politik


 
Euch aber? Dann lasst es halt raus!

 
xx

Immer wieder erlebe ich, dass Publizisten, denen ich eigentlich einen funktionierenden Verstand unterstellt hatte, ihr Gehirn ablegen und obszön ihre kahlen Schädelwände zur Schau stellen. Vor Wochen hat sich Robert Misik dieses Vergnügen gegönnt und gleich alle Hoffnung auf Genesung fahren lassen. "Silly Left" nannte er diejenigen, die partout in Emmanuel Macron keinen akzeptablen Präsidenten sehen wollten. Es gelte, Le Pen zu verhindern, denn, so das bestechende Argument, einem Wahlbefehl gleichkommend: "Le Pen 2017 ist scheiße."

Misik verstieg sich gar zu dem Rundumschlag, das seien "nützliche Idioten" und war sich auch nicht zu schade, "Putin" und "Kontakte zu Russland" zu raunen, um der schrecklichen Gefahr noch den Grusel der Verschwörung mit dem Teufel selbst anzuhaften. Kein Thema war für ihn etwa, dass Macron bereits der Architekt der neoliberalen Ansätze unter Hollande war. Der - wer erinnert sich noch? - hatte bereits einen Schröder gepullt, war mit Versprechungen wie "75% Reichensteuer" abgehoben und hat stattdessen dann lieber die Gewerkschaften entmachtet. Dass es inzwischen also üblich ist, das Eine zu wählen und das Andere zu kriegen, ficht ihn nicht an, den Ritter des kleineren Übels®.

Sicherheit ist Freiheit

Faschismus scheint für solche sozialdemokratischen Fachexperten eine Art Label zu sein; eine Marke oder Fahne, nicht etwa eine politische Entwicklung. Kein Wort von Überwachung und Notstandsgesetzen, mit denen die Regierung Hollande/Macron jahrelang Bürgerrechte gehäckselt hat. Nicht, dass man unbedingt hätte wissen müssen, was kommt, aber ausgerechnet der Parlamentarismus-Experte hat nicht kapiert, dass der autoritäre Staat sich am besten von denen umsetzen lässt, die so freiheitlich tun. Le Pen wäre ein Strohfeuer gewesen. Sie hätte mit solchen Ansätzen auf Granit gebissen. Aber man hat sie ja verhindert, und damit das Böse von Hitler bis Putin.

Macron durfte also losregieren und hat von Anfang keine Gefangenen gemacht. Notstandsgesetze? Wozu soll das gut sein? Schaffen wir doch gleich den Richtervorbehalt per Gesetz so weit ab, dass wir sie nicht mehr brauchen. Rüsten wir die Polizei mit allen Rechten aus, die sich schon immer gewünscht hat. Jetzt, wo Le Pen aus dem Rennen ist, ist Polizeistaat etwas Gutes. Der hilft ganz dolle gegen islamistischen Terrorismus, diese Geißel aus dem Nahen Osten. Oder Nordafrika? Egal, Hauptsache Balkan.

Nafris raus

Ganz großer Karneval ist aber sein ganz persönlicher Versuch, den Rechtsradikalen mit Rassismus zuvorzukommen. "Unerbittlich" wolle er "kriminelle Ausländer" abschieben. Nun ist das auch Frankreich schon längst Gesetz und der Präsident hat mit Abschiebungen konkret nichts zu tun, aber klingt doch gut, oder? "Abschieben" und "kriminelle Ausländer"? Soll ich noch mal "kriminelle Ausländer" sagen? Aha, Nachricht angekommen. Außerdem sollen diese Schwarzen gar nicht erst über "Los" gehen. Es geht nicht um irgendwelche Ausländer und schon gar nicht um Kriminalität, sondern um Afrikaner. "Abschieben wie Merkel", titelt die "Zeit", nur ohne "Willkommenskultur".

