journalismus


 
milipfaf

Was soll man sagen über das, was sich in den Massenmedien abspielt, die Beschuldigungen “Putins”, den von Russland und den Nachbarländern zu unterscheiden die Journaille schon völlig überfordert? Ihr wisst schon: Das größte Land der Erde, Riesenvölker, alte Kulturen mit vielen Facetten, vom Erzstaatssozialismus zum Brutalkapitalspielplatz mutiert – das alles ist eine einzige Person für den Lohnschreiber, und die ist vor allem eines: schuld! Zwei beliebige Beispiele hier bei fefe verlinkt.

Hier noch ein schöner Kontrast aus derselben Kiste, und ich möchte den Kommentar von Max dazu auch zitieren:
“der Westen” ist sich einig. Von der moralischen Schuld am ganzen verdammten Ukraine-Krieg fangen wir lieber nicht an, lieber “Westen”, ne? Oder von der moralischen Schuld am Gaza-Gemetzel, an der Syrien-Abschlachterei, an… aaach geh mir weg, du Westen

Wertegemeinschaft

Es ist wichtig, dass wir das einmal festhalten, was dieser sogenannte “Westen” ist: Es ist die NATO einschließlich der mit ihr kooperierenden Staaten. Das kann und muss man heute so eindeutig sagen, genau wie man damit feststellt, dass es ein militärisch-kapitalistischer Komplex ist, der gemeinsame Interessen (unter Vorbehalt einer gewissen Hierarchie) durchzusetzen versucht.

Das sollen wir natürlich anders wahrnehmen, und dahinter steckt die alte Erzählung von Freiheit und Demokratie, die man selbst dann nicht wiedererkennt, wenn man an sie glaubt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich diese Erzählung eingebrannt, und es war ja tatsächlich ein Mehr an Freiheit, Rechtssicherheit, Zivilisation erkennbar. Nicht nur in Deutschland, wo selbst der Muff der Adenauerzeit wie ein frischer Wind erschien gegenüber dem Gas der Faschisten, wo Nazirichter immerhin niemanden mehr zum Tode verurteilt haben.

So lange es dann wirtschaftlich gut lief, leistete man sich auch echte Menschenrechte, Bürgerrechte, es entwickelte sich sogar eine pluralistische Medienlandschaft. Die Parole “nie wieder Krieg” war stärker als die Schlächter von Vietnam, Volk beteiligte sich an Politik. Es ging beinahe demokratisch zu – und friedlicher. So friedlich, dass sogar der Kalte Krieg sich einem Ende zuneigte. Dann brachen die Dämme.

Als die Dämme brachen

Der Eiserne Vorhang fiel, die Soldaten hätten nach Hause gehen können. Die russischen gingen auch, aber ‘der Westen’, die NATO unter Führung der aggressivsten US-Machthaber expandierte gegen jede Notwendigkeit und besetzte den militärisch und ökonomisch vakanten Raum. Der Weltkapitalismus fand sich schon bald in jeder Endphase, in der jede Regel aufgehoben oder gebrochen wird, die dem Profit im Wege ist.

Ich mache es kurz: ‘Der Westen’ hat seine angeblichen Werte in die Tonne gehauen, und je weniger noch irgendwer angesichts von Folter, Krieg, Drohnenmord und Verarmung an solche Werte glaubt, desto lauter wird sie beschworen, die Gemeinschaft ohne. Es klingt wieder wie 1914, weit und breit keine Kritik, die nicht ‘Extremismus’ genannt würde. Dafür durchsichtige Lügen unter Pauken und Fanfaren.

Dabei fällt denen, die die Musik bestellt haben, nicht einmal auf, dass trotzdem keine Begeisterung aufkommen mag. Niemand glaubt an irgend etwas, der Dritte Weltkrieg ist postmodern abgebrüht, wie maschinell organisiert. Was da von den Kriegsetzern “Verantwortung” genannt wird, ist genau das Gegenteil: Niemand ist verantwortlich, außer dem Abziehbild des Feindes in der Propaganda. Der ist halt alles schuld, egal was er tut.

p.s.: Wenn die Scharfmacher jetzt ausgerechnet fordern, der korrupte Autokrat dürfe kein Turnier der FIFA veranstalten, dringt die unfreiwillige Komik in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

 
Frank Schirrmacher ist tot. Das ist ein großer Verlust für alle, denen etwas am Lesen und Diskutieren liegt, für alle Republikaner, die Politik und Kultur als öffentliche Sache sehen, für alle Liberalen, denen etwas an einer Streitkultur liegt, in der es nicht bloß um den Erhalt der Meinung und der Macht ihrer Produktion geht. Für alle Linken, die einen suchen, an dem sie sich reiben können ohne dabei das Gefühl zu haben, sie könnten auch mit einer Cervelatwurst reden und für alle Konservativen, die noch interessiert, was es denn eigentlich sein kann, das noch erhaltenswert ist.

Ich schrieb vor einigen Jahren bereits, dass es sein Zweifel ist, der Schirrmachers Diskurspflege ausmacht. Da war immer Bewegung, immer eine Frage hinter der Frage, die wichtiger war als die Antwort. Schirrmacher war ein philosophischer Journalist und damit sowohl einer, der sich vom traurigen Rest seiner Zunft wohltuend abhob als auch einer, der all das für eine lebendige philosophische Kultur getan hat, was Boulevardschwätzer wie Sloterdijk oder Precht vermissen lassen.

Was bleibt?

Ich war eher selten seiner Meinung. Ich habe nicht die Art konservativer Geisteshaltung, die sich als solche mitunter auch abgehoben und schwelgerisch verzettelt, wo die nackte somatische Not längst den Weg weisen müsste. Die Schwäche des Konservativen, dass er nicht zerstören mag, was nicht mehr zu retten ist, dass er nicht in Rage gerät angesichts einer Ungerechtigkeit, die keine Salonatmosphäre mehr aufkommen lässt, hat auch ihn beeinträchtigt. Andererseits liegt in dem Vermögen zu abstrahieren eine Kraft, die konkreter Kritik abgeht – wenn man den Weg zu dieser zurück findet.

