwahn beginnt wie immer an der ganz anderen Ecke. Man stelle sich vor, die Welt wäre eine Schreinerei, in der niemand von Bäumen sprechen dürfte. Man kennt Holz und dessen Verarbeitung in allen Formen und Feinheiten, aber das Thema "Bäume", womöglich "Natur", wäre absolut tabu. So geht das in der wirklich unwahren Welt mit dem Kapital und den Profiten. Wenn man nur ein paar Jahrzehnte in diesem Irrenhaus gelebt hat und die dritte Generation irrer Aufseher für den reibungslosen Ablauf sorgt, geht alles, nur nicht mehr Realität.

Eine Welt, die solche Konsumgüter vorhält, kennt kein wahr und falsch mehr, kein echt und gefälscht, es sei denn als Zeichen der Herrschaft. Wer das falsche Echte bestimmt, bestimmt auch das Echte als Falsches. Das ist eine schlichte Statusfrage. Was ist das Bemühen um Wahrheit, um aussagefähige Untersuchungen, wissenschaftliche Methoden, Theorien und Zweifel gegen die Expertise des prominenten Mietmauls? Was die Geschichte eines Malochers gegen Designerjeans, die den Schmutz schwerer Arbeit authentisch, aber hygienisch und in höchster Qualität repräsentieren?

p.s.: Zum Eingangssatz: Dieser Satz ist m.E. auch im ursächlichen Zusammenhang (.pdf) Bullshit. Er biedert sich einer Nutzung wie der durch den ZAW nachgerade an. Allerdings bezieht er sich ausdrücklich nicht auf simple Produktwerbung. Im Übrigen halte ich auch das ganze Werk für Tinnef.

 
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Ich habe bei einigen Gelegenheiten bereits gesagt, dass ich auch einer Art Chronist bin, was mir immer wieder deutlich wird, wenn es scheinbar nichts zu sagen gibt. Auch ist es in Zeiten dröhnender Propaganda keine Option, der ständigen Wiederholung von Lügen nichts entgegen zu setzen.

Dabei möchte ich einerseits gern die Contenance bewahren, andererseits kommt mir derart die Galle hoch, dass ich nicht den Eindruck erwecken möchte, das alles ließe mich kalt. Daher wähle ich den Begriff "angepisst" für meine Befindlichkeit, schon angesichts der dreisten Lüge, Julian Assange habe Trump gelobt und gesagt, Wikileaks würde keine Leaks aus Russland veröffentlichen, weil dort die Debatte so offen und umkämpft sei.

Tatsächlich hatte er gesagt, Trump habe im Gegensatz zu Clinton noch kein Netzwerk in den politischen Strukturen und von daher könne es eine Veränderung geben - "zum Besseren oder zum Schlechteren". Zu Russland sagte er, Wikileaks sein eine englischsprachige Plattform und müsse sich daher auf verbliebene offene Medien in Russland verlassen - weil das Wikileaks-Team Russisch schlicht nicht versteht.

Offene Lügen

Das Schlimme daran ist, dass Ben Jacobs im Guardian nicht nur gelogen hat und dass dutzende Medien dennoch von ihm abgeschrieben haben, sondern dass das Interview für jedermann nachlesbar ist. Noch Wochen später wurde dieser Stuss aber auch von deutschen Medien wiederholt. Ebenso verhält es sich mit dem Nachplappern von Unsinn, der von bezahlten Lügnern aus den Geheimdiensten kolportiert wird, insbesondere im Hinblick auf Russland.

Auch hier wieder Gegenteiltag. Es ist durch den Stratfor-Chef George Friedman bekannt (und auch schlicht plausibel), dass die USA mit all ihrer Macht eine enge Kooperation von Deutschland und Russland verhindern müssen. Wenn aber aus den NATO-Seilschaften behauptet wird, Russland versuche mit geradezu magischer Macht einen Keil zwischen die USA und Deutschland zu treiben, dann wird das hier wieder und wieder durchgeorgelt.

Sprechende Eselsmützen

Die konservative NZZ hat einen genaueren Blick auf die letzten Gerüchte aus diesem Sumpf geworfen und etwas Hintergründiges dazu geliefert. Die Beteiligten an der Produktion falscher seriöser® Nachrichten verfolgen Interessen. An Wahrheit sind sie nur so weit interessiert, wie sie ihnen nützt. Für die Strategie bleibt es zwar sinnvoll, die ausgesuchten 'Informationen' abzusichern, um nicht nur als Clown dazustehen, aber die Kette von zweifelhaften Quellen bis in die Lautsprecher der Massenmedien lässt kaum mehr etwas anderes durch als die Propaganda einer völlig verkrusteten 'transatlantischen' Gemeinschaft.