Frankreich hat sich um die Einwanderer aus seinen Ex-Kolonien ebenso wenig gekümmert wie Deutschland um seine Türken. Nachdem also 'Integration' bestenfalls einseitig stattgefunden hat, ist nach deren Scheitern jetzt das große Geschrei der Rassisten angesagt. Gerade Frankreich hat schon ohne die Flüchtlinge der letzten Jahre so viele illegale Nordafrikaner im Land, dass nur Massendeportationen eine, Verzeihung, Endlösung des Problems erlauben. Macron legt sich mächtig ins Zeug, wenn es um hoheitlichen Rassismus geht. Den ehrlichen Rechten geht das dennoch nicht weit genug. Wenn wir sie das nächste Mal 'verhindern' wollen, wird der Präsident die Züge wohl rollen lassen müssen. Zum Schutze der Demokratie, versteht sich.

p.s.: Dolle Demokratie haben Sie da, Missiö Le President. Ich bin dann mal weg. [via daMax]

 
ct

Endlich gesiegt! Wir haben die rechte Hand Bin Ladens erwischt. Das ist ein Running Gag bei Fefe seit vielen Jahren. Dessen Leser wissen das. Wer in diesem Land die Schrottmedien konsumiert, weiß es nicht. Keine Ahnung, wie deren Leser und Zuschauer es fertigbringen, sich jahrzehntelang dieselben Lügen auftischen lassen; wie das noch immer funktioniert, obwohl sie inzwischen allesamt auffliegen.

Wir erinnern uns an Taliban aus der "Nordallianz", die "gemäßigten", die dann Al Kaida wurden. Dieselben Leute, 'unsere Verbündeten', waren plötzlich so schrecklich, dass wir seit 16 Jahren Krieg führen - niemand weiß, wohin das führen soll. Zuletzt gab es eine "gemäßigte Opposition" von "Rebellen" in Syrien, die sich kurz nach dieser medienweiten Einheitsbezeichnung dabei haben erwischen lassen, wie sie einem Teenager gemäßigt den Kopf abgeschnitten haben.

Gemäßigt brutal

Heute wird gemeldet, wie eine Drohne den "Anführer der brutalsten und aktivsten pakistanischen Talibangruppe" getötet hat. Nicht gemeldet wird, wer dabei noch getötet wurde. Nicht gemeldet wurde, was so brutal an ihm ist. Einziger Hinweis: "JuA steckte zum Beispiel 2016 hinter einem schweren Anschlag in der Großstadt Lahore, wo sich ein Selbstmordattentäter in einem Park voller Ostern feiernder Familien in die Luft sprengte. 70 Menschen starben."

Schon 2015 betrug die Zahl der Opfer der NATO-Kriege von Irak bis Afghanistan über eine Million Tote. Eine Million Menschen in unserem gerechten, "Krieg gegen den Terror", der gemäßigt ist, rücksichtsvoll und für die Menschenrechte. Wie kann man so etwas glauben? Wie kann man so etwas schreiben? Wie kann man dann noch erwarten, dass die Leser das auch alle glauben?

Die andere Baustelle, unsere von Gestapo und anderen Nazis in Kooperation mit den Faschisten der McCarthys aufgebauten Geheimdienste und Sonderpolizeien, wird derweil noch immer behandelt als seien das nette Leute, die sich öfter mal in der Tür vertun. Pannen über Pannen. Immer mehr Geld für immer mehr Pannen und immer mehr Anschläge, die mutmaßlich oder bewiesenermaßen von ihnen selbst begangen werden. Wer darin keine Panne sieht, ist Extremist oder irre.

So dumm sind die Leute nicht

Ein geschlossenes Weltbild ist nötig, um die offensichtlichen Zusammenhänge zu leugnen und anstelle derer welche zu konstruieren, die so verstrahlt sind, dass sie im Dunkeln leuchten. Ein Nebeneffekt dieser Märchen ist der, dass in einer Atmosphäre, die so etwas als Narrativ durchprügelt, wirklich jede Idiotie zur attraktiven Alternative wird. Wahrheit ist eine Behauptung, es regiert die These als Beweis. Der Versuch etwas zu widerlegen, ist Ketzerei.

