journalismus


 
xy

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Draußen in der Wildbahn der freidrehenden Verlagsangestellten wäre diese Überschrift nichts Besonderes. Sie ist vollkommen bescheuert, ja, aber das fällt dort schon recht lange niemandem mehr auf. Bemerkenswert, dass an der Filterkuppel journalistischer Adabeis unbemerkt abprallt, wenn die Kundschaft nicht mehr nur anders interpretiert, sondern die vermeintliche Logik rundheraus ablehnt.

Der Betrieb lässt sich nicht von ein paar kleinen Publizisten mit Niveau beinflussen, zu denen ich mich durchaus zähle, das ist mir klar. Unter der Stahlkuppel sind sie immun gegen Kritik, nicht zuletzt weil sie sich einem andauernden Shitstorm ausgesetzt fühlen von Seiten unreflektierter dummer Nörgler, die von dunklen Mächten (Putin) gelenkt werden. Das ist nicht nur dumm oder psychisch zerrüttet, das entspricht auch an der Oberfläche einer messbaren Wirklichkeit.

Alle doof außer wir

Es sind längst Massen, die nicht mehr zuhören und nichts mehr glauben, aber leider keinen Schimmer haben, warum das alles so ist; warum sie die Welt nicht verstehen und die Erklärungen der Gatekeeper als Lügen zurückweisen. Sie haben sehr wohl Ahnungen, ein gewisses Gespür, wenn sie wieder und wieder für blöd verkauft werden, wenn ihnen der nächste Erklärbar aufgebunden wird und die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Es fällt halt auf, wenn die Stichwörter sich plötzlich ändern und von ihnen verlangt wird, dass sie gefälligst einzustimmen haben in jedes neue Mantra, weil sie sonst Verschwörungstheoretiker und Putintrolle seien.

Was macht eigentlich Al Kaida? Verschwunden? Den Platz nahm der IS ein. Aus Terroristen werden Rebellen und umgekehrt. Der Krieg gegen den Diktator wird zum Krieg gegen den Terror, wird zum Krieg gegen den Diktator. Islamismus ist böse, es sei denn der aus Saudi-Arabien. Der ist gut, es sei denn, er wird vom IS verbreitet. Aleppo ist schrecklich, Mossul wird befreit. Putin ist ein böser Alleinherrscher, Erdogan unser Partner. Die Guten heißen "Präsident", die bösen "Machthaber". Wie aus dem einen der andere wird - man weiß es nicht.

Verbotene Hohlfrucht

Jetzt haben die Kampagneros "Populisten" entdeckt. Seit Trump sind sie überall, die "(rechten) Populisten". Darunter fallen wieder einmal alle, die nicht dazugehören sollen, aber dasselbe tun wie die anderen. Nicht Demagogie ist das Problem, nur die falsche Demagogie. "Populismus" ist böse, weil die Populisten böse sind. Die neuerliche Kampagne gegen Unbekannt rennt dabei wie immer voll gegen die Wand. Dem Volk wird angekreidet, dass seine Emotionen wahrgenommen werden. "Ihr dürft niemandem zustimmen, der euch zustimmt", ist die Botschaft, ihr habt gefälligst diejenigen zu wählen, die euch komplett ignorieren, denn die sind seriös.

Jetzt erfahren die Menschen also, dass sie Populisten auf den Leim gegangen sind. Schon wieder zu blöd! Überall werden Warnschilder aufgehängt - den dürft ihr nicht wählen, die sind sind gefährlich und das dürft ihr nicht tun! Grandiose Idee. Der Brexit, Trumps Wahlsieg und die Zustimmung zu den Banden von Honks, mit denen das Establishment nicht spielt, sind Trotzreaktionen. Jetzt müssen die vom System Angepissten also nur noch hingucken, wo die Etiketten kleben, und schon werden sie zugreifen. Wer sind da jetzt eigentlich die dümmsten Idioten?

 
wh

Es ist immer dasselbe. Wer nach Meldungen oder Berichten zu dem oben genannten Herrn sucht, wird nur bei den üblichen Verdächtigen fündig: Neues Deutschland, Junge Welt und heute das OXI-Blog. Zuletzt hatte ich in den Kommentaren danach gefragt, ob wer Jeremy Corbyn kennt, und als man den Mann wirklich nicht mehr ignorieren konnte, ließ sich auch die deutsche Verlagspresse dazu herab, seinen Namen zu erwähnen. Selbstverständlich fanden sie den Mann furchtbar, denn seine Positionen waren links von der Linie, an der entlang SPD und Grüne den Stechschritt üben.

