journalismus


 
ks

Wenn ich etwas über Politik wissen will, dann sind die zentralen Fragen: Wer fällt welche Entscheidungen, wie und wann, unter welchen Bedingungen? Mit diesem Einstieg kann man sehr schnell erkennen, wie die Qualität politischer Betrachtungen ist, vor allem sogenannte "Berichterstattung". Gelegentlich erfahren wir noch, was auf einer bestimmten Ebene entschieden wird, z.B, im Bundestag. Das Wie und die dazugehörigen Bedingungen sind in der Regel schon kein Thema mehr.

Dies aber wäre die Aufgabe aller Aufklärung, der selbstredend jede Geheimhaltung im Wege ist. Es gibt Gelegenheiten, da blitzt so etwas auf, weil Vorgänge öffentlich werden. Es wäre die Aufgabe der Medien, das dann zu verbreiten und zu erläutern, ohne sich "mit einer Sache gemein" zu machen. Heute lese ich etwa folgendes:

Dass der Westen "ISIS" unterstützte, konnte man bisher wissen, wenngleich im medialen Freund/Feind-Schema immer der Eindruck erweckt wird, dergleichen seien Pannen oder Versehen. Wenn jetzt aber das Pentagon selbst mitteilt, dass es die Entstehung von ISIS hat kommen sehen, kann man das so nicht mehr darstellen.

Keine Überraschung

Den Amerikanern war bekannt, dass die gegen Assad ausgerüsteten Kämpfer "ein salafistisches Kalifat gründen" wollten und den "Irak destabilisieren" könnten. Sie hielten aber selbst das Entstehen des Kalifats für begrüßenswert, als Einflusszone gegen Assad. Die Strategie der 'Hurensöhne', die zu 100% gescheitert ist, von Pahlevi über Saddam und Gaddafi bis hin zu Al Qaeda, wurde auch auf ISIS angewendet. Das erwartbare Chaos folgte. Wer also an Politik und Geostrategie interessiert ist, muss fragen, wer warum dennoch so entschieden hat. Ich kenne kein deutsches Massenmedium, dass dieser verdammten Pflicht nachkommt.

Stattdessen wird jeder, der im inflationär Geheimen nach Erklärungen sucht - und sie womöglich findet - diskreditiert. Die Medien, hier ein Beispiel aus dem Bahnstreik, (JavaScript erforderlich, Kommentar und via hier) verbreiten lieber ein eindimensionales Bild, das politische Leitlinien erkennen lässt.

Dazu passt auch, dass ein Bericht, der sich vordergründig kritisch gibt, sogleich auf das Dementi der 'Kritisierten' hinweist. Der Geheimdienst, der ständig versagt und nichts weiß, aber wichtig ist, weil er durch seine 'Aufklärung' für Sicherheit sorgt. Der direkte Vergleich zur Darstellung Weselskis zeigt: Es wird stets die Meinung einer bestimmten politischen Linie verstärkt, einmal als "Kritik" "aus der Politik", ohne zu benennen, wer damit gemeint ist, einmal als "Zurückweisung" von Kritik, ohne auf die Motive derer hinzuweisen, die da etwas zurückweisen, was nur zu offensichtlich ist.

Ebenso verhält es sich mit der Kooperation bzw. Identität von Nazis und "Verfassungsschützern". Nachdem(!) ein Verbotsverfahren gegen die NPD gescheitert war, weil der VS überall seine Leute in der Partei hatte, sind jetzt wieder elf seiner Mitarbeiter als Funktionäre der Partei genannt worden. Es werden viele mehr sein, vermute ich, aber was haben allein diese elf noch dort zu suchen? Wo vor allem wird diese Frage erörtert, wer weist darauf hin, dass Nazis und Verfassungsschützer dutzendweise dieselben Personen sind?

Darf nicht, kann nicht

Wenn einmal, in aller Kürze, kritische Fragen gestellt werden, muss man sich schon darüber freuen, selbst wenn wieder die harmloseste mögliche Interpretation gleich zur Überschrift wird. Totales Versagen hat als Ursache für die Vorgänge zu gelten, Absicht wird von vornherein ausgeschlossen. Niemand fragt sich, wie totale Versager so erfolgreich für eine Sache arbeiten können, die eben ausgeschlossen wird. Der Verfassungsschutz steuert Nazis? Der BND bespitzelt Bundestag und heimische Industrie? Kann ja gar nicht!

Eine gute Alternative zur Verschwörungstheorie ist die Religionssoziologie. Will man eine Religion verstehen, nutzt es nichts zu mutmaßen, es hätten sich einige Mächtige zusammengetan, um die Menschen mit Märchen abzuspeisen und in Knechtschaft zu halten. Solche Systeme entwickeln sich und bilden stabile Strukturen aus. So wie die Religion der Soziale Marktwirtschaft® mit ihrer Parlamentarische Demokratie®. Deren Anhänger klären ebenso wenig auf wie ein Pfarrer über den Glauben an höhere Wesen.

Die um sich greifende Besetzung politischer Posten mit Pfarrern und Kirchenfunktionären ist kein Zufall. Aufklärung ist der Feind des Glaubens, daher arbeiten alle Instanzen daran, sie einzudämmen. Die kurze Blüte aufklärerischer Massenmedien ist vorbei, ihre Produktion unterliegt denselben mythischen Zwängen wie die Verteidigung des modernen Glaubens gegen jeden Fortschritt. Der Kampf ist derselbe wie immer, und wer sich trösten will, mag auf die Macht der Wahrheit setzen. Die kann man unterdrücken, manchmal für Jahrhunderte, aber nicht für immer. Das Sein ist da ein unverwüstlicher Verbündeter des aufgeklärten Bewusstseins.

 
stairs

Mit Frank Schirrmacher hat die FAZ nicht nur einen Zweifler und Diskursmotor verloren, sondern jedes Niveau. Die Cleverles werden jetzt sagen, dass das Blatt mit oder ohne Schirrmacher rechts war, schon immer auf der Seite der Reichen und ihres strebsamen Gefolges, und dass ein redaktionelles Feigenblatt daran auch zu besseren Zeiten nichts ändert. Damit mögen sie grundsätzlich recht haben.