Seit dem 11.09.2001 gilt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer Fragen stellt, ist nicht für uns. Das führt längst nicht mehr zu der Trotzreaktion, jetzt erst recht alles zu hinterfragen und sich auf die Suche nach konsistenten Antworten zu machen. Inzwischen bastelt sich jeder Verein seine eigene Religion. Ständig höre ich von Halbgescheiten, die es wagen, mir Diskussionen aufzudrängen, "das glaube ich nicht", wenn ich ihnen Hintergrundinformationen gebe.

Diese Simulation von Verstand beleidigt meine Intelligenz. Erst stellen sie Fragen als sei ich Google, und wenn ihnen die Antwort nicht gefällt, kommen sie mir mit ihrem Glauben. Für euch, hiermit beschlossen und verkündet: Das nächste Mal, wenn ihr mich fragt, schreib' ich für die Antwort eine Rechnung. Vielleicht glaubt ihr ja an Mahnbescheide.

 
fh

Ein Fisch setzt sich auf meinen Schreibtisch und grüßt freundlich. Ich grüße zurück und versuche mich an einem Lächeln. "Grinst du denn so?", fragt der Fisch. Für einen Augenblick flirtet der Bully in mir mit der Gegenfrage, ob der Fisch mit mir rede - um nach der zu erwartenden Antwort zu präzisieren, dass ich nicht meinte, ob er mit mir rede, sondern wieso ein (obendrein offenbar toter) Fisch mit mir rede. Weiß er, dass ich kein Vegetarier bin?

Aber ich lasse das und entscheide mich für das Thema, das ihn unter den Flossen juckt: "Trotzdem. Ich grinse trotzdem. Trotz Redefisch und SPD."
"Aha", sagt er, "du weißt einem Fisch zu gefallen."
"Ich will dir nicht zu nahe treten, aber SPD? Da möchte ich kein totes Pferd sein. Ich meine: Ich werde doch lieber Lasagne als mich von den Sozen reiten zu lassen. Das riecht doch schon ... also im Vergleich zu denen duftest du wie eine frisch gemähte Frühlingswiese."

Gemähte Wiese

Eine Kellnerin kommt vorbei, stellt ihm einen grünen Cocktail hin und mir ein Pils. Dankbar haue ich ihr auf den Hintern. Sie mir dafür in die Fresse. Ich seufze. Weinstein müsste man heißen!
"Die AfD ist drin", sagt der Fisch.
"Was schert's einen Fisch?", frage ich; er retourniert: "Ich sprach ja auch zu einem Menschen.".
"Unentschieden", sage ich und bestelle noch eine Runde "für mich und meinen Freund".
Wir schweigen eine Weile, dann stellt er fest: "Wo ist der Unterschied." Wir zitieren abwechselnd:

Es muss erstaunen, dass eine so hoch entwickelte Stadt wie Bremen ihre Liebe zu Roma und Sinti entdeckt, die, sozial und intellektuell, noch im Mittelalter leben, in einer uralten patriarchalischen Gesellschaft. (…) Es ist ein Patriarchat, dessen Männer keine Hemmungen haben, die Kinder zum Anschaffen statt zur Schule zu schicken, ihren Frauen die Zähne auszuschlagen und sich selber Stahlzähne zu gönnen. Viele der jungen Männer schmelzen sich mit Klebstoffdünsten das Gehirn weg.

Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.”

Noch ein bisschen mehr Sauce?

Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.

Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte.”

"Biologen verwenden für ‘Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben’, übereinstimmend die Bezeichnung ‘Parasiten’. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des einzelnen gesteuert."

So spielen bei Migranten aus dem Nahen Osten auch genetische Belastungen, bedingt durch die dort übliche Heirat zwischen Verwandten, eine erhebliche Rolle und sorgen für den überdurchschnittlich hohen Anteil an angeborenem Schwachsinn und anderen Erbkrankheiten.