Daher ist ein wirklich kritischer Konservativer eine seltene Erscheinung, der Verlust dementsprechend beklagenswert. Wir sind nicht bei Wünschdirwas, schon gar nicht im Spiel der Verlage um Profite, aber ich äußere einmal eine vage Hoffnung: Möge Frank Schirrmacher seine Redaktion schon so mit Niveau infiziert haben, dass es Früchte trägt. Wenn er schon nicht ersetzbar ist, dann vielleicht wenigstens ein Vorbild.

 
kleb

Bevor ich meine Erklärung abgebe zu einer Frage, die derzeit erfreulich offen und unbekümmert diskutiert wird – nämlich ob die Parolen in den Medien “zentral gesteuert” werden, muss ich ein kleines Highlight [Video dürfte in wenigen Tagen offline sein] kommentieren von einem, der so dreist Meinung macht, dass das ganze Elend des deutschen Journalismus deutlich wird.

Es ist Claus Kleber, der sich bei dem Versuch zum Spaten macht, einen Topmanager zu angemessenen Lippenbekenntnissen zu zwingen. Ich zitiere dabei nur Kleber. Siemens-Chef Kaeser wäre auch einer Analyse wert, der tut aber nur, wofür er bezahlt wird: Profit als Wohltat darstellen und den Seppel am anderen Ende erden, weil der und seine Mitschüler das Geschäft zu ruinieren drohen.

Ein Highlight

Zu Beginn kritisiert Kleber einen Ausdruck Kaesers. Das erleben wir so gut wie nie, dass einer so etwas wagt, schon gar nicht gegenüber einem Vertreter der Wirtschaft. Geschweige denn legte Kleber dieselbe Messlatte auch bei sich selbst an. Er belehrt Kaeser, der von “Turbulenzen in unserer Planung” gesprochen hatte, über die korrekte Wortwahl:

Das Weltereignis des russischen Eingreifens in der Ukraine, des wenn man so will Diebstahls der Krim, der internationalen Krisen, da ist „Turbulenzen” ein Ausdruck, der die Sache künstlich kleinmachen will.

Die Sache ist groß zu machen, und es ist Diebstahl. Der Journalist bestimmt hier autoritär die Sichtweise gegenüber einem Interviewgast.

Wir berichten immer wieder aus Russland wie in der Innenpolitik, wie in den Medien, wie in der Kunst, wie in Prozessen und in der Außenpolitik von Putin die Zügel angezogen werden, und Sie reden heute in Moskau von einer Werte-Gemeinschaft? An was für Werte ist da gedacht? Sicher nicht nur in Dollar und Euro.”

Wieder pocht Kleber auf die einzig wahre Sichtweise. Er macht deutlich, dass ‘sie’ (Nachrichten, Medien) “immer wieder” dasselbe sagen und erwartet, dass man dem nicht widerspricht. Diesen Vorgang, der in der Wertung “zieht die Zügel an” mündet, einer Wertung, die bedeutet, dass mit der Personalisierung auf Putin und dessen Verhalten keine “Wertegemeinschaft” mehr möglich sei, nennt er “berichten”.

Die Frage ist wie man sich gegenüber Russland im Moment verhält, und da ist Ihr Besuch eindeutig ein Zeichen gegen alles, was von Merkel bis Obama, von NATO bis EU und OSZE gegen und mit Russland unternommen wird. Sie besuchen da ein Land, das im Moment niemanden mehr im Weltsicherheitsrat hat, das auf seiner Seite abstimmt, und es gibt konkrete Gründe dafür.

Hier wird in Stellung gebracht, wer die Front bestellt. Die OSZE betreffend, ist das nebenbei bemerkt eigensinnig interpretiert. Aber Obama, Merkel, die EU und die NATO sind diejenigen, deren Linie unwidersprochen hinzunehmen ist. Das ‘Argument’ bezüglich des Sicherheitsrats ist schlicht Unsinn, aber damit wäre noch eine ‘wichtige’ Instanz genannt. Was so viele wichtige Instanzen sagen, muss richtig sein, alles andere falsch. Das ‘Interview’ hat hier übrigens längst aufgehört, eines zu sein. Kleber will Kaeser aggressiv auf Linie bringen.

Ihnen kann nicht entgangen sein, dass sie mit dem heutigen Besuch konterkarieren, was die westliche Politik versucht aufzubauen, nämlich eine Kulisse, die Russland sagt: Es gibt ein internationales Verhalten, das nicht toleriert wird, für das ein Preis bezahlt wird und das Russland ändern sollte.”

Noch einmal das Drängen auf die Annahme der ‘westlichen’ Sichtweise, ohne jedes inhaltliche Argument, ohne historischen Bezug, ohne ein einziges Argument der Gegenseite zu achten, ohne die vorgeblichen Anforderungen an “internationales Verhalten” zu problematisieren. Schlichtes Beharren auf eine sehr konkrete – im übrigen interessengeleitete – Sichtweise. Die Wahl des Begriffs “Kulisse” dürfte eine Freudsche Fehlleistung sein und wirkt erfrischend entlarvend.

Das mag bis hierhin reichen, das ganze Transkript hat Pantoufle gestern schon geleistet.

Ausgezeichnet

Ein besonderer Witz an diesem Tiefpunkt journalistischer Propaganda ist der Orden, mit dem Kleber 2010 behängt wurde, nämlich der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, der mit dessen Spruch garniert ist:

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.

