tp

Früher war mehr Salbe. Fand ich irgendwie nicht schlecht. Also dieses Salbungsvolle im Unterton der Denkbefehle. Ich meine jetzt nicht die Experten aus den Sportpalästen, den Klumpfuß aus Rheydt mit seinem Singsang oder die Melone aus Bonn, die auch besser schunkeln konnte als einen korrekten hochdeutschen Satz formen. Auch nicht die Aushilfsgoebbelse von der Wochenschau.

Nein, mehr so den bürokratischen Stil der Gazetten und des Rundfunks. Diese zwanghaft auf neutral und wetterfest gebrasseltenen Nachrichtentexte, die jederzeit Maxime eines Gesetzbuchs hätten werden können. Vier Fünftel der Adressaten haben damals zwei Drittel nicht verstanden, aber es wurde deutlich weniger gelogen. Schon gar nicht platt und primitiv. Okay, dafür gab es schon immer den Springerkonzern und dessen Ausscheidungen. Aber das war damals auch noch Gosse.

Jetzt red I

Es gab auch noch keine Talkshowbots. Es gab Befragungen und kleine Runden, in denen Menschen mit Interesse Fragen stellen, die seriöse Vorbereitung erkennen ließen. Solch furchtbare Strapazen will man heute keiner Dompteuse eines Celebrity Death Matches mehr zumuten. Sie muss ja schon am Abend der Show so schlimm schwitzen und das Gekeife ertragen – worin ihre Hauptqualifikation besteht.

Ich denke, das liegt nicht nur daran, dass früher die graue Autorität besser funktioniert hat, so dass der Rezipient sich gefälligst nach denen zu richten hatte, die sprachen. Es war eben nicht bloß Entertainment, sondern auch Vordenken und Andacht. Das Wichtigste ist wohl, dass früher noch keine nivellierte Mittelschicht die Spiele zum Brot unter sich austrug. Es musste jederzeit damit gerechnet werden, dass nicht nur wirklich gebildetes Publikum lauschte, sondern auch Arbeiter. Mitunter lesende Arbeiter.

Heute liest nicht mal mehr das Abiturientenpack, und um deren Aufmerksamkeit für die zur Verfügung stehende Spanne von einigen Millisekunden zu erwischen, müssen sie halt alle bei Illner, Will und Maischberger den Chrustschow auf Koks in Endlosschleife geben. Propaganda für verblödete Mittelschichtszombies, von Atlantikern für Atlantiker bei steif neoliberaler Brise aus West-Nordwest.
Die weht übrigens alternativlos seit 35 Jahren. Die zweite Generation, die nichts anderes kennt, ist völljährig. Hurra!

Schö mit ö

Das Gute daran: Nicht nur das ohnehin untergewichtige Hirn der mental desinfizierten Rezipienten schrumpft in diesem Zirkus, sondern auch die schon immer kleine Klientel der Gläubigen. Diese Form der Abendmesse ist eine Filterblase par excellence. Die Sekte, die A. Nahles oder die Grünen für „Linke“ hält, glaubt, im Schloss Bellwü wohnte ein Staatsoberhaupt oder Maas und de Maisière sorgten für Innere Sicherheit® gegen Terroristen® besteht aus ca. vierhundert* Mitgliedern, die immer enger und schneller um sich selbst rotieren.

Denen geht nicht einmal ein Licht auf, wenn sie dabei in dessen Geschwindigkeit frontal mit Photonen kollidieren. Dafür werden sie eines Tages in ein dunkles unbekanntes Universum namens „Realität“ hinaus geschleudert, aus dem sie nie wieder zurückkehren. Man kann sich getrost schon heute von ihnen verabschieden und etwas Sinnvolles tun. Zum Beispiel Kreuzworträtsel lösen, ein Omelett aufhängen oder sich in den Fuß schießen.

*[Update: Es können auch 40 sein, 40.000 oder das ganze verblödete Pack - sagen wir einfach: 8 Millionen Nützliche Idioten. Die zehn Prozent, die sich für richtig wichtig halten.]