"Wer braucht da die AfD", sagt der Fisch, "die würden sich das doch gar nicht trauen. Ich bin sicher, die SPD wird diese verlorenen Schäfchen bald wieder einsammeln."

p.s.: Die Geschichte mit dem Fisch ist selbstverständlich frei erfunden. Ich spreche schon aus religiösen Gründen mit Fischen nur über meinen Tierrechtsanwalt. Tatsächlich hat sich dieses Gespräch zwischen einem Wikinger („dicke Kerls mit Hörner“) und einem Kobold zugetragen.

 
dn

Als Linker - trägt man da eher Sneaker oder Wanderschuhe? Schaut man Tennis oder geht man ins Stadion? Eishockey oder Handball? Ist man für oder gegen E-Bikes? Nichtrauchender Veganer oder freigeistiger Weintrinker? Wie stehst du zum Mauerbau, zur Souveränität von Åland oder zum bedingungslosen Grundeinkommen? Ach ja? Und du willst ein Linker sein? Auf welcher Seite stehst du?

Im Rahmen der Diskussion zu Katalonien sind mir vergleichbare Fragen begegnet, und ich wundere mich noch immer, immer wieder über die Setzkästen, in denen viele nicht nur denken, sondern die sie auch noch anderen aufdrängen. Es ist nicht links, freilich schon gar nicht rechts, eine offene Diskussion zu führen; eine, bei der nicht von vornherein feststeht, was am Ende dabei herumkommt. Am besten finde ich tatsächlich den vermessenen Gesinnungstest à la "auf welcher Seite stehst du"?

Seite, Seite, Mitte, Breite

Sorry, ich bin eigentlich meistens in Bewegung. Periodisch verweise ich auf den Untertitel dieses Blogs. Das ist eine sehr gelungene Formel, auf die ich mein politisches Streben gebracht habe. Wo sie nicht anwendbar ist, gilt sie daher auch nicht. Ob ich den Rasen mähe oder die Hecke schneide, hängt davon nicht ab. Ich kann das trotzdem entscheiden. Ich kann mich sogar für politische Ereignisse interessieren, auf die ich weder diese Formel noch Marxens Analyse des Kapitals oder die Grundrechenarten anwenden kann.

Ich versuche zu verstehen. Dazu formuliere ich Texte, die man diskutieren kann oder auch nicht. Ich kann in diesen Texten meine Überzeugung darlegen oder deren Gegenteil. Beides kann dazu beitragen, etwas am Ende besser zu verstehen. Wer hier länger und intensiver liest, kann sich zusammenreimen, was ich ganz persönlich denke und wie ich zu diversen Fragen 'stehe', jedenfalls weitgehend. Das ist aber völlig unerheblich. Ich finde hier niemanden, auch nicht unter denjenigen, die mir am nächsten sind, mit dem ich immer übereinstimme.

Fällt das eigentlich so wenigen Menschen auf, dass es eigentlich niemanden gibt, der wirklich durchgängig ihrer Meinung ist? Dass dieser Umstand den Begriff Meinung gar definiert? Ist es wirklich ein Problem, dass immer ein kleiner oder größerer Dissens bleibt? Kann man sich nicht trotzdem - oder gerade in diesem Bewusstsein - einigen? Was bringt es eigentlich, "auf derselben Seite zu stehen"? Diese Formulierung benennt Barrikaden. Ich stehe ungern in deren Nähe und mag auch nicht schießen. Fragt mich also nochmal, wenn ich eine Knarre in der Hand habe.

Murxismus

Da auch dieses Missverständnis (wie auch immer provokativ) hier aufkam: Nein, ich bin kein Marxist. Ich wäre es nicht einmal, wenn ich es wäre, weil da draußen gefühlt 90% der Leute, die das meinen, eigentlich Leninismus meinen, wenn sie Marxismus sagen. Außerdem bin ich Marxianer exakt so weit, wie dessen Analyse des Kapitalismus zutrifft. Als Motorradfahrer, Katzenbesitzer oder Gintrinker bin ich kein Marxist. Nicht einmal als Partei in einem Rechtsstreit.