Es scheint mir aber, als kröchen derzeit die Hanswurste eifrig an die Oberfläche, bauten sich auf, ohne jede Scham oder Reste von Anstand, um sich quasi zu rächen für die Zeit, als sie sich aus Gründen einer gewissen Kultur zurückzuhalten hatten. Was ich heute von Reinhard Müller gelesen habe, ist selbst für ihn und die anderen Hetzer im Sturzflug über die rote Linie gerauscht. Ich kann das nicht mehr lesen.

Losgelassen

Schon die Überschrift "Deutschland setzt sich matt" ist keine zufällige Hommage an die rassistische Propaganda eines Sarrazin. Der Einstieg mit der Assoziation, typisches Stilmittel der Rechtsradikalen, spricht sie alle an, von Pegida über AfD bis NPD. Wenn man so einsteigt, ist der Verzicht auf jede Logik ebenso Programm wie der auf jedes Maß und jeden Abgleich mit der Wirklichkeit. Kein einziger Anschlag seit 2001, derweil eine Aufrüstung zum Überwachungsstaat, und was schließt er daraus? Na klar: Mehr Überwachung, mehr Panikproduktion.

Die zentrale Säule der Rechtsextremen, ohne die sie nicht auskommen, ist der Feind. Feindrecht ist ihre Vorstellung vom gerechten Staat, wer nicht für sie ist, ist gegen sie und dagegen wiederum jedes Mittel recht. Sie nennen das dreist sogar "Demokratie" oder "Rechtsstaat", weil sie meinen, es sei ihr Staat, ihr Recht auf ihre Macht im Sinne ihres Weltbildes. Dabei kommen sie seit ehedem mit einem nicht zurecht, was sie schwerlich loswerden: Artikel 1 GG.

Der Obermensch doziert

Sie wähnen sich in der Rolle derjenigen, die bestimmen, wen das Recht schützt und wen nicht, wer dazugehört und wer nicht, wer hinein darf und wer nicht. Wenn ihr Boot voll ist, ist definiert, wer Mensch ist und wer nicht: Die draußen sind keine. Die sind Bedrohung, sei es als „Terroristen“, sei es als "Ansturm aufs Gemeinwesen", sprich: Flüchtlinge - sie sind alle "Angreifer", gegen die "man sich wehren" muss. Nicht minder übrigens Menschen, die protestieren. Die werden erst auf Gewalttäter heruntergebrochen und dann gemeinsam zum "Horrortrip" erklärt.

Ist der Fanatiker im Zwirn des Lohnschreibers erst einmal in Fahrt auf diesem seinem Trip, malt er als nächstes die Teufel aus dem Internet an die Wand. Diese Sphäre der Unabhängigkeit, die sie zwanghaft kontrollieren wollen, ist ihnen ein einziges Inferno, dominiert von "Todesdrohungen" gegen die Aufrechten und ihre "Sichtweisen". Unfreiwillige Komik darf nicht fehlen im rechten Rant: Die Sichtweisen der Gleichschrittmacher sind es, die in der Tat vom Tode bedroht sind, wo sie sich einer offenen Diskussion stellen. Was Müller meint, ist aber natürlich die Drohung gegen Sprallos wie ihn selbst.

Wort und Tat

Dazu wird dann mal eben die Buchstabensuppe eines schlecht gelaunten Trolls mit einer geladenen Waffe am Kopf einer Geisel gleichgesetzt. Alles „Todesdrohungen“. Das muss er so machen, das ist der Faden, der sein rottes Patchwork zusammenhält: Alles furchtbar, beängstigend, feindlich. Das muss weg! Es darf nur bleiben, was im rechten "Glauben" steht, im "Krieg" auf der richtigen Seite. Es gibt "zehntausende gutorganisierte Fanatiker", weiß er. Ach, sind das doch so viele, der Mob der schreibenden Halbhirne?

Dies war nur ein Schnelldurchlauf durch einen Text, den nur jene lesen wollen, die im Hass vereint sind und im riesigen Fundus des Fremden unzählige Feinde finden. Die kann man dann entrechten, verbannen und auf jede erdenkliche Weise dem Tod überantworten. Tröstlich: Im Gegensatz zu Müller weiß ich, dass diese Schwätzer nicht den Mumm haben, ihrer Hetze Taten folgen zu lassen. Dumm aber, dass sie diejenigen ermutigen, die noch immer ihre Opfer gefunden haben. Aber das ist ja kein „Terror“, trifft es doch nur die „Angreifer“ aufs Gemeinwesen, gegen die sich der gestiefelte Fortsatz der Hetzer „wehrt“.

Diesen Dreck ertrage ich nicht mehr. Die FAZ ist raus.

 
flug

"Hängt das Schwein auf" las ich schon gestern und mich überkam spontan tiefes Mitgefühl mit denen, die schon immer die Todesstrafe für Selbstmordattentäter gefordert haben. Nein, das ist kein Witz. Der Ruf nach härteren Strafen® ist Teil eines Rituals, das mit Sinn und Verstand nichts anfangen kann. Affekt ist gefragt, wogegen ich nicht einmal allzu große Rede halten könnte, wäre es nicht exakt der Affekt, der übermüdeten Kindern den Schlaf raubt. Es kann nie genug sein, nie laut und groß genug, und wenn man die Müllmedien machen lässt, geht das eben wochenlang so und bis zur rasenden Barbarei.