Es scheint, als würden inzwischen solche Journalisten ausgezeichnet, die in besonderer Weise illustrieren, was damit gemeint ist. Schaut euch den Kleber an; wann immer ihr den Verdacht habt, ihr könntet auf dieses Niveau sinken, kehrt um!
Für eine halbe Million Jahresgehalt ist das die Unabhängigkeit, die man geliefert bekommt. Vielen Dank für Ihre Rundfunkgebühren! Es ist nur konsequent, dass sich solche Operettengeneräle noch mit Orden behängen lassen.

Albrecht Müller weist zurecht auf die atlantischen Zirkel hin, in denen die geostrategische Logik der NATO gepaukt wird, zieht aber nicht die richtigen Schlüsse daraus. Es geht nämlich nur sehr nebensächlich um die Inhalte und deren Steuerung. Hier sind die Think Tanks der Industrie – die pikanterweise gerade über Kreuz zu liegen scheinen mit denen der Atlantiker – vermutlich effizienter. So lange da kein Konflikt besteht, die Vertreter des Kapitals sich also einig sind, gibt es da allerdings kaum einen Unterschied.

Das Wesentliche aber an den Atlantikern, den Think Tanks, den ganzen Clubs und Grüppchen, in denen natürlich auch die Marschroute abgestimmt wird, ist die Bildung von Seilschaften und Anhängern. Wer dazugehört, darf sich wichtig fühlen – das Adabei-Syndrom halt. Wer wirklich relevant ist, trifft hier Leute, die ihm nützlich sind und denen er selbst nützlich sein kann. Das macht Karrieren und das prägt sie. Am Ende steht dann einer im Rampenlicht, der gelernt hat, Rücksicht zu nehmen und denken zu lassen. Dumm nur, wenn er es selbst nie lernt. Dann steht er da wie Claus Kleber und weiß plötzlich nicht mehr, welchem Herrn er eigentlich dienen muss.

 
adolflatterMan kann Putin nicht mit Hitler vergleichen. Putin ist nicht Hitler. Hitler ist tot. Putin ist schlimmer als Hitler. Außerdem ist Putin Russland. Russland ist derweil immer noch das kommunistische Moskau. Russland ist das Böse. Putin ist das Böse. Ja, so primitiv ist die Propaganda. Sie ist auch so primitiv:

Dabei hat es wohl noch nie einen weniger aggressiven Militärpakt gegeben als die Nato [...] Und dennoch wird jetzt wieder gern die Behauptung Moskaus geglaubt, es sei der Westen, der sich nicht an Vereinbarungen gehalten habe: Er habe Russland im Zuge der Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands versprochen, die Nato nicht nach Osten auszudehnen.

Der Lügner, einmal in Fahrt, kennt nur noch Feindrecht, Feindsicht, Feindjournalismus. Wir gut, die böse. Wer übrigens wissen möchte, was es mit dem Versprechen der NATO-Staaten an die Sowjetunion auf sich hat, ist mit diesem Artikel ganz gut bedient. SpOn einmal gar nicht so schlecht. Und auch so primitiv ist die Propaganda: Das hier hat absolut nichts mit Putin, Russland oder der Ukraine zu tun. Da aber wem Unrecht geschieht, muss das sein “wie in Putins Russland“. Das alles an einem Tag, von einem einzigen Medienerzeugnis. Die anderen sind übrigens auch kaum besser.

Geschichte wird gemacht

Ich bin immer noch kein Freund von Jakob Augstein, schon gar nicht von SpOn, aber dem einen im anderen noch einmal ein Lob, weil er nicht einstimmt ins Gebrüll. Stattdessen ein wenig Geschichtsunterricht. Das bildet, wird aber als Argument nicht gehört werden. Im übrigen muss natürlich festgestellt werden, dass die Propaganda des “Spiegel” keinen Deut besser ist. Allein das Titelblatt “Der Brandstifter – wer stoppt Putin” hält stolz die Stellung ganz unten in der Kommode.

In der nämlichen Schublade aber hält heute Berthold Kohler den Spitzenplatz am Boden. Seine Argumente sind so dumm, dass man sie am Stammtisch genau deshalb gern hört, weil sie eine Aufforderung sind, die nächsten fünf Biere zu exen. Anders nicht auszuhalten. Sie sind von der Art, dass 3+3 nicht 6 sein kann, weil 4+2 schon 6 ist. Ich kann gar nicht böse sein, weil du es bist. Noch ein ‘Argument’:

Wie hätte da ausgerechnet eine deutsche Regierung Nebenabreden mit Moskau treffen können, die den postkommunistischen Ländern in Ostmitteleuropa das Selbstbestimmungsrecht (auch in Bezug auf Bündnisse) verweigern, das Deutschland für sich selbst zu Recht beanspruchte – und das Putin nun vorbehaltlos der Krim zugestand?”

Nichts zu blöd

Na, dreht sich alles? Was Genscher gegenschert hat, tat er im Namen der West-Verbündeten. Der US-Außenminister bestätigte diese Zusage. Okay, das war gelogen und kein Teil des Vertrages. Aber die Guten müssen die Bösen belügen, richtig? Wer in dem Zitat da oben Subjekt, Prädikat und Objekt eindeutig zuordnen kann, möge sich btw bitte melden. Es bedeutet also ungefähr das hier: Ein Militärbündnis kann einem anderen keine Zusagen machen über künftige Mitglieder. Das wiederum ist dasselbe wie die Anerkennung der Souveränität einer Region durch einen annektierenden Staat? Und selbst wenn man dabei bleibt, Deutschland mit der Krim zu vergleichen, wo ist der verdammte Zusammenhang? Hilfe!