Nicht einmal der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea oder deren Vorturnern ist ein Anwendungsgebiet für das, was ich von Marx gelernt habe. Nope. Ehrlich nicht. Kann ich da nicht brauchen. Um das zu verstehen, kann ich Freud oder ein paar Vulgärsoziologen heranziehen, die helfen mir eher, das zu begreifen. Ich bin in Betrachtung dieses Trauerspiels auch kein 'Linker'. Ich stehe auf keiner Seite, und doch maße ich mir an, mich damit zu beschäftigen.

 
Ein dezenter Lesebefehl: Raul Zeliks "FAQ".

bc

Ich wurde ausgetrickst und bin zum Anfang Oktober nach Barcelona geflogen. Der Anrufer meinte, ich hätte 15 Minuten Zeit zu entscheiden, ob ich mitfliege. Dass am 01.10. das Referendum war, hatte ich dabei nicht auf dem Schirm. Aus unterschiedlichen Gründen sagte ich also zu.

Vorab: Ich finde fliegen scheiße. Der alte Mann hat sich zum ersten Mal in solche Kisten gesetzt, die dröhnen wie Hulle, den Schädelinnendruck ständig ändern und einen so schnell von A nach B bringen, dass man gar nicht mitkriegt, eben gereist zu sein. Das einzig Geile ist aus dem Fenster Gucken. Dafür muss ich das aber nicht öfter machen. Wir bleiben in der Provinz!

Was tue ich hier?

Barcelona also. I've been tricked, reingelegt! Unter anderem, weil ich es gar nicht mag, wo herum zu touren, wo ich nada von der Landessprache verstehe. Schon Spanisch nicht vorhanden; Katalan negativ. Dabei wäre es so spannend gewesen. Man kann sich mit Englisch so weit behelfen, dass es fürs Gröbste reicht. Gespräche kommen so eher nicht zustande. Dabei hätte ich doch gern gewusst ...

Beschränken wir uns also auf visuelle Eindrücke und die drei Brocken, die mein Latein und das Englisch der Anderen zulassen. Es kreisten schon am Freitag ständig Hubschrauber in der Luft, 24 Stunden lang. Der Polizeistaat hat sich sehr präsent gezeigt und bekanntermaßen am Sonntag dümmst möglich zugeschlagen. Das Ereignis selbst habe ich vor allem im Fernsehen verfolgt. In den Teilen der Stadt, in denen ich herumgelatscht bin, war es ruhig.

Am nächsten Tag war die ganze Stadt auf den Beinen, vor allem das scheinbar gesamte Jungvolk. Wenn es die Absicht der Zentralregierung war, die Kluft zwischen ihr und den Katalanen auf unendliche Weiten zu prügeln, kann man nur gratulieren. Montag bin ich in eine Demo geraten. Die Stimmung war gelöst und friedlich, als seien sie froh, dass die Guardia Civil mit ihren Gummigeschossen die Entscheidung endgültig herbeigeführt hat.

"Si" heißt nein

Rajoys Machtdemonstration ist insofern voll nach hinten losgegangen. Ich weiß ja mangels Sprachkenntnissen nicht, was genau die Katalanen eigentlich dazu veranlasst, sich von Spanien zu trennen, aber das dürfte inzwischen egal sein. Vor allem die Jungen haben offenbar das Bedürfnis, Einfluss zu nehmen auf ihre Situation, auch wenn es weder überzeugende Gründe gibt noch irgendwer weiß, wohin das führt. Ein einiges "So nicht!" und "Ihr nicht!" fühlt sich einfach gut an.