Was die Hetzzeitung hetzt, mag noch immer das strahlende Vorbild sein für den Rest der verseuchten Landschaft, aber in einem sind sie sich längst einig, still und ohne den zartesten Stimulus einer verantwortlichen Synapse: Alles muss raus! Schnellschnell Meldung, Kommentar, Sen-sa-tion. Das ist eben Journalismus 2.0: Wer heute ein Geschäft verpasst, macht es morgen schon gar nicht mehr. It's all about the money.

Boom

Wenn ich also lese - ein beliebiges Beispiel - "Die Ratlosigkeit nach der Katastrophe", ist das genau so Machwerk wie ein "Das ist das Schwein und das seine Schweinefamilie". Es hat keine "Katastrophe" stattgefunden, sondern ein Verkehrsunfall. Niemand ist "ratlos", aber das klingt so schön verzweifelt und passt ins Corporate Design des Verlags, dessen Printausgabe "Ausgeliefert" titelt und den Grusel der Stunde zu nutzen weiß. Gerade haben sie sich noch das ehedem Selbstverständliche als gloriosen Qualitätsanspruch selbstbescheinigt, da reißen sie es mit dem Hintern wieder um. Wer am Wühltisch zögert, geht eben leer aus. Höhere Anforderungen stellen nur "organisiert auftretende, anonyme" Konterrevolutionäre.

Es gibt nichts zu berichten, gar nichts. Es ist eben nicht geklärt, was passiert ist. Guter Journalismus, der leider nicht auf die Verwertungskette zu bringen ist, hätte sich die Weisheit zu eigen gemacht: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten". Ganz im Gegenteil ist aber der Mix aus Leichengeruch, Explosionsstaub und Ungewissheit der optimale Nährboden für jede Art Schauergeschichte und Betroffenheitslyrik. Angesichts des Booms, den das auslöst, sollte man darüber reden dürfen, ob so ein Knall nicht eine Wohltat ist, etwas ungemein Soziales. Wir reden hier schließlich von Arbeitsplätzen!

Für jeden etwas

Wer es lesen will, erfährt also, was das Pilotenschwein geträumt hat, warum der schon immer eine Sau war und man nur den gesunden Volkskörper hätte fragen müssen, wie man solche ausmerzt. Wer es nicht ganz so hart mag, kriegt auf dem anderen Kanal die bemüht kultivierte Version der Denunziation geboten. Auch da war noch nichts bewiesen, aber wir sind ja nicht vor Gericht. Medien Suchen nicht die Wahrheit und können sie eh nicht rechtzeitig finden. Da setzt dann halt ihre Kreativität ein.

Die Resteverwerter kommen ebenfalls auf ihre Kosten, sei es der politische Weihrauchschwenker oder der Longtail, der mit einsetzender Ebbe leisere Töne anschlägt und übergangslos die Heuchelarbeit einleitet. Da muss eine chice Location her, na klar: Der Kölner Dom, weil wir es uns wert sind. Ein bisschen sparsam ist das eher, wir haben reichlich luxuriöse Fußballstadien, in denen auch multimedial mehr geht. Vielleicht beim nächsten Mal. In der Zwischenzeit werden ein paar Gurken sauer eingelegt; ein bisschen transatlantische Handelspolitik, ein paar geostrategische Wühlarbeiten, solche Dinge eben, für die sich niemand interessiert. Irrelevantes Zeug halt.

 
bnk

Solide Bank, in anderem Licht betrachtet

Ich komme in diesem Tagen wieder nicht zur Ruhe, und die Ruhe schon gar nicht zu mir. Es ist merkwürdig, dass einem Dinge als gewaltige Last erscheinen, die an anderen Tagen das Gegenteil bewirken. So speist sich auch der Blogblues ganz natürlich aus den Quinten des Lebens.

Zum Beispiel der gequirlte Quatsch zu einer Talkshow. Die einen führen dieses Nichtereignis dem Daseinszweck zu, indem sie ein wenig daran herum wringen, um den ekligen Sud ihrer Propaganda zu verspritzen. Neu ist eine Art 'Kritik', die anstatt welche zu sein jammert, sie könne es ja nicht. Man werde jetzt doch nur über diesen Finger reden - und sie folgt prompt der vermeintlichen Unvermeidbarkeit.

Ich spreche hier nicht über Finger. Ich habe ganze Aufsätze von Varoufakis verlinkt und ein Interview plus Transkript, in dem er anschaulich das theoretische Handwerkszeug erklärt, auf das die Neoklassiker und Neoliberalen verzichten, um sich aus einem künstlichen Mangel an Wissen zur Wissenschaft des künstlichen Mangels zu erheben. Über Letzteren dürfen die Ungücklichen allerdings leider nicht sprechen. Für eine Realitätsprüfung haben sie keine Aussagegenehmigung.

Reines Fett? Ja gern, aber leicht muss es schmecken!

Was ist die Alternative zur alltäglichen Aufregung über nichts? Leider widerspricht das Aufklären über Hintergründe dem Bedürfnis nach leichter Musik. Mehr als drei Akkorde gelten als 'radikal', Rhythmuswechsel sind strikt zu vermeiden! Na und? Ernsthafter ist da schon das Problem, dass Sätze mit Sinn und Inhalt, die man verstehen kann, aus denen man lernen kann, nicht täglich wiederholt werden müssen; im Gegenteil wird das nicht nur öde, sondern auch bemerkt.

Also trotzdem: Die Dinge immer wieder in ihren Zusammenhang setzen, gern auch in neue, ja und leider auch immer wieder Lügen "Lügen" nennen. Ach, wir haben aus versehen gar nicht darauf hingewiesen, dass unsere Einspielung schon ein paar entscheidende Jahre alt ist? Oops, aber das kann man uns doch auch nicht zumuten, wir sind doch der Qualitätsjournalismus®! Wird sofort korrigiert (Was ist schon eine Talkshow zur besten Sendezeit gegen den getwitterten Einsatz?)!