Syriza, Podemos, Corbyn, Sanders - wenn welche auch nur altbacken sozialdemokratisch oder vorsichtig sozialistisch daher kommen, werden sie so lange es geht ignoriert, dann diffamiert und schließlich korrumpiert. Am schlimmsten dürften zweifellos solche Bewegungen und Kandidaten sein, die von vornherein versuchen, ihre eigene Macht effektiv zu begrenzen. Mélenchons Ticket ist eine Art imperatives Mandat, hat er sein Programm doch von seinen Unterstützern erarbeiten lassen. Seine Prioritätenliste ist keine der Sachzwänge, nicht seine persönliche und keine einer Parteiagenda, sondern eine derjenigen, die er zu vertreten sich anschickt.

Da war doch was ...

Ja richtig, das hatten wir auch schon, die Trennung von Amt und Mandat, die befristete Wahrnehmung solcher Aufgaben, Gehaltsobergrenzen, Primat der Basis, den ganzen schönen Zierrat, der verhindern sollte, was die Grünen als Musterbeispiel eines schlimmsten Falls inzwischen geworden sind. Es würde sich lohnen, allein anhand der Entwicklung dieser Partei in den 25 Jahren von 1980 bis 2005 das Wirken des Narrativs, der Institutionen und ihrer Anpassungsmechanismen zu erläutern.

Wenn man sich anschaut, wie eine ganze Partei die Perspektive wechselt vom engagierten Bürger hin zum Funktionär, von Pazifisten, die die Abschaffung der NATO auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges forderten, hin zu Bellizisten, die Wirtschaftkriege befürworten; von ökologisch-bäuerlichen Naturschützern zu Förderern einer Umweltindustrie; von Kommunisten und Sozialisten zu dogmatischen Kapitalisten, kommen einem je nach Charakter die Tränen oder die letzten drei Mahlzeiten hoch.

Ich frage mich daher, warum die Hofschranzen der Sozialen Marktwirtschaft® jedesmal so einen Aufriss machen, wenn es der nächste Kandidat versucht oder die nächste Bewegung. Das habt ihr doch noch immer gefressen mit euren Seilschaften und Klubs, dem Zuckerbrot und der Peitsche eurer medialen Machtmaschine. Habt ihr immer noch Angst? Oder wird dieses Ritual aus Gründen des Timings durchlaufen, damit in den Phasen der Ignoranz und der Diffamierung schon mal fleißig Kompromat gesammelt werden kann und gut vernetzte 'Unterstützer' aufgebaut werden? Ich frag' ja nur. Das ist noch keine Theorie!

 
wl

Die politisch-medialen Funktionäre des Freien Westens verbreiten aktuell die Verschwörungstheorie, sogenannte "Fake News" machten die schöne Freiheit kaputt. Verrückte, Putin und die AfD sind schuld. Allein die Vorstellung, ein paar Randgruppen könnten einen um Wahrheit bemühten Diskurs der breiten Mehrheit zerstören, ist schon der Aufnahme in die ICD wert. Die Diagnose ist aber schlimmer, denn die Verlagsmedien und die mit ihnen korrespondierenden neoliberalen Politfunktionäre haben schlicht den Anschluss an die Realität verloren.

Bei denen ist dauerhaft Gegenteiltag (bei Unkenntnis des Begriffs bitte das nächst verfügbare Kindergartenkind fragen). Fangen wir mal bei der Unvermeidlichen an - da habe ich neulich noch gedacht: wie behämmert muss man sein, um so etwas zu behaupten:

"Während für Journalisten bestimmte Regeln der Sorgfaltspflicht gelten würden, nutzten die Menschen inzwischen aber andere und viel weniger kontrollierte Medien zur Meinungsfindung, sagte sie im Bundestag."

Sekundensorgfalt

Das ist nicht nur gelogen, es ist extrem dumm gelogen, und wenigstens ein Mal muss ich nicht fragen, ob es Lüge oder Dummheit ist, denn es ist eben beides. Was sind das für "Regeln der Sorgfaltspflicht"? Die müsste man doch benennen können. Sind das die Regeln, nach denen die eifrigsten Propagandisten und die bestvernetzten Parteigänger sich mit einem Preis behängen lassen unter dem Motto "sich mit keiner - auch noch so guten - Sache gemein zu machen"? Ist es der Boulevard, der seit Jahrzehnten bis zur Selbstkarikatur hetzt, verleumdet und die gröbsten Klischees des Narrativs besorgt? Ist es das ungeprüfte Abschreiben jeder Meldung, die sich irgendwie als "Nachricht" verhökern lässt?