Rational ist da wenig. Warum eine Region, die sich abspalten will, einen Generalstreik veranstaltet, will sich mir nicht erschließen. Obwohl: Wenn in Barcelona die Busse und Taxen stillstehen, wird das Herrn Rajoy vielleicht schlimm beeinträchtigen und er von allen Ämtern zurücktreten. Wer will schon einen Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden, der sich den ganzen Tag einen Ast lacht?

p.s.: Den einen noch, den hatte ich sogar im TV schon verstanden. Sagt die Zentralregierung: Das Verhalten der Polizei (bzw. der Guardia Civil) war "professionell und angemessen". Aka "Es gab keine Polizeigewalt". Das kann ich auch zu Hause haben.

 
fd

Nur jeder Achte hat die alles entscheidende Frage mit "ja" beantwortet. Schwache Leistung. Als Nichtwähler habe ich das ganze Gewese nicht verstanden; wie immer frug es sich: "Sind sie so dämlich oder ist das Kalkül?". Eine rationale Antwort gibt es leider nur, wenn man über das Kalkül spekuliert, aber wo ist der tiefere Sinn darin, die AfD zu pushen? Mir fehlt das Talent für solche Verschwörungstheorien.

Wie die Überschrift sagt, gab es die Grundkonstellation, pro oder contra AfD zu sein. Obendrein haben sie wie doof dazu aufgerufen, gefälligst wählen zu gehen. Für alle Nichtwähler, die den Zirkus scheiße finden, für alle Rechten, Reaktionäre, Ausländerhasser, für enttäuschte Unionisten, Abgehängte und Ignorierte wurde damit der Dauerkarneval auf den Punkt gebracht: Geht und wählt das rechte Gesocks, dann seid ihr Rebellen und zeigt es dem Establishment.

Wie ich bereits in den Kommentaren angemerkt habe, gab es neben dem ewigen Thema 'Schlimme Nazis verhindern' die Dauerpräsenz von Schwiegersohn Lindner zu beklagen - die ebenfalls den entsprechenden Erfolg gezeitigt hat. Alle, die noch integriert sind und von der Union enttäuscht, taktisch wählen, sich für Elite halten, auf unrasierte Bürschchen stehen oder ein anständiges Feigenblatt für Bürgerrechte suchen, wurden den Liberalalas in die Arme getrieben.

Und tschüss!

Auch immer wieder lustig: Periodisch bestraft man hier die eine Partei, indem man die andere wählt und beim nächsten Mal wieder umgekehrt. Den Besserverdienern ist der Guy d'Eau verziehen, dafür geht einem Muttis hohles Gesülze langsam unerträglich auf die Murmeln.
Die Bioladenpartei und die Ex-Sozialisten mussten sich derweil mit ihrer Stammwählerschaft begnügen. Bleibt noch der Blick hinab ins dunkle Tal der lebenden Leichen:

SPD, mach' mit der Nahles weiter und strebe tapfer einstelligen Erfolgen entgegen! Dieses Wrack einer Verräterpartei braucht niemand mehr. Besser noch: Es gibt keinen Ausweg. Nach vorn, weiter neoliberal mit Girlanden blöder Sprüche von Gerechtigkeit? Das ist zu erwarten, denn auf der Brücke tummeln sich talentfreie Funktionsmöbel, die nach dem zehnten auch den elften Sprung vor die Pumpe wagen. Es werden immer weniger, die noch ihre Pöstchen erhalten müssen, da ist es eigentlich auch alles egal.

'Zurück' ist eh blöd, aber wer sollte auch nur viertelwegs glaubhaft machen, dass die Gurkentruppe aus dem Willy-Brandt-Haus endlich ihren Hass gegen Arbeitslose, Arme und Abhängige überwinden könnte? Nach einem halben Dutzend neoliberaler Widerlinge in der Spitze und dem Restpersonal der Agenda von Nahles bis Scholz, kriegslüsterner Außen- und Exportpolitik sowie der dritten Generation von Law-and-Order Faschos im Dienst der inneren Sicherheit haben die Spezialdemokraten nichts mehr, was Union oder AfD nicht besser könnten. Dann macht mal das Licht aus!

 
xx

Beginnen möchte ich mit dem preisgehörnten Nanopoeten Andy Bonetti, der "politisch geht", wie der Anglizistendenglischer sagt. Bonetti, der wohl erfolgloseste Analyst seit Karl Ranseier, hat in allen Details recht, wo er nachweist, dass die gefährliche Gefahrenpartei "AfD" programmgleich mit der CDU/CSU antritt, wofür man sie "Nazi" schalt - es sei denn, es ginge gar nicht ums Programm.