Sei's drum, wenn die intellektuelle Mittelschicht, jene Interessierten an 'Information', die so weit vorverdaut ist, dass man sie kaum mehr schlucken muss, wenn also dieser auf dem Reißbrett erzeugte Durchschnitt veganes Milchkalb vorgesetzt bekommt, lässt er sich's schmecken oder lehnt ab, weil vegan nur etwas für Putinversteher und Masochisten ist. Niemand fragt sich etwas, und das einzwei Schnäpschen dazu ist drogenfrei. Du musst schon schwer auf Zack sein, bestes Entertainment bieten oder wenigstens eine sympathische Erscheinung Marke "der ist ein guter Mann" abgeben, dann reicht es bei guter Führung vielleicht für den Spartenkanal oder sogar das Dritte. Man muss bescheiden bleiben.

 
spon

Screenshot "Spiegel Online"

Der ehemalige "Spiegel Online"-Chef Müller-Blumencron hat recherchiert: "Eine ganze Armada von Bloggern, Webseiten und Fernsehsendern ist derzeit dabei, Moskaus Sicht der Dinge in die Welt zu tragen.". Armada. Mächtiger Feind. Blogger mit der bekannt gigantischen Reichweite ihrer Wunderwaffen manipulieren die Meinung zugunsten des russischen Imperators und hängen die Redaktionen der unbedeutenden Medien FAZ, Spiegel und Tagesschau ab. Wie soll da noch OBJEKTIVE BERICHTERSTATTUNG möglich sein?
Geisterfahrer, überall Geisterfahrer!!1!

Update: Ich muss jetzt doch ein paar Takte dazu loswerden. Das da oben spricht ja derart für sich selbst, dass es eigentlich keines Kommentars mehr bedarf. Ich verbitte mir das bekanntlich hier in den Kommentaren, mit Großbuchstaben oder Fettschrift rumzumachen, weil ich mich ungern anschreien lasse. Ich stelle mir vor, wie der Sprecher der Tagesschau demnächst an den wichtigen Stellen, die der Zuschauer sich unbedingt merken muss, ein Megafon zur Hand nimmt. Schön wäre auch eine musikalische Untermalung. Geigen für Obama, Blechbläser an verminderter Quinte bei Putin, Je t'aime für die Kanzleuse. Ach kommt, man muss mit der Zeit gehen!

Ich will aber auf etwas anderes hinaus: Veränderungen wie die oben dokumentierte bedürfen einer Entscheidung. Da geht ja niemand hin und malt ein paar Buchstaben fett an, weil ihm gerade die Wachsmalstifte für seine Pause ausgegangen sind. Da hat es einen Redaktionsbeschluss gegeben, womöglich unter Beteiligung von Verlegern. Vielleicht hat auch der Blome den anderen schnell was in den Kaffee gekippt und sie mit ihrem Blut unterschreiben lassen, was weiß ich.

Jedenfalls kann man hier einer Verschwörung beim Verschwören zugucken. Wer hat da wie mit welcher Begründung für diese propagandistische Aufrüstung gesorgt? Wer hat das entschieden, wie war die Reaktion der Redaktion darauf? Ein Königreich für einen Whistleblower!
Ganz allgemein hätte ich natürlich gern ein paar Ohren in den Redaktionen. Man kann sich als noch halbwegs synaptisch Verdrahteter ja kaum vorstellen, wie so manches Qualitätserzeugnis aus dem Schaum eines oxidierten Hirns geboren wird. Sicher tauen sie ihre Köpfe in der Mikrowelle auf, wenn das so kalt ist da draußen.

 
paris

Kai Gniffke schäumt schon wieder und sieht sich von „Verschwörungstheoretikern“ - die er gleich drei Mal erwähnt - umzingelt. Furchtbar, alle diese Geisterfahrer! Er vergreift sich für einen Mr. Seriös arg im Ton und fürchtet "auf die Fresse" zu kriegen; aber vielleicht ist das auch nur ein sprachlicher Hinweis auf den Tagesbefehl: Fresse halten, Verschwörungstheoretiker! So viel zur Souveränität im Angesicht der Kritik.

Es geht um die Bilder, die suggerieren - und das tun sie nachgewiesenermaßen - Staats- und Regierungschefs hätten den Trauermarsch von Paris angeführt. Tatsächlich haben sie nur in einem abgesperrten Areal posiert. Alles kein Problem, den Gniffke bescheinigt Gniffke:

"Das ist harte journalistische Arbeit, die sich an ethischen und handwerklichen Standards messen lassen muss.".
Die Quintessenz:
"Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung [...] müssen wir uns – bei aller Selbstkritik – nicht [...] aus Angst vor den Verschwörungstheoretikern die eigene Arbeit schlecht reden.."

Der Mann erklärt hier, wenn auch im Eifer verquer formuliert, dass die Arbeit der Journalisten darin besteht, Teil einer Inszenierung zu sein. Der Zuschauer hat das so hinzunehmen - und für was zu halten? Die Wahrheit? Oder nur irgend eine Geschichte, die so erzählt wird, wie sich die Herrschaft eben sehen will? Er bleibt die Antwort schuldig, allemal bleibt es allerdings eine Bankrotterklärung.

Reingefallen!

Einige Beispiele, warum es sehr wohl so aussehen sollte als ob: Spitzenreiter der harten journalistischen Arbeit ist das (auch bei Spiegel Online verlinkte) manager-magazin (Siehe Screenshot oben). Sicher sind sie dort nicht so klug wie die Zuschauer der Tagesschau und deshalb auf die Bilder hereingefallen. Dabei hätte das doch wohl jeder wissen müssen!

Der Tagesspiegel formulierte:

"Als am Sonntag viele Staats- und Regierungschefs in Paris vor dem Trauermarsch für die Opfer der Attentate in Frankreich hermarschierten ..."

Ich war nicht dabei. Glaube ich also jetzt, dass die Herrschaften an der Spitze des Marsches waren oder erkenne ich die wahre Volksnähe dieser solidarischen Mitmenschen?