Wie bestellt kommt da ein schönes Beispiel um die Ecke: Ganze zwei Tweets braucht es, um die versammelte US-Verlagsmischpoke behaupten zu lassen, CNN habe 30 Minuten Porn gesendet (via fefe). Ein Sprecher von CNN selbst hat dabei vom Kabelprovider, der angeblich die Verantwortung dafür trüge, eine Erklärung verlangt. Wohlgemerkt: Der Mann von CNN prüft nicht einmal im eigenen Sender, ob es sich um mehr als ein Gerücht handelt. Das sind die Standards. So sieht deren "Sorgfalt" aus. In Deutschland ist es dasselbe, wir hatten hier Beispiele dafür im dreistellligen Bereich.

Damit einher geht die unerträgliche Parteilichkeit, die Verengung des Meinungsspektrums auf die Wahrnehmung einer (teils nur vermeintlich) gehobenen Mittelschicht, die sich in inzestuösen Zirkeln ihren Tunnelblick so lange als Weitsicht bestätigen lässt, bis sie alles andere als Angriff auf das Abendland betrachtet. Sie sind die, die dazugehören, die anderen sind falsch. Sie sind die Guten®, die anderen sind böse. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Wer auch nur wen nicht böse findet, den sie böse finden, ist selbst böse. Beispiel? Bitteschön:

Wir sind die Guten

"Frau Wagenknecht: Ich habe Ihrer Rede auch diesmal aufmerksam zugehört und bin erstaunt: Während überall in der Welt der Schrecken über den Ausgang der Wahl in den Vereinigten Staaten immer noch groß ist, bekommen wir mit Donald Trump jetzt offenbar einen Präsidenten, dem Sie etwas abgewinnen können." (Thomas Oppermann).

Wagenknecht hatte nicht einmal Zustimmung zur Person oder zur Politik Donald Trumps ausgedrückt, sie hat ihn lediglich nicht als die totale Unperson dargestellt, als die er nach dem Willen der Atlantiker zu gelten hat und sich das Wahlverhalten der Amerikaner zu erklären versucht. Oppermann glaubt wirklich, "überall in der Welt" dächten alle wie er und seine Clique. Alle anderen sind böse oder verrückt. Er bemerkt nicht einmal, wie selbst das Personal, das diese Religion teilt, auf eine Handvoll Funktionäre schrumpft (Steinmeier Präsident, Schulz nach Berlin). Wir befinden uns im Karussell einer fortgeschrittenen Psychose.

Einen letzten noch, das ist alles aus der vergangenen Woche, und es spitzt sich zu. Alle verrückt, nur wir nicht! Das transatlantische Zentralorgan lässt Jeff Jarvis salbadern, bei dem man erstens noch hoffen darf, dass es dezent ironisch gemeint ist und zweitens annehmen muss, dass er keine Ahnung von den deutschen Verlagsmedien hat:

"Jetzt, wo Angela Merkel sich den Mantel der Verantwortung übergeworfen hat und noch einmal für ihr Amt als letzte zurechnungsfähige Anführerin Europas und der westlichen Welt antritt, ..."

So gefällt es ihnen: Alle verrückt, nur noch ein deutscher Führer, der uns retten kann und an unserem Wesen genesen. Wem noch nicht von dem klebrigen Pathos der Formulierung schlecht wird, dem mag die Nachricht den Rest geben. Das 'denken' sie wirklich. Es ist sinnlos, dagegen zu argumentieren. Dieses Weltbild ist geschlossen, der Schlüssel wurde weggeworfen und die Türen verrammelt.

 
xx

Ein paar Teeniespaten haben eine Zensursoftware gecodet, auf die sie ganz stolz sind. In "36 Stunden" ein bisschen was zusammengekleistert, das offenbar mit Positivlisten seriöser Quellen® arbeitet, um davon Abweichendes als Fake zu entlarven. Der Mainstream vom Mainstream wird also fortan Facebook als Schablone dienen, um alles andere auszuradieren. Das wird aber reichlich Gummi kosten.

Facebook hat Erfahrung mit Zensurinfrastruktur, wobei ich davon ausgehe, dass China wenigstens den adäquaten Aufwand betreibt, um die Wahrheit der Partei vor Abweichungen zu schützen. Naja, das ist halt China, das kann man nix machen, da muss man ja zensurieren, wenn es nicht ein anderer tun soll.

Schwarmwahrheit

Im Freien Westen® ist die Sache etwas komplizierter. Hier will Zuckerberg den Konsens der Denunzianten durchsetzen, die Wahrheit des Schwarms, kombiniert eben mit seriös® und irgendwelchen Algorithmen. Irgendwie muss man ja die ganzen Fehlinterpretationen in den Griff kriegen, sonst endet das noch in falsch verstandenem Pluralismus.