 

Was die Mauer betrifft, so lassen wir uns nicht deren Schutzfunktion ausreden – ganz einfach, weil wir den Schutz spüren vor all dem, was hinter der Mauer jetzt an brauner Pest wuchert.

Ulrich Junghans, CDU

Schlimm, diese Linken. Kämpft gegen die kommunistische Gefahr!

 
weitoWas die Meinungsproduktion derzeit zu James Damore ins Sommerloch stopft, läuft nach dem üblichen Schema ab: Abschreiben, Mithetzen, bloß keine prüfbaren Informationen! Dabei werden Vorurteile in Echtzeit bestätigt, anders ausgedrückt: Was nicht ins Narrativ passt, wird niedergebrüllt. Damore habe "gegen Frauen geätzt", "gehetzt", sei "frauenfeindlich" und "sexistisch". Er habe behauptet, Frauen "seien biologisch weniger geeignet" fürs Programmieren. Die Vorwürfe sind frei erfunden.

Zu den Inhalten: Frauen sind mehr an Dingen interessiert als an Menschen. Sie sind weniger kooperativ. Frauen sind mehr an ihrem Status interessiert als Männer.

Ist das diskriminierend? Frauenfeindlich? Sicher! Statusgeile Ischen, die sich nur für ihre Spielzeuge interessieren und deshalb in sozialen Gruppen nicht zurechtkommen. Unverschämtheit! Ich höre sie schon schäumen, wenn jemand so etwas Widerliches behauptet. Tatsächlich hat Damore Studien zitiert, die zu diesem Resultat kommen - allerdings über Männer. Diese Studien, deren Aussagen ich für wissenschaftlich belegt halte, befassen sich damit, welche Prioritäten reale Frauen und reale Männer in unterschiedlichen Gesellschaften für sich setzen. Daraus hat der Verfasser des Google-Memos Schlüsse gezogen.

Inhalt unerwünscht

Er macht auf dieser Basis Vorschläge, wie reale Frauen besser gefördert werden und die realen Unterschiede verringert werden können, für die er - den Studien folgend, auch biologische Gründe annimmt. Diese Denkweise stellt nach Ansicht der Konzernleitung einen Verstoß gegen die Richtlinien des Hauses dar. Diese sehen offenbar vor, dass es nur eine Erklärung geben darf für die geringere Präsenz von Frauen in technischen Berufen: dass sie von Männern unterdrückt werden. Ihr Desinteresse darf keine anderen Gründe haben.

An einer anderen Baustelle kämpft ein Feminist für seinen Onlinepranger. Sein markanter, aber durchaus typischer Fehler: Er befasst sich überhaupt nicht mit dem Gegenstand seines Pamphlets. Es ist ein verdammter Pranger! Dass andere gegen so etwas sind, kann für ihn ebenfalls nur einen Grund haben: Sie sind ein "Netzwerk von Antifeministen", vor denen die Urheber "in die Knie gegangen" sind. Das falle vor allem den "kritischen Wissenschaftlern in den Rücken", die an dem "Wiki" beteiligt waren.

Die üblichen Verdächtigen

"Kritische Wissenschaft" ist es also, wenn man Publizisten öffentlich als Frauenfeinde brandmarkt? Für Nowak ist der Grund klar: Es ist Wahlkampf, deshalb werden die kritisch-wissenschaftlichen Feministen bekämpft. Weil die Grünen jetzt auch rechts sind. An den Argumenten sollt ihr sie erkennen. Die eigene Seite ist immer "kritisch" und wird deshalb unterdrückt.

Das ist übrigens exakt das, was mir jeder zweite Troll erzählt, wenn ich ihn rauskante, weil er sich benimmt wie eine offene Hose. Es werden Fronten gegen Personen aufgezogen; die Argumente der Gegenseite werden abstrakt abgelehnt. Einmal sind "kritische Wissenschaftler" die Opfer, ein anderes Mal ist es Wissenschaft selbst, die "mit Wahrheit gleichgesetzt wird" - was wiederum falsch und daher abzulehnen sei.