Und überhaupt, so derselbe an anderer Stelle, sei das ja gar keine "Seitenstraße" gewesen, wo sich die Prominenz traf, sondern ein abgesperrter Teil einer ... na eben Nichtseitenstraße!! Angeblich seien sie sogar "250 m" marschiert. Die Inszenierung hat sich also an der Wahrheit orientiert, die sie gern gewesen wäre. Macht sie das besser?

Der "Spiegel" rührt ein wenig Spannung hinein und schreibt von "eine[r] logistische[n] Meisterleistung der Sicherheitskräfte" – ohne jeden Hinweis darauf, dass die Prominenz unter sich „marschierte“. Was stelle ich mir vor, wenn ich diese Worte lese? Dass da meisterhaft die Straße für ein Foto gesperrt wurde?

Meisterleistung, große Geste - Lobet die Herrschaft!

Die Sueddeutsche stellt im Nachhinein fest:

"Jetzt kommt heraus: Die Aufnahme entstand in einer gesicherten Straße. An der Aufrichtigkeit der Geste ändert das jedoch nichts. … Immer schon war Politik auch Geste, Symbol, Haltung. Der Porträtist wie der Fotograf, der Blick des Betrachters und die Wahrheit im Auge des Betrachters: Das war immer schon Kalkül,"

"Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters". Diese Karikatur einer dümmlichen Ausrede kenne ich aus dem Kinderfilm "Der König der Löwen". Auch hier wird so getan, als hätte sich der Qualitätsjournalismus schon immer als Theater verstanden, in dem Politik nur inszeniert wird.

Auch anderswo wird übrigens über diese Inszenierung diskutiert, ganz Europa ist fest in der Hand der Verschwörungstheoretiker!

Der Trümmerhaufen eines Journalismus, der sich inzwischen völlig der Hoftheorie verschrieben hat, zerfällt zu Pulver. Sie behängen sich mit Preisen, die ihre Unabhängigkeit® betonen, sie behaupten, sich "mit keiner Sache gemein" zu machen und tun das Gegenteil. Die "Gatekeeper", die objektiv "Fakten, Fakten, Fakten" auswerten, bespucken ihr enttäuschtes Publikum, wenn sie als Regisseure eines Schmierentheaters auffliegen und werfen ihm vor, es müsse doch wissen, dass alles nur inszeniert ist. Obendrein gelingt diese Inszenierung über Staatsgrenzen hinweg, fast flächendeckend. Eine konzertierte Inszenierung. Doch, das darf der Zuschauer "Propaganda" nennen und auch "Gleichschaltung", denn es kann ihm nicht abverlangt werden, sich immer differenzierter zu äußern als die Profis, von denen er getäuscht wird.

Ganz folgerichtig wird das - sicher alles andere als schöne oder wohl gewählte - Wort "Lügenpresse" zum "Unwort des Jahres". Was soll das? Ich weiß als Profi schon lange, dass die Journaille inszeniert und arbeite mich seit Jahren daran ab, dass sie dauernd das Gegenteil behauptet. Die Leute da draußen sind maßlos enttäuscht, stinksauer und haben völlig recht, wenn sie von der "Lügenpresse" sprechen. Sie wurden belogen, sie werden belogen, und zwar von denen, denen sie vertraut haben. Wie sollen sie sich jetzt eine Vorstellung machen von dem, was los ist in der Welt? Wenn sie es nur versuchen, werden sie der Majestätsbeleidigung bezichtigt und zu Psychopathen erklärt. Verbrannte Erde.

Update; Ich habe nicht das Ziel, ein vollständiges Bild der Berichterstattung zu zeichnen, aber der hier ist noch wichtig:
"Dutzende Staats- und Regierungschefs aus aller Welt marschierten vorneweg" schrieb wer? Die Tagesschau.

 
Die FAZ schreibt: „Doch muslimische Verbände müssen sich fragen, wieso ihre Religion so viele Terroristen hervorbringt.

Allein während es ersten Terrorjahres starben 479 Menschen, davon 247 Zivilisten. Binnen weniger Jahre erhöhte sich die Zahl getöteter Terroristen, Sicherheitskräfte und Zivilisten auf über 1000.

Die Dienste setzten daraufhin auf Infiltrierung. Nach Massenverhaftungen wurden Spitzel angeworben, denen sonst drakonische Haftstrafen gedroht hätten. Deren Denunziationen führten zu hunderten weiterer Verhaftungen. Die Gewalt hielt dies alles nicht auf. Die Terroristen wurden von religiösen Extremisten in Protesten unterstützt. Binnen 20 Jahren starben mehr als 3000 Menschen, und zwar nur in Nordirland, wo sich Protestanten und Katholiken, Royalisten und Nationalisten gegenseitig abschlachteten.

Friedliebende Christen

In etwa derselben Zeit tötete die Euskadi Ta Askatasuna 823 Menschen, und zwar zwischen den Sechziger und Zweitausender Jahren. Auch die ist keine islamistische Organisation, sondern die als „ETA“ bekannte Organisation der baskischen Separatisten, die zunächst gegen Franco kämpfte und dann gegen die spanische konstitutionelle Monarchie.

Die Grundkonflikte waren dabei vergleichbar, wobei in Nordirland der Kampf um Souveränität entlang derselben Fronten verlief wie der der Konfessionen. Es wäre hier genauso falsch zu behaupten, es handele sich dabei um religiös motivierten Terror wie es falsch ist, Anschläge durch Muslime auf religiöse Motive zu reduzieren. Die Parallelen zwischen den Kämpfen der ETA und der IRA bzw. UUP sind ein guter Hinweis darauf, dass es mit wie ohne Religion geht.