Sogar Mathias Bröckers muss dazu nicht mehr seine gern haarsträubenden Mixturen aus Fakten und Halluzinationen ausrollen; er lässt vielmehr Humor erkennen in einem zutreffenden Kommentar zu diesem Spiel, das eine amüsante Seifenoper wäre, ginge es nicht um Menschenleben und womöglich das Schicksal der Menschheit. Vielleicht müssen wir die Konsequenz ziehen aus der Unmöglichkeit, über solche 'Politik' noch vernünftig zu debattieren und die Protagonisten als die Witzfiguren behandeln, die sie sind. Dann wählen wir den besten Clown und lachen uns tot.

 
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Ich finde es immer scharf, wenn man von mir als Kritiker des Bestehenden verlangt, ein perfektes System zu entwerfen, was so etwas ist wie die Aktualisierung von "Geh' doch nach drüben!". Man muss ja nun wirklich nur die Augen aufmachen und stellt fest, dass dieser Scheißkapitalismus einem nicht nur jeden Tag versaut, sondern quasi jede Minute. Zählt doch mal, wie oft am Tag ihr Zwängen begegnet, die etwas mit dem Unsinn zu tun haben, aus Geld mehr Geld machen zu müssen. Okay, ihr könnt bei 100 aufhören.

Ähnlich verhält es sich angesichts der Gravitation dieses Schwarzen Lochs mit den ganzen tollen Reparaturvorschlägen, die im Zweifelsfall mit dem überlegenen Wissen einhergehen, ein Buch von 1867 könne ja nun gar nichts zur aktuellen Lage sagen. Na dann schauen wir doch mal nach unter "Konzentrationsprozess" und "Monopol" bzw. "Oligopol". Seien wir ganz tapfer und schauen uns an, was aus der Freiheit (im) Internet geworden ist:

Das muss man jetzt aushalten; wir haben das Internet episch verkackt. Ich will nicht sagen, dass jemand die Welle des Kapitals hätte aufhalten können, die wie ein EMP durchs Netz geballert ist, aber vielleicht hätte es ein wenig geholfen, weniger naiv und stattdessen darauf vorbereitet gewesen zu sein. Vielleicht hätten wir ein paar Schäfchen noch zeitig vor dem Wolf gerettet.

Es kann nur einen geben

Onlineversand: Monopol (Amazon); Onlineauktionen: Monopol (eBay); Kommunikationsplattform: Monopol (Facebook); Suchmaschinen: Monopol (Google); Videohosting: Monopol (Youtube/Google); Videospiele (incl. offline): Monopol (Steam). Sollte bis hierher reichen, obwohl mir noch einige mehr einfallen. Wer jetzt mit irgendwelchen Würstchenbuden kommt, so ein Kack wie Vimeo, GOG oder Ixquick, der fühle sich hiermit geohrfeigt. Eine Ameise ist auch ein Tier, genau wie der Blauwal, ja richtig. Und jetzt?

Es wird aber auch sofort deutlich, wie hirnzerreißend armselig das alles ist. Nehmen wir mal Steam. Wie ist es möglich, dass über eine einzige Plattform alle Videospiele vertrieben werden, die auf den Markt kommen? Selbst wenn ich wieder eine röhrende DVD haben will, die ich entweder klappern lassen muss, bis sie hin ist oder eben hacken, dann kriege ich sie nicht. Klar kann ich eine kaufen - damit ich mich danach bei Steam anmelde. Regelmäßig wird es dann passieren, dass ich noch und noch draufzahle. Ja, macht's mir, rammt mir die Faust in den ...

Oder diese Server für den Mehrspieler-Modus. Da darf ich dann Abos abschließen, obwohl jeder Opa mit einer Uraltsoftware zuhause einen aufsetzen kann, auf dem es sich zocken lässt, und sogar ein leistungsfähiger 24/7-Server kostet inzwischen nicht mehr als so ein Abo. Trotzdem sind es längst nicht mehr nur Massen, sondern quasi alle, die sich dort tummeln. Verarscht mich diese Welt eigentlich nur? Werde ich irgendwann wach und meine Liebste flüstert mir ins Ohr, dass das alles nur ein beschissener Traum war? Ist da draußen irgendwer, der das gut findet? Any fuckin' one?

 
er

Ich bin noch nicht ganz durch die aktuelle 'Alternativlos', in der es grob um 'postfaktische' Kommunikation und Politik geht. Ggf. werde ich mich dazu später noch äußern. Epikur hat heute einen kurzen Text am Rande des Komplexes gepostet, in der es um fehlende Haltung geht. Es scheinen sich alle Konzepte aufzulösen, die einmal das Bürgerliche Denken und seine Philosophie ausmachten: Identität, Wahrheit, Bildung - von Gleichheit ganz zu schweigen. Übrig bleibt ein digitaler Liberalismus, der das Subjekt abgeworfen hat. "Digital", weil die nackten Zahlen die Herrschaft übernommen haben. Es ist ein Kapitalismus, der nur mehr den Größenverhältnissen dient. Thatcher hatte recht: Es gibt keine Gesellschaft (mehr).