Herr Berger hat einmal recht, wenn er anmerkt, dass es die Massenmedien sind, die sich von den Fakten haben scheiden lassen. Als Übung empfehle ich eine intensivere Recherche zu Trump und seinem Team sowie deren Beziehung zum Ku Klux Klan. Was sowohl amerikanische Medien als auch ihre transatlantischen Abschreiberlinge dazu verbreitet haben, ist derart gewollt falsch, dass es ehrlichen Betrügern den Rouge ins Gesicht treibt. "Putin" werde ich hier gar nicht nicht sagen, aber vielleicht "Krieg gegen den Terror". Ach, ihr könnt doch alle selber lesen!

Linksfreier Raum

Im Gewändern wie "postfaktisch", "Hatespeech", "Fake" und "seriös" kommt sie daher, die neue Zensur. Sie wird scheitern, denn inzwischen bastelt sich genau deshalb jeder seine Privatwahrheit, weil alle inzwischen wissen, dass die offizielle Wahrheit keine ist. Glaubt wirklich irgendwer, wenn sie jetzt noch offizieller erzwungen wird, werden die Schäfchen wieder heimkehren? Wenn künftig Beiträge aus dem Netz gelöscht werden, die von einer Doktrin abweichen, wenn vor bestimmten Meinungen "gewarnt" wird, was wird daraus folgen? Dass die Menschen wieder glauben?

Nein, aber es taugt noch immer dazu, im nie geendeten Kalten Krieg den Nazis aus den Geheimdiensten ein Mittel an die Hand zu geben, ihre Gegner kaltzustellen. Berufsverbot gefällig? Wir schreiben das Jahr 2016. Du musst nicht gegen ein Gesetz verstoßen; es reicht, wenn dem rechten Untergrunddienst deine Meinung nicht passt. Man sieht an diesem Beispiel auch sehr schön, dass Faschisten wie Erdogan vor Linken geschützt werden, wenn deren Wahrheit den großen Führer erzürnen könnte.

"Pluralismus" wird überbewertet; und überhaupt ist er gewährleistet, indem ja immerhin von zwei Seiten des Ozeans dasselbe berichtet wird. Die Demokratie ist ebensowenig gefährdet. Hier kann jeder machen, was er will. Im Rahmen der Freiheitlich Demokratischen Grundordnung®, versteht sich.

 
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Es ist nicht alles schlecht im deutschen Journalismus. Manches ist so unterirdisch, grottendumm, bergbautief miserabel, dass es nur eines Satzes bedarf, um den Blick in die Hölle eines uninspirierten Geschwafels freizulegen, das die Behauptung, das Hirn sei nicht schmerzempfindlich, aufs Entsetzlichste widerlegt.

Sätze, die für sich allein stehend schon den Schädelschwamm zu panischen Fluchtversuchen zwingen, in den Ruinen des Zusammenhangs aber, in dem sie fallen, noch das harmloseste und hartgesottenste Nervenzentrum zu Presslufthammer und Hilti eilen lassen in hektischen Versuchen, irgendwo durch Schläfen- oder Stirnbein zu brechen, die Wiedereröffnung der Fontanelle zu feiern oder sich in letzter Not pharaonisch durch die Nase zu verpissen.

Wer es mag, sich beim 'Akt' (Ich weiß gar nicht wie das heute heißt: "Best Genderpractice"? "Transinter_xe*ing"? "Du weißt schon was"?) das Scrotum von Pfennigabsätzen massieren zu lassen, mag hier weiterlesen. Der Rest soll sich nachher bitteschön nicht beschweren! Also, erstens:

Hardcore Sadomaso

"Eines der größten Phänomene, die als Nachwirkung dieser Jugend-Bewegung entstanden sind, dürfte das Internet sein."

Hä? Wat? Kurze Garbe: Was ist ein großes Phänomen? Wie vergleicht man Phänomengrößen? Wie entstehen solche durch Jugend-Bewegungen? Aber wait, da fuck?!: Das Internet ist aus einer Jugendbewegung entstanden? Und zwar der, der auch Lesley Hornby (heute Lawson, aka "Twiggy") ihre Modelkarriere verdankt? Really? Säure, gebt mir Säure, da blimpt noch eine Synapse in ihrer grässlichen Agonie. Habt doch Gnade!
Das haut übrigens die FAZ raus, nicht etwa diese Bravo für Schulabbrecher aka "bento". Ist inzwischen alles dasselbe? Das habt ihr gesagt!