Religion und andere Motive

Der Verdacht drängt sich auf, dass je nach Tätern und Opfern sowohl die Dimensionen völlig unterschiedlich dargestellt werden als auch die Gefahr, die tatsächlich besteht sowie die Reaktionen des Staates. Von 1971-1993 gab es 34 Todesopfer durch die RAF. Die Reaktionen darauf haben einen völlig neuen Sicherheitsapparat zur Folge und waren teils hysterisch. Es wurden seinerzeit ganze Autobahnen gesperrt für die Fahndung, und der Ruf nach der Todesstrafe wurde häufig laut. Die Medienkampagnen dazu waren entsprechend.

Bevor ich zu den Medienreaktionen komme, kurz zurück zur Religion als Motiv: Die Verbindung von religiösem Eifer mit Mord- und Selbtsmordkommandos ist nur logisch. Religionen helfen ggf. dabei, sein Leben zu geben und auf ein Jenseits zu hoffen, sie kitten jede Irrationalität und relativieren den Wert des Menschen, indem sie ihn vom Bezug zu Gottheiten abhängig machen. Das ist praktisch für den Fanatiker, es geht aber wie gesagt auch ohne diese Hilfe.

Hinzu kommt, dass keine Religion der Welt von ihren Anhängern erwartet, dass sie Menschen töten. Auch nicht der Islam. Wir sprächen sonst ohnehin nicht von „Terroristen“ und ihren Anschlägen, sondern befänden uns im Krieg mit Milliarden entschlossener Feinde. Während NATO-Staaten seit Jahrzehnten ununterbrochen überall in der Welt Kriege führen, wirft man aber hier „den Muslimen“ vor, Terroristen hervorzubringen.

Nützliche Idioten

Der faktische Zusammenhang ist dabei derart offensichtlich, dass man schon ein Depp sein muss, um ihn nicht zu sehen. Palästina, Irak, Iran, Afghanistan, Libyen, Syrien – die Liste der betroffenen Staaten und Regionen ist nicht vollständig, aber überall sind es mehrheitlich muslimische Bevölkerungen, die von der NATO militärisch angegriffen werden. Der Bevölkerung ist es übrigens völlig egal, ob dabei Gute oder Böse angegriffen werden, wenn sie nur genug unter den Invasionen leidet. Die Antwort darauf ist teils militant, was hier eben „Terror“ heißt.

Die Täter sind dabei zwar persönlich motiviert, sind durch ihren Fanatismus aber Nützliche Idioten für jede Art von Hintermännern. Das hat mit Religion nichts zu tun, das ist Interessenpolitik mit Waffengewalt. Nichts anderes ist übrigens auch der unmittelbar kapitalistische Terror des Drogenkrieges. Was in Mexiko etwa an der Tagesordnung ist, scheint nicht zu interessieren, weil es ja nur Geld ist, für das dort täglich Menschen ermordet werden.

Es ist absolut nichts dran an der Behauptung, der Islam bringe Terroristen hervor. Der Krieg bringt sie hervor, die Gewalt, der Bombenterror. Dabei ist es vollkommen egal, wessen Bombe Menschen tötet. Jede Bombe erzeugt Hass, und der findet seine Rächer. Katholische, muslimische, kommunistische und nationalistische.

Gute Täter, böse Opfer
 
Allein die offizielle Statistik der Terroropfer von Nazis allein in Deutschland seit 1990 liegt bei 58. Die Verbindung von rechtsextremen Mördern zum Verfassungsschutz ist nicht zu leugnen. Dennoch findet kein Aufschrei statt, keine Großdemonstration, und in der Presse ist nichts zu lesen von Geheimdiensten, die Terroristen hervorbringen. Während von eineinhalb Milliarden Muslimen ein paar Dutzend in den letzten Jahrzehnten mit Anschlägen in Verbindung gebracht werden, flog hier auf, dass fast ein Drittel der Mitglieder des rechtsextremen „Thüringer Heimatschutzes“ dem Verfassungsschutz angehörten. Wer aber spricht von Terroristen im Staatsdienst?

Es ist offensichtlich, dass „Terror“ eine Kategorie ist, um Taten und Opfer unterschiedlicher Gruppen unterschiedlich zu bewerten. Sind die Täter „Kommunisten“ und ihre Opfer Repräsentanten von NATO-Staaten, ist der Alarm allumfassend. Sind die Täter Nazis und ihre Opfer 'Ausländer', wird bestenfalls weggeschaut. Sind die Täter Christen oder Juden und die Opfer Muslime, ist das „Verteidigung“ in aller Welt; ist es umgekehrt, spricht man von einer terroristischen Religion.

Terror ist furchtbar. Jede Form von Bombenanschlag, Schusswaffengewalt und Massenmord hält die Spirale in Gang. Wer sie aufhalten will, muss den Kreis der Rache durchbrechen. Dabei ist es wenig hilfreich, wenn in Gut und Böse, geborene Täter und unschuldige Gegentäter unterschieden wird. Es hilft vielmehr den Rächern, rassistische Ressentiments als Kriegsgrund zu liefern. Der Krieg wird dabei nicht nur gegen den erklärten Feind geführt, sondern genau so gegen die Bürgerrechte. Das ist das Schlimmste an diesem Terror, dass er ein gefundenes Fressen ist für die Faschisten auf beiden Seiten.

 
dose

Seid ihr jetzt alle bekloppt geworden oder wie? Der eine meint, man müsse sich jetzt ganz feste "solidarisieren" mit Leuten, die zweitklassige Karikaturen mit rechtslastigem Inhalt pinseln, die nächste ruft gar die "Muslime" auf, sich jetzt aber ganz fix zu "distanzieren". Warum? Weil ein paar Soziopathen sich mal wieder unter den Augen der Geheimdienste Waffen besorgt und Unbewaffnete abgeknallt haben - was ganz nebenher als militärische Großtat dargestellt wird?.

Ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht da, wo kein Politclown des US-Imperiums ohne ein schleimiges "God bless" (you, Amorica, my ass) auskommt, wo sie sich auf den Christengott berufen bei jeder widerlichen Mordtat, jedem Krieg, in den sie ziehen und selbstverständlich wenn sie ihren Reichtum auf Kosten der Ärmsten vermehren. Wo genau waren da die Aufrufe, sich davon zu distanzieren, "liebe Christen"? Oder will mir jemand erzählen, der Anschlag in Paris hätte mehr mit Religion zu tun als das?