Ich könnte wochenlang so weitermachen, mir ginge der Stoff nicht aus. Kollege Pantoufle hat ebenfalls etwas hingelegt, das die Dinge ein wenig zurechtrückt. Wir werden vereimert in galaktischen Dimensionen. Nähme man sich die Argumentationen des Feindjournalismus zum Beispiel, liefe das darauf hinaus, dass Putin ein Heiliger sein muss. Warum? Weil Obama lügt zum Beispiel. Obama hatte versprochen, Guantanamo zu schließen, lässt aber weiter foltern. Er hat den Friedensnobelpreis durch eine Ausweitung der von ihm angeordneten Drohnenmorde gerechtfertigt, mit der er sich auch noch brüstet.

Die USA und die EU destabilisierten außerdem wiederholt die Ukraine, paktieren mit Faschisten und irren Oligarchen. Aus diesen und anderen niederträchtigen Vorgängen muss man also schließen, dass der Feind dieser Feinde nur ein Guter sein kann? Nach dieser Logik schon, denn das kommt dabei herum, wenn man in solchen Kategorien denken lässt. Propaganda von Idioten für Idioten.

 
brainpipeSie sind der Kitt zwischen Himmel und Hölle, zwischen superreich und sackarm, verblödet und ungebildet. Sie sind der beste Schutz, den es gegen Fortschritt und Aufklärung gibt, die wahren und einzig Gläubigen, Radfahrer, Leuteschinder, Eichmänner, Pflichttuer, Fahnenträger, kurzum: Die Nützlichen Idioten, ohne die es Oberschicht und Unterschicht, Herren und Sklaven, Ordnung und Ungerechtigkeit nicht lange geben kann.

Die Kriecher der Mittelschicht, die stets mit großem G vor ihrem Eifer die Gebetsmühle drehen, der Freiheit das “Ja aber” ins Gesicht prügeln und jede Maßnahme, jeden Befehl mit sadomasochistischem Genuss exekutieren. Sie sind der Double Buttplug, analfixierte Strafbefürworter, die sich nichts sehnlicher wünschen als Härte im Namen der Obrigkeit, die unten zu sicht- und hörbarem Elend führt. Sie kriegen den Finger nicht aus dem eigenen Rektum, während sie ihren Autoritäten so weit von hinten entgegen kommen, dass es schon wieder hell wird.

Nützlich

Nützlich sind sie, weil ihre Herren sich nicht selbst die Finger schmutzig machen. Selbst ihre Lügen lassen die Großen und Mächtigen von ihren Kriechern verbreiten, von ausgebildeten Lügnern, wobei ihnen natürlich die Idioten am liebsten sind, jene verklärten Prediger, die an alles glauben, wenn man ihnen nur eintrichtert, dass es dem Ganzen dient, weil es den Großen dient. Ein bisschen dürfen sie sich dann selbst groß fühlen, immer ein bisschen größer, je weniger noch vor ihnen stehen, die selbst in etwas Größerem stecken.

Der eine verwechselt da schon mal einen anderen mit den Großen selbst. Nehmen wir mal einen Journalisten und nennen ihn “Denkler”, weil er verkündet, was andere denken sollen, ohne dass er selbst auch nur die Regung einer einzigen Synapse verschwendet. Was er zu ‘denken’ gibt, ist das Konstrukt, hinter dem sich der schiere Machterhalt verbirgt. Thesen, die selbst nicht gedacht, sondern nur gemacht wurden, Widerhall vermeintlich göttlicher Ordnung. Ein Denkler schafft es daher, jemanden regulär anzubeten, der seinerseits selbst nur das Mantra derer betet, die noch über ihm stehen. Ein Vasall zweiter Ordnung, der den Präsidenten nicht von der Macht unterscheiden kann, seine abstrakte Eloge aber notfalls auch über eine Parkuhr halten würde, käme die ihm nur wichtig vor.

Zahnlos

Oder nehmen wir einen anderen, meinetwegen namens “Beise”, weil er wie ein Hund daherkommt, der es nicht wagen würde, sein Herrchen je zu beißen und deshalb präventiv den Konsonanten entschärft. Zahnlos, treu und ergeben eben. Dessen Sportlichkeit bleibt unerreicht; wo andere spätestens bei der zweiten Kurve stecken bleiben, kommt er tiefer hinein, kein sperriges Rückgrat stört die Flexibilität. So gelingt es ihm, in tief religiöser Andacht alle die Glaubenssätze zu wiederholen, auch tausendfach, die nur eine Wirklichkeit kennen: Dass alles gut ist.

Was über allem thront, ist unbezweifelt und unfehlbar. Wer es anzweifelt, ist fehlgeleitet, falsch und sündig. Was nicht gut ist, ist eine Prüfung, und wer sie nicht besteht, fehlt im Glauben.
Das tradierte Wort, die heiligen Schriften, sie sind wahr. Die Heiligen, sie sind anzubeten. Frömmigkeit allein verspricht Heil. Ein frommes Volk wird belohnt werden, und wer die Hohen und Heiligen ehrt, wird daran teilhaben. Amen.

Und das noch

Wer das Allerletzte aus der Charge auch noch erträgt, kann sich gern noch mit den kniefälligsten Inquisitoren der Neuzeit befassen, die einem mit seligem Lächeln den Opferdolch in den Leib stoßen und ihn drehen, bis der Deutschlandfunk erklingt. Die aus der Sekte “SPD” und deren Folgeerscheinungen. Religiöser Fanatismus der widerlichsten Sorte.

 
Ach, es ist herrlich. Wunderbares Wetter, die Leute sind zufrieden, man kann sie mit allem vollstopfen, was die Kreativität der Kreativen hergibt; das Produktmanagement der Mediagroupies schaltet einen Gang höher, der internationale Wettbewerb® macht auch hier keine Atempause. Geschichte wird gemacht, es geht voran.