Okay, noch einen, für die Dopingopfer, die sich den illegalen Vorteil einer komanahen Betäubung verschafft haben, um hier durchzukommen. So leicht will ich es euch nicht machen. Fertig? Okay:
Ein 16 Jähriger hat sich "rasend schnell im Internet radikalisiert". Es ist auch die Rede von "Turbo-Radikalisierung".
Kalaschnikow go: Was zur Hölle ist "Radikalisierung"? Was hat es mit Wurzeln zu tun? Wie bildet man turboschnell Wurzeln durchs Internet? Wie wird man überhaupt durch ein Medium geprägt und nicht durch die Inhalte? So weit, so schwachsinnig, aber jetzt anschnallen, denn wir fahren nicht 80, wir fahren nicht 100, wir fahren hier Tempotempotempooo!

Sind Sie dabei!

Es ist ein 16-Jähriger Kriegsflüchtling aus Syrien. Ein Jugendlicher, der am brutalen Ende seiner grauenhaften Kindheit nach Bomben, Blutbad und den Strapazen der Flucht irgendwo in einer anderen Welt aufwacht, dem geht es bis dahin prima, der ist wohlerzogen, entspannt und geerdet, und wenn er dann einen Computer einschaltet, wird er plötzlich und Turbo radikalisiert?!
Was soll das sein? Ein grausamer Psychotest? Kognitives Waterboarding? Die dunkle Essenz, die beim Genozid an den Vulkaniern entstanden ist? Hallo? Ist da noch wer auf der Brücke?

Da ist es nur folgerichtig, wenn einer der ältesten Großmeister der schwarzen Kunst fordert, das man für einen Link auf eine der Ruinen seines verkommenen Imperiums bezahlen soll. Gabor Steingart, die Singularität im Zentrum des Handelsblatts. Sagt, was ihr wollt, aber dieser Journalismus hat Qualitäten. Wenn wir den gegen Russland einsetzen, gibt es auch für Putin kein entkommen mehr.

 
xx

Zum Thema Narrativ, Neusprech und Propaganda weist OXI hier auf eine Studie hin, die sich intensiv mit der Karriere des Begriffs "Wirtschaftswachstum" befasst. Fruchtbar ist in diesem Zusammenhang auch der Hinweis auf den einstmals populären Begriff "Bruttosozialprodukt", der nach meinem vagen Empfinden Ende der 80er/Anfang der 90er anderen Floskeln weichen musste. Dieses Detail ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die sich traditionell als Gatekeeper und Erklärbären auffassenden Journalisten recht flächendeckend nicht gewusst haben werden, was das überhaupt bedeutet. Heute spricht alle Welt nur mehr vom Bruttoinlandsprodukt, einer Größe, die freilich wieder ebenso als Selbstzweck (groß ist gut) dargestellt wird.

Wer es noch schafft, dem Genöle unserer Bundeskanzlerin zu lauschen (die mich immer wieder an Loriots sprechenden Hund erinnert), hört vor allem "Wachstum, Wohlstand. Arbeitsplätze". Mit dem Wohlstand sind sie etwas sparsamer, der taucht gemeinhin nur in Kombination auf und gern als eine Art Aussicht, eher denn als eine Zustandsbeschreibung. Die Menschen könnten sonst allzu schnell aus dem Hemd springen. Die Karriere des "Wachstums" ist vor allem ein Sieg über den Begriff "Profit". Dass jemand profitiert, darf nicht gesagt werden. Ebenso gibt es bis weit in die sich als "links" verstehende Fachexpertenschaft kein Wort mehr für "Kapital". Der Profiteur oder Kapitalist heißt "Unternehmer", "Arbeitgeber" und "Investor", während "Kapital" in Kategorien wie "Investition" und "Vermögen" zerfällt. Wer das Sprechen über Wirtschaft semantisch so zersägt, erstickt das Verständnis für bestimmte Zusammenhänge im Keim.

Unsagbar

Dass die Produktionsverhältnisse soziale Beziehungen sind, steht derweil am ganz anderen Ende des Diskurses. Ein Denken an Machtverhältnisse, wie sie ausgeübt werden und wie diese Verhältnisse beeinflusst werden können, weicht dem gemeinsamen Ziel "Wachstum". Dieser sprachliche Prozess ist ungemein wichtig für die neoliberale Ideologie, denn so können Gewerkschaften darauf festgelegt werden, dem 'Guten' zu dienen, woraus folgt, dass sie nicht mehr ihre Mitglieder bzw. die Lohnabhängigen vertreten, sondern die Interessen der Gegenseite. Das ist dann vernünftig, während Arbeitskämpfe nur das Werk einzelner machthungriger Zerstörer sein können (siehe Weselsky/GdL). Spräche man stattdessen von Profiten, Mehrwert und Beteiligung am erarbeiteten Reichtum, sähe die Welt völlig anders aus.