Schnellschnel Reaktion!

Also "Solidarität"? Ja, in Sachen Solidarität sind wir ganz groß und noch schneller. Solidarität mit Tausenden, die jedes Jahr ersaufen, weil wir sie hier nicht haben wollen? Solidarität mit den Opfern der Waffen, aus deren Erlös hier das Wachstum® erzielt wird? Solidarität mit Afrika, immer noch ein Kontinent des Elends? Mit Südeuropa, wo eine ganze Generation aus dem Arbeitsmarkt® gefallen ist oder wenigstens mit den eigenen Kollegen, wenn sie in Not geraten? Ja wo laufen sie denn?

Nächste Ebene: Es ist also die "Pressefreiheit" die da gemeuchelt wurde? Na klar: Pressefreiheit ist, wenn man sicher vor Amokläufern ist oder was? Pressefreiheit bedeutet, dass der Staat und seine Institutionen sich raushalten. Also zum Beispiel keine atlantischen Zirkel installiert werden, die überall Funktionäre und Spitzenangestellte korrumpieren. Ich brauche keinen Anchorman, der mit Gewerkschaftsbossen, Spitzenpolitikern und Militärs in einem Club herumlungert. Wer verteidigt da die Pressfreiheit vor dem 'Verteidigungsbündnis'? Und wer verteidigt sie gegen fanatische Christen oder Industrielle mit ihren "Unterlassungsklagen"?

Who done it

Schauen wir uns die Täter an, indem wir die Tat bewerten. Da komme ich ganz schnell zu dem Aufruf, sich von Rock'n Roll zu distanzieren. Junge Männer, die lieber ausbrennen als zu verbleichen; hieß es nicht "Be a man, kill a man" bei den Sex Pistols? Ein paar Loser machen sich unsterblich. Ist das Religion? Kann sein. Aber welche? Klar weiß sich der junge Held gefeiert von den ganz Harten, die glauben, im Namen eines Gottes das Rad zu drehen. Wer aber glaubt bitteschön an ein Motiv und dann dieses? Da haben ein paar Irre einen Actionfilm live gespielt. Kommt Leute, distanziert euch von Actionfilmen! Da haben sich Leute vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum des Interesses geballert. Solidarisieren wir uns mit dem Rand!

Zum Schluss ein Portiönchen Döner gefällig vom Oktoberfest?

"Die beiden gesuchten Tatverdächtigen sind nach Angaben von Innenminister Cazeneuve überwacht worden. [...] Auf ihrer Flucht haben die mutmaßlichen Attentäter offenbar einen schweren Fehler gemacht und einen Personalausweis in ihrem Fluchtfahrzeug vergessen, als sie am Rande der Hauptstadt das Auto wechselten."

Eiskalte Profis lauern da irgendwo im Gebüsch. Ich solidarisiere mich mit jedem Verschwörungstheoretiker, der an dieser Stelle den Speer fallen lässt und prustend zu Boden sinkt.

Titelbild: Ausschnitt aus der 1987 verbotenen Karikatur der Titanic, dokumentiert bei Zensur-Archiv

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lunat

Das Niveau journalistischer Produkte sinkt ins ewig Finstre, umso schneller, je mehr die Journaille auf ihre angebliche Qualität pocht oder ihren neuen Feind bekämpft, den Kommentator. Reflexhaft wird da ein Totschläger aus jenem bösen "Internet" geschwungen, das sonst doch immer Unrecht hat, der Vorwurf der "Verschwörungstheorie", der auf alles angewendet wird, was nicht passt, von der rein sachlichen Kritik bis zum alkoholisierten Rant. Differenzieren ist nicht ihre Domäne, "im Internet" ist alles dasselbe.

Zwei Beispiele allein aus den letzten Tagen für die Vorwärtsverteidigung einer ruinierten Zunft, die exakt auf dem Niveau von Trollen angekommen ist. Blindwütige frei erfundene Vorwürfe, genau die Form der Projektion, für die man hier aus den Kommetaren fliegt:
Anna Prizkau sieht nur irre Verschwörer am Werk, "wo solche Geschichten immer stehen, im Internet". Fehlt nur die Warnung vor Schreibtischen, wo so etwas ja immer geschrieben wird.

Katja Thorwarth kann gleich ganz faktenfrei und stellt fest, dass jemand, der zwei flugs eingebürgerte Manager von Goldman Sachs in der Ukrainischen Regierung anrüchig findet, ja nur ein Paranoiker sein kann. Ich muss dazu nichts sagen; diese Texte richten sich selbst. Hätten sie doch nur verstanden, dass man so etwas besser nicht ins Internet stellt. Nun stellt sich in der Tat die Frage:

Warum tendiert eine so große Zahl von Journalisten, die sich nur auf ihre ‘Freiheit’ berufen, auf eigenes Risiko zu publizieren, dahin, ganz spontan und ohne Zwang immer wieder eine Weltauffassung zu reproduzieren, die sich innerhalb der selben ideologischen Kategorien bewegt? Warum verwenden sie immer wieder ein so eingeschränktes Repertoire innerhalb des ideologischen Feldes?

Stuart Hall, zitiert nach Burks.

Die einfachen Antworten darauf vermuten tatsächlich Verschwörungen. Sie sind angesichts der (atlantisch dominierten) Zirkel von Adabeis und der Hierarchien einer Medienindustrie auch nachvollziehbar, aber zu einfach und daher eben falsch. Allerdings ist der journalistische Reflex, sich immer gegen das Dümmste zu richten, das der vermeintliche Feind in Stellung bringt, ein Offenbarungseid. Argumentieren ist das nicht mehr.