Krims Märchen

Keine Wertung haben wir heute für die Nachrichtenlage der Sportereignisse zwischen Kiew und Sewastopol. Der eine will russische Truppen anhand russischer Uniformen erkannt haben, der andere sah Söldner von Blackwater/Xi/Academi oder wie ich sie zu nennen pflege: Donald’s Daisies. Einer zählt 20 Demonstranten anti und 3000 pro, der nächste kommt mit dem mindestens Zehnfachen um die Ecke, weiß aber nicht wovon und wofür. Na ja, die Russen, immer besoffen und im Delirium, und diese Ukrainer sind ja auch nur Russen. Oops, hab’ ich das was missverstanden? Wie dem auch sei: Jeder Depp macht sich seine passenden ‘Nachrichten’ draus und überzeugt sich selbst..

Free Uli

Auf Platz vier der heutigen Charts findet sich alles, was Uliuliuli His Royal Hoeneß erwähnt. Ob ernst oder satirisch, kurz oder lang, ein Musthave und Nogo, inhaltsleerer Großskandal in Wartestellung. Der Uli kann nicht in den Knast. Schon weil der Multimillionär, Großschlachter und schwerkriminelle Schweiztourist ein Arschloch von einer solchen Dimension verkörpert, dass es unangreifbar bleiben muss. Woran soll der Zuschauer sonst noch glauben? Wozu sich noch anstrengen, wenn selbst solche Karrieren im Topf enden?

Daily Terror

Platz drei geht an uuuh, Gruusel Al-Kaida, Qaeda oder weiß der Kuckuck wie sich das am besten römisch buchstabieren lässt. Die kommen nämlich jetzt mit der Bravo für Talibanse, dem Terrortagesspiegel, der Dschihaddington Post. Was trägt man heute zum Anschlag, wo ist der Feind am attraktivsten, welche Sure passt am besten zum explosiven Vorhaben? Täglich aktuell und online.

Ill Kim

Nur auf Platz zwei schafft es der dicke Diktatorjunge von Pjöngjang. Vorbei die Zeiten, da sich ‘kommunistische’ Komiker Wahlerfolge von neunundneunzig Komma etwas Prozent bescheinigten und sich damit vor der Welt und den angrenzenden Ortschaften blamierten. Kim 100% kann hundert Prozent. Drunter kann nämlich jeder. Wie er das noch steigern kann, werden wir sicher auch bald erfahren.

Rent a Friend

Da sind wir doch hoch und höchst überlegen in der besten freiheitlichen Demokratie, an die sich mit den passenden Drogen noch glauben lässt – um dennoch brav produktiv und arbeitsfähig zu bleiben. Platz eins geht klipp und klar an David Cameron, der so viele Freunde hat, weil er sich’s eben leisten kann. So macht’s der Profi, der Demokrat, der gewählte Vertreter®. Zeit für den Adelsstand, wenn ihr mich fragt.

 
Es lichtet sich bedenklich wenig im Gewirr von Informationen, Desinformation, Propaganda und Rechthaberei bei völliger Ahnungslosigkeit, kurz: auf dem Feld, wo jeder Journalist offenbar weiß, was von ihm erwartet wird und er es hemmungslos schreibt, sich mit der Sache gemein macht, die Redaktion und Verlag im Chor der ewigen Kalten Krieger anstimmen lassen. Putin, der Despot, Putin, der “bestraft” werden muss, das imperialistische Russland dort; hier die EU, immer auf der Seite des Völkerrechts, der Menschenrechte, und überhaupt immer im Recht.

Wenige halten dagegen, lobend zu erwähnen Jakob Augstein etwa. Noch deutlicher wurde Egon Bahr [der Link wird in wenigen Tagen vermutlich hinfällig sein, Säzzer] , der es keinem mehr recht machen muss. Es klingt zwar beinahe zynisch, was der Mann zu sagen hat, aber er weiß wenigstens, dass er nicht von einem Sandkastenspielchen redet.

Ich will noch immer nicht die Lage bewerten, obwohl einige Korrekturen sicher bitter nötig sind an dem, was da politisch und medial dilettiert wird. Vor allem die Anerkennung einer ‘Regierung’, die durch ausufernde Demonstrationen an die Macht kam, die Akzeptanz von Faschisten im Bündnis sogenannter “Gesprächspartner” und das völlige Ausblenden von Maulwurfsaktivitäten auf allen Seiten machen mich doch stutzen. Als sei das “Volkes Wille”, was da passiert – schlimm genug – aber gleichzeitig von Rechtsstaatlichkeit zu palavern ist so ungemein dreist, da wird der Mund doch arg trocken.

Spucke weg

Worauf ich mich beziehen möchte ist ein rhetorisches Manöver, das sich derzeit allseits größter Beliebtheit erfreut, obwohl es plumper nicht sein könnte. Weil es aber ‘alle’ machen, ist das scheinbar wie die Benutzung von Facebook und WhatsApp – dämlich, verwerflich, aber Lemmingspflicht: Ich spreche vom Aufrechnen der Missetaten und Makel des einen, um damit die des anderen zu rechtfertigen. Es ist wie im Kindergarten: “Wenn der das darf …”

Wenn ich etwa mit gewisser Bestürzung lese, dass ein eigentlich kluger Mann mir erzählt, “eher” seien es doch die von Putin gesteuerten russischen Medien, die einseitig berichteten, um damit die hiesige Propaganda vom Tisch zu wischen, bin ich dezent befremdet. Was soll das? Selbst wenn Putin jeden Abend Grimms Märchen vorliest, was hat das mit den Ressentiments und der Verblödungsmaschinerie hier zu tun? Natürlich gilt das auch umgekehrt: Selbstverständlich hat auch die russische Nomenklatura (Putin als Despoten zu betrachten, ist übrigens naiv) kein Recht, die Menschen zu belügen, aber ich kritisiere meine Presse hier. Das ist mein Job.