Wenn die Einkünfte der Reichsten explodieren, weil sie angesichts insgesamt sinkender Profite immer mehr Kapital an sich binden, wenn sich immer schneller immer größere Oligopole bilden, dann ist das halt der Preis, den man fürs Wachstum zahlen muss. Der Neoliberalismus hat das für einige Jahrzehnte gar erfolgreich mit der Lüge vom "Trickle Down" verkauft, die allerdings zunehmend auch vom Mainstream kritisiert wird. Dass aber das Ganze nie dem Ganzen dient, sondern immer nur dem Profit, wäre die korrekte Beschreibung des Zustands. Man muss aus Geld mehr Geld machen. sonst bricht der Laden zusammen. Auf die Dauer kommt es dabei zwangsläufig zur massiven Konzentration von Kapital. Übersetzen Sie das einmal in die Terminologie der Marktwirtschaft®!

 
uu

Die Sueddeutsche hat ein dolles Feature: Wenn man die Scripte blockiert, sieht man keine Grafiken. Keine Bilder, nichts, das beim Lesen stört. Das Einzige, das stört, sind die halbhirnigen Texte. Heute drei Beispiele aus unterschiedlichen Ressorts, die aufzeigen, wie Qualitätsjournalismus Meinung ins Hirn trümmert:

Beim Spocht gibt es eine Jubelarie über den deutschen Fußballtrainer Jürgen Klopp, der in Liverpool arbeitet. Man vergleicht ihn mit den Beatles. Popstar, der Typ, ganz groß! Was macht nun ein deutscher Trainer in Engeland? Er siegt nicht einfach, sein Spieler schießt nicht einfach ein Tor, nein, der hat "mit einem fabelhaften Solo die Arsenal-Abwehr zertrümmert".

Wie gesagt, ein Tor geschossen, das heißt für die SZ, dass alles in Scherben fällt. Komisch, dass die Trümmerabwehr danach kein Tor mehr kassiert und ihre Mannschaft noch zwei geschossen hat. Aber so wird das nichts mit dem Identität stiftenden Wochenschaustil. Für den Rest wird die Premier League zu einer Angelegenheit weniger großer Befehlshaber gemacht. Einer ist der unsrige. Möge er gleich bis Moskau durchmarschieren.

Finden Sie das lecker!

Bevor er dort auf den heiligen St.Einmeier trifft, nehmen wir aber eine kurze Auszeit bei Nussnougat-Creme. Wir sollen zur Kenntnis nehmen, welche "die beste" ist, wozu ein raffiniertes Testverfahren eingesetzt wird: Ein "Experte" sagt es uns einfach und probiert "neben dem original Nutella" einige weitere. Damit wäre auch geklärt, wer die Kapelle bestellt hat. Einleitend berichtet die Redaktionsheeresleitung von einem "Schock", da "die Produktion von Nuss-Nougat-Cremes in Gefahr" hätte gewesen sein können.

Nein! Doch! Gähn! Wir erfahren im der Eloge des Testsiegers (keine Sorge, der potent(iell)e Anzeigenkunde liegt knapp dahinter), dass der Experte "berufsbedingt" die dunklen Schoko-Noten lieber mag. Experte halt, sieht man's doch! Um dies lesen zu können, muss man dann aber doch Scripte freigeben, wenn auch nur 3 von 18. Dafür wird man mit der einträglichen Symbiose aus Product Placement und Klickstrecke belohnt.

Endlich in Moskau angekommen, erfahren wir, wie der unfassbar beliebte Außenminister Steinmeier mit sprichwörtlicher Engelszunge (gemeint ist hier nicht der Kommunistenhund, sondern das Flügeltier, Säzzer) vergeblich auf einen garstigen Russen einzuwirken versucht. Mal sehen, mit wem wir es zu tun haben:. "Die Zuhörer fächeln sich Luft zu. Steinmeier hat einen roten Kopf. Nur sein Kollege Sergej Lawrow (unglaublich, Putin hat sogar einen eigenen Außenminister!), der neben ihm sitzt, strahlt etwas Kühle aus."

Eiskaltes Moskau

Menschen schwitzen, nicht so der Russe. Der guckt "mit bewegungsloser Miene" und hat "jenen mürrischen Gesichtsausdruck zu seinem Markenzeichen, in dem niemand mehr lesen kann." Magisch, dunkel, unheimlich! Von einem nicht minder mürrischen Uhu auf der anderen Seite, der im immer gleichen Tonfall Wortblasen absondert, erfahren wir derweil nichts. Das wäre mein Serviervorschlag zum Ausgleich gewesen.