Es gibt viele Thesen zu bilden, und ich werde mich jedenfalls demnächst näher mit Stuart Hall befassen. Derzeit umschmeichelt mich die Ahnung, dass Kompetenzen wie Intelligenz, Trotz, Mut und Neugier, die zu einer kritischen Haltung befähigen, nicht nur in der Schule, sondern danach noch einmal sehr effektiv im System Journalismus ausgesiebt werden. Warum sollte es dort auch anders sein als in den meisten anderen Branchen? Welchen Stellenwert jene Talente haben, die zur Selbstkritik und zu umsichtiger Auswertung von Fakten befähigen, lässt sich an ihren 'Argumentationen' jedenfalls deutlich ablesen.

Dabei sind zwei Tendenzen erkennbar, die sich vermutlich fatal auswirken. Erstens ein aus dem politischen Establishment eingesickertes Freund/-Feind-Denken. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Der Ton wird aggressiver, die Urteile schnell und ohne Anhören der Gegenpartei gefällt. Dies im Verbund mit zweitens der immer noch gepflegten Überheblichkeit, sie, die Qualitätsjournalisten, hätten stellvertretend für alle anderen das alleinige Recht, Nachrichten zu bewerten, atmet den Geist der Diktatur, ohne dass jemand Befehle geben muss.

Dass die Konsumenten ihnen allmählich dieses Recht streitig machen, aus besserem Wissen, Unbehagen, Unsicherheit oder Enttäuschung, können sie nicht akzeptieren. Wie herrlich einfach ist es dann doch, die bizarrsten Meinungen der Enttäuschten ans Licht zu zerren und ihren unbeholfenen Widerspruch bloßzustellen. Im nächsten Schritt wird jede Kritik darauf reduziert. Mit berechtigter Kritik, die jederzeit auch zu finden wäre, muss man sich dann nicht mehr befassen. So sehen Sieger aus.

 
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Wie verflochten die Probleme sind in einer Welt, in der aus Geld ständig mehr Geld gemacht werden muss, zeigt sich sehr deutlich an der Entwicklung im journalistischen bzw. publizistischen Bereich. Besonders der Umgang mit dem Publikum, Diskussion und Debatte, offenbaren die Entwicklung einer Spirale, auf der sich die Qualität des Journalismus Richtung Nirwana bewegt.

Wir haben durch das Internet einen immensen wirtschaftlichen Druck auf die Verlage, schon allein weil es nicht mehr nötig ist, Zeitungen aus Papier zu lesen. Der Einbruch bei den Einnahmen von Abonnenten und Anzeigenkunden kann nicht aufgefangen werden. In der Folge werden Journalisten entlassen oder – schlimmer noch für die Qualität – so schlecht bezahlt, dass sie sich den Luxus von Recherche und Gründlichkeit nicht mehr leisten können. Zudem sitzt allen die Angst im Nacken, den Job zu verlieren. Das fördert nicht gerade den Mut zur Kritik.

Nachtbereitschaft?

Eine der Errungenschaften des Internets ist die Möglichkeit für Publizisten, mit ihren Lesern in Kontakt zu treten. Das ist die Domäne der Blogger, die aus Leidenschaft schreiben und ihrer Leserschaft für die Diskussion als Autoren zur Verfügung stehen. Eine solche Möglichkeit haben die Verlage nicht. Alles, was sie bislang in dieser Richtung getan haben, ist nicht zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen, so dass sie zunehmend lieber auf die Diskussion verzichten.

Wie auch immer dies ein Armutszeugnis für die betreffenden Redaktionen ist, so steht dahinter aber auch ein Problem, das unter den gegebenen Umständen nicht lösbar ist: Man kann nämlich niemanden bezahlen für die Arbeit, die Blogger ganz selbstverständlich leisten. Die Zeitspanne, in der Blogger ihre Blogs betreuen, wäre schon als Bereitschaftsdienst unfinanzierbar. Der Aufwand, den die Diskussion bedeutet, kann nicht zur Arbeitszeit werden.

Andererseits kann es auch nicht hingenommen werden, dass Journalisten sich bereit erklären, 24/7 für ihre Verlage im Einsatz zu sein. Schon die Betreuung von Diskussionen als Job im Job würde entweder die Kassen sprengen oder bedeuten, dass solche Autoren für einen sittenwidrigen Stundenlohn arbeiten. Dieser würde wiederum Druck auf die Gehälter des ganzen Standes bewirken. Im Kapitalismus vulgo Marktwirtschaft® ist ein wirklich interaktiver Journalismus nicht organisierbar.

Kapitalismus ohne Markt®

Blogger können also von ihrer Arbeit niemals leben, wenn sie denn ernsthaft welche sind und sich der Diskussion stellen. Das geht nämlich nicht ein bis zwei Stunden täglich, sondern es erfordert eine Dauerpräsenz, auch wenn man nur sporadisch die Diskussion aufruft. Gerade wenn eine solche aber lebhaft läuft, kann man nicht Feierabend machen, schon gar nicht regelmäßig. Modelle, die das Beste beider Welten versucht haben – in der Regel durch roboterhafte Moderation, freie Fahrt für freie Trolle oder Praktikanten im Tageseinsatz, sind kläglich gescheitert.

Hier ist eine weitere Tätigkeit, für die Bedarf besteht, die aber eben nicht verwertbar ist und ihren Akteuren daher nicht das Brot zum Essen einbringt. Wir haben hier eigentlich alles, was Markt® angeblich ausmacht: Angebot, Nachfrage und Produktion. Aber alles, was die Produzierenden in diesem System einfahren, sind Almosen oder Einnahmen aus Werbung, die wiederum alles konterkariert, wofür diese Form des Publizierens steht - und obendrein auch kaum etwas einbringt.

p.s.: Für die Unterstützung meiner Arbeit möchte ich mich bei dieser Gelegenheit wieder einmal herzlich bei allen großzügigen Spender/innen bedanken.

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