Der kleine Unterschied

Der Unterschied zwischen Rechtfertigung und diskursiver Betrachtung kommt in den Diskussionen als erster unter die Räder. Das Aufrechnen ist eine moralisierende Strategie. Etwas völlig Anderes ist es aber, die Konsequenzen von Handlungen aus der Betrachtung von Machtstrukturen abzuleiten. Legitimation – völkerrechtliche Betrachtungen etwa – ist gut und schön, wer aber weiß, wie es um deren Relevanz in strategischen und militärischen Entscheidungen bestellt ist, kann mir doch nicht mit dem Argument kommen, Russland verletze das Völkerrecht.

Ja warum tut es das denn? Weil es das kann. Warum kann es das? Weil es einen hässlich mächtigen Militärapparat hat. Ja darf es das denn? Nein, genau so wenig wie die NATO im Irak einmarschieren durfte, die Bundeswehr nach Afghanistan oder Killerdrohnen nach Pakistan. Das ist immer noch kein Aufrechnen, weil und insofern man das als Handlungsoption betrachtet. Wenn Legitimation überhaupt irgend eine reale Macht bremsen kann, weil diese ein Ohr für ethische Einwände hat, dann muss diese Ethik erst einmal gelten. Von einem Metzger lässt sich aber niemand das vegane Leben predigen.

Der Westen hat völlig versagt, weil er ein Spiel spielt, das er nicht beherrscht und moralisch längst derart verkommen ist, dass ihn niemand mehr ernst nimmt. Wenn also irgend etwas stimmte an der Legitimität des Illegalen durch das Illegale, dürfte der Mörder morden und der Lügner lügen, weil es Mord und Lüge halt gibt. Das wäre das Ende jeder Ethik. Nein, es ist ihnen nicht erlaubt, auch wenn man wissen muss, dass sie’s tun.

[Update:] In einer aktuellen Pressekonferenz macht Putin u.a. deutlich, dass Janukowitsch der legitime Präsident der Ukraine sei, da seine Absetzung nicht den Vorgaben der ukrainischen Verfassung entsprach. So kann das enden, wenn man auch noch auf dem Gebiet der (juristischen) Legitimität versagt und stattdessen meint, aus einer höheren Moral handeln zu können. Einer Moral basierend auf dem tumben Prinzip “Wir sind die Guten”. (Danke, Jens)

 
testtrip

Ja, ich weiß doch, dass Vergleiche nicht vergleichen, weil sie Unterschiedliches beinhalten. Mancher hinkt nicht mehr, kommt auch hinter dem Rollator nicht mehr voran, ja selbst dem Rollstuhlreifen fehlt die Luft. Macht aber nix. Ich werde gleich wieder auf die Medien zu sprechen kommen. “Wer sind die Medien?” trollt es sogleich wieder von den hinteren Rängen. Na die Massenmedien. Manchmal sage ich “Mainstreammedien”, dann fragt sofort wieder wer: Was sind “Mainstreammedien”? Sagst du aber “Massenmedien”, kommen sie dir mit “ja aber doch sicher nicht alle”, womit wir uns gemeinsam freuen dürfen, dass wir mal wieder geredet haben. Was aber ist das, wenn es keinen Inhalt hat und doch kommuniziert wird? Genau. Davon rede ich.

Eine Standardreaktion von Pressesprechern und anderen stellvertretend Beleidigten besteht in der Behauptung, wer hätte wen mit wem “verglichen”. So hat Brandt Kohl* mit Goebbels “verglichen” und Kohl Gorbatschow mit Goebbels, niemand aber Gorbatschow mit Kohl – letzteres nur der Vollständigkeit halber. Der Vorwurf des Vergleichs ist sprachlich nachlässig und daher inhaltlich unkorrekt, es ist nämlich der Vorwurf der Gleichsetzung gemeint. Die deutsche Sprache hält hier zwei Begriffe aus gutem Gutem Grunde vor, die schon schwer zu vergleichen, keineswegs aber gleichzusetzen sind.

*edit: Es war Geisler, aber ich lasse mir davon nicht die Dramaturgie zersetzen. Säzzer

Surreal egal

Ganz sicher nicht gleichzusetzen ist etwa die DDR mit der heutigen BRD. Man kann sie sehr wohl vergleichen. Vergleichen kann man auch Äpfel mit Birnen, wobei im übrigen erstaunliche Übereinstimmungen festzustellen sind. Ich habe schon lange das Gefühl, dass die Propaganda der DDR nicht dümmer war als unsere, mich beschleicht schon lange das Gefühl, das mich damals beschlich, wenn ich die lächerlichen Sprechblasen der Honeckeria zu hören bekam. Einmal befragte ich eine gelernte DDR-Bürgerin intensiver nach diesem Gefühl, und sie bestätigte mich.

Eines der Merkmale solchen Umgangs mit Informationen und Sprache, welches die Medien der (späten) DDR prägte, war die Abkopplung des Sprechers vom Wort, des Wortes vom Sinn und des Sinns vom Gefühl. Es schien, als hätten weder der Urheber des Textes noch diejenigen, denen er dient, irgend etwas mit den losgelassenen Worten zu tun gehabt. Jeder noch so geringe Zweifel, jede Beteiligung am eigenen Sprechen, jedes Leben, das noch zwischen Botschaft und Sendung anzufinden wäre, müsste den Vorgang durchbrechen. Egal wie – lachen, weinen, sich weigern oder einen Schwachsinn “Schwachsinn” nennen – es müsste etwas dergleichen geschehen, um das Geschehen nicht in eine surreale Apathie gleiten zu lassen.

Heute wieder eine dieser beinahe schreienden Verwerfungen in der Routine, die zu benennen keiner wagt, dessen Tagesbefehl das wiederholte Wort ist: Kanzlerin Merkel sprach dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel ihr „volles Vertrauen“ aus. Wer noch nicht vollends sediert ist, feiert feixend das Ende des so Geehrten. Nachdem der Landwirtschaftsminister so hektisch zurückgetreten war, dass sie ihm das Vertrauen nicht rechtzeitig hatte aussprechen können, musste sie das heute wohl nachholen? Der Treppenwitz, zuverlässiger Ausdruck der Wirklichkeit, schafft es nie in die Scheinwelt der Majestäten und ihrer Verkünder. Welcher Journalist, welcher Sprecher, welcher Redakteur schafft es, diese Worte ohne Ironie und unkommentiert zu verbreiten, ohne vor Scham im Boden zu versinken?