"Aha", sagt der Säzzer und verweist aufs Auftreten der Fackelträger, die auf einer Welle der Sympathie um den Reichstag surfen. Bernd "Björn" Höcke, Alexander "Leiter" Gauland, Alice "who the fuck" Weidel, Bea "Trixie" von Storch - sie tröten Völkisches gen Hoyerswerda und ernten dafür den Jubel der Dunkeldeutschen. Was dabei herumkommt, werden aber in keinem Fall eine Amnestie für Brandstifter oder Konzentrationslager an den Grenzen sein. Das erledigen für uns ohnehin Libyen und der Verfassungsschutz seit Jahren in einer amtlichen Grauzone.

Haltet den, der den Dieb nicht hält!

Nein, die AfD ist Partei gewordene Nützliche Idiotie, die von dem korrupten Einheitsbrei des Parlamentsbetriebes ablenkt. Uiuiui, Grusel! Warnung vor dem hässlichen Deutschen! Wir alle® (die damit wie durch Zauberhand schönen Deutschen) müssen das verhindern, dann sind wir Demokratie und Antifaschismus und können die Programme dieser Nazis weiter in Ruhe selbst umsetzen. So weit, so widerlich.

Die ganz große Grütze ist aber, dass dieses Kasperletheater, das seine 'Würde' nur mehr aus der Überlegenheit über seine Schmuddelkinder zieht, die AfD als Waffe gegen "die Partei" benutzt, indem sie dieser wiederum vorwerfen, sie verhindere jene nicht. Whut? Was Niggemeier sich zusammenfaselt, ist intellektuell unterste Kante und wird von Pantoufle entsprechend gewürdigt. Margarete Stokowski hingegen schließt sich diesem Unsinn am Ende an.

Selbst wenn man es nur logisch betrachtet, wäre die AfD nie dorthin gelangt, wo man sie heute verhindern will. Hätten also nie Wähler diese Partei gewählt, die wahrscheinlich gar nicht ins Parlament gekommen wäre, wäre sie sicher nicht ins Parlament gekommen. Wenn demnach "die Partei" dereinst ins Parlament einzieht, verhindert das mehr AfD als alles andere. Aber es geht um etwas ganz anderes: Beide Parteien stören die Gemütlichkeit der reaktionären Mittelschicht, die Veränderung hasst. Alles, was ihre Autoritäten infrage stellt, ist Teufelszeug.

Seriosität bitte!

Was sie ansonsten bieten, ist dem gemäß. Zum Beispiel diese Lindner-Partei: Sie kommen uns seit 35 Jahren mit demselben Scheiß, der als Finanzkrise und Verwüstung Europas so erfolgreich ist. Das wird jetzt schwarzweiß in einem Schwiegersohn verpackt und gilt damit als ganz frisch. Dieser Typ glotzt mich seit Wochen jeden Tag aus allen Gazetten an, die sich auch nicht zu schade waren, mitten im Wahlkampf Videos von ihm auszugraben, in denen er als Katzenbaby dafür sorgen soll, dass Massen von Rentnerinnen die Milch einschießt.