Letzteres ist aber das Ergebnis der letzten Politik, die sich selbst abgeschafft hat. Der Zwang Zahlen zu vergrößern, früher bekannt als "Profit", heute zum Mythos Wachstum® verbrämt, hat wie ein schwarzes Loch alles andere in seinen Bann gezogen und zermalmt. Effizienz ist der neue Geist; aus möglichst wenig möglichst viel machen, von möglichst viel möglichst wenig investieren. Übrig bleibt selbst von den Persönlichkeiten eine leere Hülle. Nix drin, reichlich Schaum drum herum. Wir dienen Mammon und wissen nicht einmal mehr, dass es ihn gibt. Wir stellen dar ohne zu wissen, wen oder was. Alles so schön bunt hier.

Gaga? Muss ich sofort haben!

Freud hat einmal beschrieben, wie Realität aus Wunschabwehr entsteht. Statt sich der Halluzination einer Befriedigung hinzugeben, macht der Mensch sich auf den Weg. Er steckt seine Wünsche zurück, macht Umwege, sucht Lösungen und kommt zum Ziel. Heute taumeln wir umher zwischen der Befriedigung von Wünschen, die wir gar nicht haben und der ständigen Produktion neuer Wünsche, die gleich die Angst zu kurz zu kommen gratis dazu liefert. Wir haben längst keine Möglichkeit mehr, Einfluss zu nehmen, wissen eigentlich schon kaum mehr, worauf eigentlich. Was will ich? Wie kann ich es erreichen? Wie kann ich so handeln, dass ich mich nicht sozial isoliere?

Diese Fragen sind dem schieren Zwang gewichen, einer Hatz zwischen nur suggerierten Zielen und scheinbarer Vorsehung. Das ist schlimmer als jede Halluzination und weniger Freiheit als die eines Tieres, das sich wenigstens im Rahmen seiner Instinkte bewegen kann. Wo wäre hier Raum für Vernunft? Kommunikation ist eine Frage der Strategie, wodurch Wahrheit nicht einmal mehr zur Option wird. Nicht nur ist das Bemühen um Wahrheit ein großer strategischer Nachteil; sie lässt sich auch kaum mehr konstruieren, weil einem ohnehin niemand glaubt.

Verrückt unter Verrückten

Der Bezug auf Wahrheit, Haltung, Bildung, der ganze Krempel bürgerlicher Ideale, war aber kein Konstrukt einer finsteren kapitalistischen Absicht, sondern durchaus die Errungenschaft einer philosophischen Entwicklung, ein Höhepunkt der Menschheitsgeschichte. Diese Ideale mögen von Anfang an den Keim der Ungleichheit getragen und die Voraussetzung für eine Gesellschaft geschaffen haben, in der das ganze Geschacher einen fruchtbaren Boden fand. Darin liegt aber eben auch der benennbare Widerspruch, in dem sich die reale Hoffnung auf Besseres erhält. Die bürgerlichen Werte wurden allesamt zersetzt. Es hat sich gezeigt, dass eine Gesellschaft der Gleichen zerfällt, wenn es Gleichere gibt. Gerade Vernunft zwingt hier zur Korrektur und verlangt, dass die Voraussetzungen geschaffen werden müssen für echte Gleichheit.

Raul Zelik hat geschrieben: "Das Drama der bürgerlichen Gesellschaft ist ja, dass sie Gleichheits- und Freiheitsrechte postuliert, die sie aufgrund ihrer Eigentumsverhältnisse gar nicht einlösen kann." Schlicht, folgerichtig und wahr. Es gilt also, die Voraussetzungen der Eigentumsverhältnisse grundlegend zu ändern. Die Vernunft, die zu dieser Erkenntnis führt, kann sich in dieser Gesellschaft unmöglich durchsetzen. Sie kann aber in jedem Einzelnen von uns überwintern. Das fängt damit an, völlig zweckfrei wahrhaftig zu sein und zu seinen Fehlern zu stehen. Man muss sich eigentlich nur anschauen, wie Öffentlichkeitsarbeit® funktioniert - und das Gegenteil tun.

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