Die Rollen sind klar verteilt, der eine müht sich mit rotem Kopf ab, der andere lässt ihn eiskalt abblitzen: "Eine Abfuhr nach der anderen muss der deutsche Außenminister einstecken. Aber er hat es wenigstens versucht. Hat geredet, zugehört, die russische Seele gestreichelt. Er hat goldene Brücken gebaut und nicht gezuckt, wenn sie vor seinen Augen sogleich zertrümmert wurden."
Ein Abwehrbollwerk zertrümmern, wie es der Landser pflichtgemäß vollstreckt, ist eine Sache, aber goldene Brücken?! Auf all die Güte reagiert der Russe nur mit Ablehnung, Grausamkeit und Vernichtung.

Was wir nicht erfahren: Irgend einen Zusammenhang, nachvollziehbare Gründe und Motive, Belege für die Einschätzung der Situationen an der Krim und in Syrien - zwischen beiden mäandert der Artikel sinnfrei hin und her. Es stellt sich vor allem die Frage, welche strategischen Absichten Russland und die NATO in Aleppo jeweils verfolgen und wo die konkreten Unterschiede in der Analyse der Situation liegen. Nicht einmal eine blasse davon Ahnung erlaubt der Artikel. Dafür haben wir ein detailliertes Bild davon, wie die handelnden Personen zu bewerten sind. Man möchte Steinmeier am liebsten zum Trost knuddeln. Böser, böser Russe!

 
ot

Bild: Deutsches Sportlerfrühstück - Obst und Nutellakonzentrat

Propaganda kotzt mich an, da kann ich gar nix gegen tun. Ich kann sie auch nicht ignorieren, verdrängen, mir einreden, das wäre in Ordnung, erkennen, dass sie es so tun müssen, weil es sonst ein anderer tut, nein. Geht mir auf den Sack. Inzwischen ist es womöglich so weit, und das findet keineswegs meine Gnade, dass sie schon gar nicht mehr wissen, wie sie die Propaganda bestellen.

Sie merken es nicht, selbst wenn sie zu ihrer eigenen Karikatur schrumpfen. Dass sie die Zusammenhänge nicht erkennen, weil sie in Fachressorts eingesperrt werden und wie der Chirurg nur noch den Teil sehen, an dem sie herumdoktern, macht aber keinen Unterschied. Wer veröffentlicht so etwas, anstatt sich wie ein anständiger Mensch lieber die Hand abzuhacken? Wer, wenn nicht Arschlöcher?

Es ist nicht so, dass mich Sport nicht interessiert. Mein Hirn braucht erstens auch Pausen und zwotens ist Sport und dessen Betrachtung nicht notwendig doof; im Gegenteil kann das sehr kultiviert zugehen. Was mich dermaßen gar nicht interessiert, sind allerdings diese Olympischen Spiele, dieses unappetitliche Gebilde aus Kommerz, Korruption, Kaltem Krieg und Nationalismus. Man kann Fußball mögen, Snooker oder Curling, aber nicht Olympia. Geht nicht. Man kann sich allerdings mit Nationalismus anfixen lassen. Das ist dann ein Ding, das ich nicht mag, aber darüber würde ich mich nicht erregen. Dagegen hilft scheinbar eh nichts.

Die deutsche Siegbanane

Was mich erregt, ist dass ein Fanatiker wie Hajo Seppelt als "Dopingexperte" herumgereicht wird. Ein Hanswurst, der einen derart verlogeneren dummen Scheiß verzapft, dass mir die Ohren bluten. Ich glaube nicht an Experten, aber wenn es um Doping geht, wäre ich selber einer. Das war hier, bezogen auf Radsport, schon häufiger mal Thema. Dieser Depp Seppelt aber propagiert ein böses Russland, das dopt, um die ehrliche Konkurrenz des freien Westens® zu übervorteilen.

Ein verkommener Nützlicher Idiot, der dem Geschäft "Spitzensport" nicht im Weg stehen will, macht es so: Es gibt Einzelfälle, Sünder und den Sauberen Sport; und neuerdings das schmutzige Russland. Dass selbst ein publizistischer Weichspüler wie der 'Spiegel' bereits berichtete, wie in der BRD (als Beispiel) Doping mit Steuergeldern perfektioniert wurde, darf so einer freilich nicht wissen wollen.

Auf die Palme gebracht hat mich heute aber dieses Rührstück, das vom Boulevard verbreitet wird: "Banane und Nutella treibt [...] zur Bestleistung", wenn das stramme deutsche Mädel antritt, beim Gewichtheben. Das ist echt, das ist ehrlich, so machen es traditionell die Guten®, mit Trainingsfleiß und Bananen!
Da kriege ich das Kotzen. Das hat nicht einmal Wochenschau-Format. Bei der wusste wenigstens jeder, dass wieder marschiert wird und der Iwan vernichtet gehört.

 

Mit großer Sorge

auf bento

demokratisch und rechtsstaatlich

gemäßigte Rebellen

transatlantische Partnerschaft

Verschwörungstheorie

unverbrüchliche Freundschaft

Putin [Prädikat, Objekt] ...