Das ist also "seriös", ja? Wie wäre es, jede Stimme für ungültig zu erklären, wenn der Kreuzchenmaler nicht mindestens drei Kandidaten der gewählten Partei nennen kann? Und tschüss, "FDP"! Die Wählerschaft wird mit unerbittlicher Konsequenz verblödet und dann beschweren sie sich, wenn paranoide Dackelzüchter als Hoffnung der Nation durchgehen. Kidding me?

 
sr

Quelle: Pixabay

Nicht erst die neoliberale Lyrik, seit Orwell bekannt als "Zwiesprech" und "Neusprech", hat das Proletariat aufgespalten. Allerdings wirkt vor allem die Vokabel "Prekariat", eine typische deutsche Herabwürdigung, wie eine Mauer zwischen denen, die sich noch erfolgreich ausbeuten lassen und denen, die keine Chance mehr haben, ihren "Lebensunterhalt zu verdienen".

Die Deutschen sind seit Luther und Friedrichs calvinistischer Bürokratie sehr eindeutig, was dieses "Verdienen" anbetrifft. Das hat die konsequenteste Form bei den Nazis unter dem Motto "Arbeit macht frei" angenommen und erhält sich bis zu Münteferings "Wer nicht arbeitet, muss auch nicht essen". Mehr noch: Im Zweifel haben sie es alle verdient: die Faulpelze genau so wie diejenigen, die trotz Arbeit nicht auskommen. Müssen sie auch so ungebildet sein, das Falsche studieren oder sonstwie minderwertig sein am Arbeitsmarkt? "Selbst Schuld" steht hier schon immer über den Toren zur Hölle oder auch "Jedem das Seine".

Schuld und Wert

Wirklichkeit und Anspruch kommen gleichermaßen unter die Räder dieser fanatischen Ideologie, die sich noch für den Kern der Zivilisation hält. Heute hörte ich von einem Schlachthof, der künftig vollautomatisch betrieben wird. Die Schlächter werden durch Roboter ersetzt. Selbst schuld, sie hätten ja etwas Anständiges lernen können. Ernsthaft prahlen die Ideologen derweil noch mit der Zahl der Arbeitsstellen - und ignorieren dabei, von wie vielen die Arbeiter nicht mehr leben können und dass Deutschland seine Arbeitslosigkeit millionenfach zu den Handelspartnern exportiert. Faule Griechen, selber Schuld®!

So wird das Proletariat zersplittert in Arbeitslose, Arbeiter, die auskommen, Arbeiter, die aufstocken, Inländer, Ausländer, Europäer und Außereuropäer, Nützliche und Unnütze sowieso. Es gibt keine relevante politische Kraft, die noch versucht, das Proletariat als ganzes zu sehen. Von "Vertreten" einmal zu schweigen. Das Totalversagen linker Politik trägt verheerende Züge. Inmitten einer unfassbaren Produktivität verarmt das Proletariat weiter. Es ist niederschmetternd.

Höhere Weisheit

Und selbst das Bürgertum müsste sich in Grund und Boden schämen. Dessen Reservat, die (obere) Mittelschicht, rennt im Kreis vor sich selbst davon, um ja nicht mit irgend einem Anspruch konfrontiert zu werden, das auf seinen mottenzerfressenen Fahnen steht. Freiheit? Gleichheit? Brüderlichkeit? Demokratie? Wer für wen? Welchen Weg geht denn ihre dolle Demokratie? Werden das mehr oder weniger, die "gut und gerne leben können"? Wird der Anteil des Kuchens beim "Volk", das hier angeblich herrscht, größer oder kleiner? Und wenn die Antwort unbefriedigend ausfällt: ist da irgendwo Aussicht auf Besserung?

Ich lese Analysen, Kommentare, Bewertungen und Einschätzungen in den Verlagsmedien und Öffentlichen Rechtsanstalten, aber keine - keine einzige - befasst sich mit der Möglichkeit, dass die Zustände selber das Problem sind. Zustände, die obszönen Reichtum genauso automatisch vermehren wie das Elend, das aus demselben Zwang folgt. Das hieße ja, es liefe etwas ganz und gar falsch. Aber das ließe der Herrgott niemals zu, schon gar nicht in seinem braven Deutschland.

[Update:] Dringend empfohlen: Der "tagesspiegel" zur neoliberalen Strategie des Klassenkampfes von oben in Europa.

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