Aber das ist Deutschland hier. Hier tun wir nur unsere Arbeit, unsere Pflicht. Auch die journalistische.

 
babicon

Abb.: “Am Rande der Kinderpornographie” und jetzt auf deiner Festplatte!

Vorab: Die Rolle der Medien in der Affäre Edathy ist von Anfang bis Ende die von Erfüllungsgehilfen eines nahezu perfekten Rufmords. Es wurde heillos spekuliert ohne jedes Wissen über die relevanten Vorgänge, ein Mann ohne die Formulierung eines Zweifels als Pädophiler dargestellt und schließlich eine sogenannte “Moral” in Anschlag gebracht, als der angebliche strafrechtliche Vorwurf zu kollabieren begann. Was bleibt, ist die Hetze.

Die Art und Weise, wie Sebastian Edathy politisch vernichtet wurde, fügt den Strategien sogenannter Verschwörungen eine weitere, besonders perfide Variante hinzu, und es ist dabei in keiner Weise tröstlich, dass das Opfer dieser Machenschaften einer ist, der selbst maßgeblich die juristischen Bedingungen dafür geschaffen hat. Markus Kompa macht sich hier übrigens derselben Geschwätzigkeit schuldig wie die versammelte Journaille, indem er Handlungen kommentiert, die Edathy nur unterstellt werden.

Es ist irrelevant, ob er etwas Illegales getan hat. Es geht um den Dreck, der an ihm haften bleibt. Dieser Dreck, auf diese Weise geschleudert, kann an jedem hängen bleiben, auf den damit gezielt wird, und es gibt kein Mittel dagegen. Das ist das Entscheidende an dem Fall. Es gibt vor allem deshalb keinen Schutz dagegen, weil der medial Beschuldigte eben kein Krimineller, ja nicht einmal ein wirklich Verdächtiger ist. Sonst hätte er nämlich bessere Karten. Ich schrieb das bereits in einem Kommentar:

Tödliche Dreckschleuder

Da und insofern es sich nicht um eine Straftat handelt, wird es auch keine Ermittlungen geben, in deren Verlauf sich klären könnte, dass die Vorwürfe auch inhaltlich haltlos sind. Es wird also keine Ermittlungen geben, die Edathy entlasten könnten. In der Tat ein Meuchelmord.

Edathy war ein prominenter Politiker, der sich viele Feinde gemacht hatte und offenbar keine mächtigen Freunde, die ihn vor einer solchen Kampagne hätten bewahren können. Der nächste Fall, der deutlich macht, welche Macht die großen Medienhäuser haben, vor allem im Verband mit ‘Sicherheitskreisen’ und deren ‘Informationen’. Wenn aus dem Sumpf der Dienste etwas kolportiert wird, können damit unmittelbar Karrieren zerstört werden. Es ist eigentlich nicht zu fassen, dass dergleichen behandelt wird als sei es wahr, ausgerechnet wenn es aus geheimen Ermittlungen stammt.

Der Eifer geht aber noch viel weiter; jedes Gerücht wird dankbar aufgenommen und gestreut. Es war und ist die Rede von “Kinderpornographie”, mit der es ersichtlich nichts zu tun hatte. Es wurde behauptet, Edathy habe Festplatten zerstört, was selbst die Staatsanwaltschaft dementiert. Egal, es bleibt mit jedem Satz etwas hängen. Selbst wenn er beweisen könnte, dass er nichts mit alledem zu tun hat, wäre er vernichtet.

Kein Entrinnen

Das Spiel über Bande geht dabei so: Es ist nicht bloß der Effekt, dass die Kopplung “Edathy/Kinderpornographie” in den Köpfen steckt, was allein seine Zukunft als Politiker ruiniert. Es ist vor allem das zerstörte Verhältnis zwischen ihm und seinen politischen Weggefährten. Einmal in diesem Verdacht, nehmen die meisten schon aus Selbstschutz Abstand, ehe der Hahn dreimal kräht. Wer will schon einen Kinderficker decken? Dessen Reaktion auf die Reaktion besorgt den Rest. Der Verein, in dem er Karriere gemacht hat, ist für ihn verbrannt.

Dabei ist es vollkommen irrelevant, ob der Betroffene so unsympathisch ist wie Edathy. Es ist egal, ob er kriminell ist oder nicht, es hilft gar nichts, unschuldig zu sein. Im Gegenteil ist es wie gesagt ein gewaltiges Handicap, wenn nicht einmal ordentlich ermittelt wird, weil man ja eh nichts verbrochen hat. Natürlich war es hilfreich für die Strippenzieher, dass der Innenminister rechtswidrig einen Kollegen verpfiffen hat. Natürlich ist es da hilfreich, dass die Staatsanwaltschaft offenbar nur nach Schuldbelegen hat suchen lassen, nicht aber nach solchen, die Edathy entlasten könnten.

Es ginge aber auch ganz ohne solchen Dilettantismus. Einfach irgendwen irgendwo auf der Welt finden, der einer Polizei oder Geheimpolizei angehört, dort Verdachtsmomente formulieren lassen und eine Untersuchung lostreten. Das kann jedem passieren. Vor allen wenn er mit der Aufsicht über jene Erpresser befasst ist, die ihm das antun können. Thomas Oppermann zum Beispiel hat das offenbar verstanden.

 
dkspiegel

Wie bereits des Öfteren festgestellt, kann es nichts werden mit einer ‘Demokratie’, wenn die Menschen sich nicht für Politik interessieren und auch nicht für das, was ihre Stellvertreter so anstellen. Es interessiert sie so lange nicht, bis die Zeitungen sagen, man habe sich aufzuregen. Die Zeitungen und die Tagesschau werden schon gar nicht hinterfragt. Wissen will also niemand, was sich abspielt. Stattdessen wird magisches Denken gepflegt. Es werden Ikonen produziert und angenommen, denen bestimmte Kompetenzen innewohnen wie den religiösen Ikonen der Zauber.