(Immobilien-, Kredit-, Staatsschulden-, Banken-, Euro-) Krise

Die [Zahl, Superlativ Plural] ...

Big Data

Verantwortung übernehmen

Anti Doping Agentur

Präsidialsystem

Bedrohung von Links

im Zeitalter digitaler ...

Hilfskredite

[Substantiv] X.0

ein fremdenfeindlicher Hintergrund konnte nicht ermittelt werden

(Terror-)Experte

Sparpaket

Pokemon

Antiterrorgesetze

westliche Wertegemeinschaft

meistgesuchte Terrorist / rechte Hand

... hat sich zu [...] bekannt

Menschenrechtsfrage angesprochen

nach Medienberichten

endlich verständlich

gerechte Löhne

mit großen Kopf- / Bauchschmerzen

hate speech / Morddrohungen aus dem Internet

Gender Studies

Cyber-

#[irgendein Blabla]

(im Internet, selbst) radikalisiert

sich neu erfinden

... to be continued

 
zb

In der "Zeit" haben ein paar Fachexperten aufgeschrieben, wie der Große Bruder uns künftig vor den schrecklichen Gefahren des Cyber schützen will. Seit in Deutschland in den 90er Jahren zuständige Bürokraten und deren dienstbare Journalisten erfahren haben, dass es ein Internet gibt, ist Großalarm. Zunächst wurde ihnen erklärt, dass es neue Autobahnen gibt, eine Infrastruktur, durch die Menschen und Waren zueinander kommen. Da bei Politikern und Journalisten diesbezügliche Fachkenntnisse nicht ganz so weit verbreitet sind wie solche über Quantenphysik, waren die Reaktionen wie erwartet: Die Mutigeren machten sich eine herzzerreißend kindische Vorstellung und verbreiteten dem gemäße Märchen, die weniger Mutigen erfasste die nackte Angst.

Es ist etwas ganz, ganz Schlimmes, das unsere Jugend gefährdet durch Killerspiele und Porno, wo sich Verbrecher völlig ungehindert und unerkannt Zugriff auf Leib und Leben anderer verschaffen und das nur wenige Erleuchtete mit magischen Kräften beherrschen und verstehen. Mit der Zeit wurde das keineswegs besser. Je mehr Menschen das Internet ganz selbstverständlich benutzten, desto schriller die Hysterie. "Internet" ist daher schon ein Begriff, den man meidet, klingt er doch irgendwie ... nett. Den Unterschied zwischen World Wide Web und Internet kennt eh keiner, und auch WWW klingt viel zu optimistisch.

Highway to Hell

Nach der "Datenautobahn", ein nicht mehr steigerbar dämlicher Begriff, der mich immer an "aber es war doch nicht alles schlecht" erinnert, entdeckten die Daueralarmierten also die olle Kamelle "Cyber". Das klingt mystisch, kommt das Wort doch nicht nur von "Kybernetik", einem für Halbhirne unbegreiflichen Dings, sondern es hat auch noch einen griechischem Wortstamm, wie so vieles Übernatürliche. "Cyber", das ist die Dimension hinter den Dimensionen, aus der sie kommen. Der Äther des Fremden, die Sphäre des Grusels. Und so sieht das semantisch aus, wenn sie darüber reden und schreiben:

"Cybersicherheitsstrategie, Cyberabwehrzentrum, Cyberabwehr, Cyberangriffe, Cyberkriminalität, Cyberwaffen, Cyberfähigkeiten, Cybersicherheit, Cyberplan, Cyberkonzept, Angreifer, Computer Emergency Response Team, zivil-militärische Zusammenarbeit, digitale Eingreiftruppe, Quick Reaction Force, Mobile Incident Response Team, Eingreifteams, verdächtige Aktivitäten, Strafrecht, Anti-Terror-Paket, Sicherheitsdienstleister ..."

Eine Auswahl aus dem verlinkten Artikel. Es herrscht Krieg; gegen die Kriminellen, den Terror, die unheimliche dunkle Bedrohung. Selbstverständlich ist die Überwachung aller und ihrer sämtlichen Kommunikation unter diesen Vorgaben nicht nur eine Option, sondern quasi natürliche Konsequenz. Der Gedanke, dass der Staat dem mit Offenheit begegnen könnte, mit der Transparenz, die einer Demokratie würdig wäre, kommt gar nicht erst auf. Im Gegenteil muss der Staat vor den Bürgern geschützt werden, von denen jeder einzelne verdächtig ist. Man stelle sich vor, das Internet und seine Möglichkeiten wären etwas Gutes, das Spaß macht und nützlich ist. Nicht auszudenken!

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