So nehmen sich die Talkshows aus wie eine Fehde auf dem Olymp, nur sehr viel langweiliger. Da gibt es Götter für jede Abteilung, für Feminismus, Ökonomie, Geschichte, Terrorismus oder auch für allgemeines Fachexpertentum. Wie in der echten Religion kann man sich davon einen aussuchen oder nicht oder auch als Ketzer den abgehalfterten Figuren die Eigenschaften zuordnen, die man tatsächlich in ihnen erkennt. So ‘gilt’ ein Arnulf Bahring der Gemeinde als allkompetenter Professor (für Geschichte, das wird aber eher selten erwähnt), den anderen als neoliberaler Geiferer ohne Manieren. Letztere haben recht, sind aber eine kleine Minderheit.

Fachabteilung im Olymp

Für Wirtschaft ist immer noch einer da, der von der INSM geschickt wurde (wie Bahring selbst auch), gern ein Olaf Henkel oder ein Professor Hüther zum Beispiel. Für politische Autorität kommt ein alter Mann, von Dohnanyi (INSM/SPD) zum Beispiel, für das Linke an und für sich Lafontaine oder Wagenknecht, für Feminismus Alice Schwarzer und für Journalismus der Jörges. Vielleicht habe ich ein paar vergessen, aber das Prinzip dürfte klar sein: Jedes Thema wird in Abteilungen abgehandelt, für die eine Figur zuständig ist. Es werden nie unterschiedliche Perspektiven von wechselnden Gesprächsteilnehmern vertreten, sondern immer dasselbe immer durch dieselben.

Dabei entgeht den Wahldemokraten, die sich dabei politisch einbilden, dass die Vertreter ihrer selbst erstens selbst produziert sind und zweitens keine nachvollziehbare Meinungsbildung anbieten, sondern Stereotypen. Die werden entweder so oft wiederholt, dass man sie sich merkt oder man vergisst gleich wieder alles. Nehmen wir mal Schwarzer, die einzige Feministin in Deutschland. Was hat sie wozu gesagt? Kann sich irgendwer erinnern? Hat sie je etwas gesagt, das eine Debatte bereichert hat? So dass man sagen könnte: “Das habe ich durch Alice Schwarzer gelernt”? Aha. Immerhin sorgt sie seit Jahrzehnten dafür, dass feministische Ansätze jenseits ihrer Person nicht diskutiert werden. Also quasi gar keine.

Das kann man jetzt durch die Instanzen treiben, bis das Klopapier am Ende ist. Für jede Meinungsschablone eine Plapperpuppe. Ich spule daher vor und komme zur Talk-Chefetage, zum Chef, zu Zeus, zum Obergott. Wie es sich in einer am Ende doch monotheistischen Gesellschaft gehört, kann es da nur eine geben, die daher auch gern allein eingeladen wird. Die Kanzlerin – wie schon Vorgänger Helmut Kohl keine, die Augenhöhe verträgt.

Marke Merkel

An Merkel kann man alles finden, was die Ikone zur Marke macht und die Marke zur Ikone. Sie ist die “Mutti” der Nation, Gottvater und Mutter Gottes ineins. Sie ‘macht das schon’, wir “kennen” sie. Was genau sie macht, das spielt dabei keine Rolle. Es ist ihre Aura, ihre Herrlichkeit, das, was sie ist bzw. darstellt, nicht das, was sie tut. Ihre Handlungen sind rätselhaft und irrelevant für die Betrachtung – man beurteilt nicht die Handlung einer Gottheit, man deutet sie höchstens.

Dieser Hokuspokus kommt ihrem Leben als Marke enorm entgegen. Ich frage mich, ob die alberne “Raute”, die man ihr als Markenzeichen verordnet hat, ein hilfloser Versuch ist, einen Apfel darzustellen. Die Leute geben ja für jeden Dreck ihr letztes Hemd, wenn nur ein scheiß Apfel drauf klebt. Sie sagt heute ja, morgen nein, ist dabei niemals verbindlich und wenn dann widersprüchlich. Sie kann mit FDP, SPD und Grünen, sicher auch mit AfD, ADAC und den Muppets. Wofür sie steht, wer sie berät, wie das kommt, was sie als nächstes tun wird? Woher soll man das wissen, das ist nicht Sache der Untertanen. Die sollen ihre ewig dahergeleierten Schlagworte nachbeten, sie wiedererkennen und kaufen, was in der Packung ist.

Der religiöse Glaube, nicht etwa der Zweifel, ist auch Sache der Journaille. Deren Aufgabe ist es jeweils, die Herrschaft gut auszuleuchten. Das Bild muss die Aura wiedergeben, nicht Fähigkeiten, Taten oder Charakter. Deshalb wirkt der Lohnschreiber auch so desorientiert, wenn er einmal über kriminelle Machenschaften der Herrschaft schreiben soll, deren “Sünden”. “Steuersünden” zum Beispiel. Da muss er sich erst den Tagesbefehl holen: Ist Empörung angesagt oder Reinwaschen? Verharmlosen oder Verteufeln? Egal was er dann vertextet, es wird immer windschief und peinlich. Es muss ja eine Tragödie werden, das Spiel der Götter und Könige! Aber wo das Theater der Antike der göttlichen Erinnerung diente, taugt dieses Schauspiel nur zum Vergessen. Genau dafür wird es gespielt.

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