Eine Argumentation findet nicht mehr statt. Es wird dekretiert, beschämt, verfolgt, rumgeheult. Jedes Mittel ist recht, jede Aussage wird so ausgelegt, dass sie zu demselben Resultat führt. Dieser 'Feminismus' ist eine stupide Religion von denkfaulen Idioten, die ein kleines bisschen Macht ausüben wollen. Mir wurde hier vorgeworfen, ich bliese in dieses Horn, obwohl Feminismus eigentlich ganz anders sei. Ich kenne noch solchen Feminismus, den ich sehr ernst nehme und der ein berechtigtes Anliegen hat. Aber wo findet der statt? Und wer hält diese Schwachmaten auf, die überall, wo sie genügend Einfluss gewinnen, ihre Inquisition aufziehen?

 
zb

Die Geschichte hat Gesellschaften entstehen lassen; sie wurden nicht konstruiert. In der Regel lief etwas schief im Staate (Dänemark oder anderswo), dann kam es anders. Zum Beispiel dass der Klerus nicht bloß Jahrhunderte lang einen bereits überalterten Tinnef mit Gewalt als 'Wissen' verteidigte, erledigte sich spätestens, als man damit keine Kanonen bauen konnte. Mit der Erfindung der Eisenbahn ungefähr akzeptierte dann sogar der Vatikan, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Nachdem Europa im 17. Jahrhundert weitgehend entvölkert war, weil sich zwei Konfessionen nicht hatten einigen können, welche Gebete den Ratten die Flöhe aus dem Pelz treiben würden und der Rest durch Hunger und Krieg umgebracht wurde, formierte sich zunächst ein neues Wissen. Bis das allerdings in die Politik durchschlug ... meine Güte, ich sehe das heute noch nicht so recht.

Gute Idee

Dennoch spielt die Weisheit über Bande auch schon mal ganz gute Bälle. Sofern man mit neuem Wissen eben besser große Sachen kaputt machen und viele Menschen umbringen kann, setzt sie sich durch. Auch recht wirksam waren technische Fortschritte, die für Reichtum sorgten. Der gute alte Hunger konnte sogar für die Völker etwas rausschlagen. Wenn der Pöbel zu mager wurde, holte er sich etwas von dem, was ihm zustand. So sorgten Wissen und Revolution auch für soziale Veränderung.

Unter anderem konnte die bürgerliche Revolution für einen Staat sorgen, in dem ein gewisser Ausgleich der Kräfte für stabile Verhältnisse sorgte. "Gewaltenteilung" nennt sich das und bildet die Basis des "Rechtsstaats". Der ist allerdings mit dem Makel gesegnet, dem Eigentum einen zu hohen Sockel gegossen zu haben. Dies führte zur nächsten Welle von Revolutionen, den kommunistischen. Hier gingen Erkenntnisfortschritt (eine moderne Theorie) und politische Umwälzung Hand in Hand.

Das klingt schön, ist es aber nicht. Im Gegenteil war diese Revolution, die begonnen hatte wie jede andere, nämlich als Aufstand aus schierer Not, am Ende auf dem Reißbrett konstruiert worden. Es wurde in Stein gemeißelt, was künftig als gottgefällig oder ketzerisch ("konterrevolutionär) zu gelten hätte und man bediente sich der ältest möglichen Herrschaftstechniken: Zwang, Zentralismus, Hierarchie, Dogmatismus. Das konnte nicht gutgehen.

Probelauf gescheitert

Eines der Probleme des "real Existierenden" war, dass es keine Übergangsphasen gegeben hat, keine schrittweise Entwicklung aus den bürgerlichen Staaten hin zu einer wirklich egalitären Gesellschaft. Die besten Errungenschaften der 'westlichen Demokratien' wurden nicht in eine neue Formation übernommen, sondern erfolgreicher bekämpft als die schlechtesten. Der ganze Ballast aus Militarismus und autoritärer Führung, den die Bürgerlichen wenigstens teilweise überwunden hatten, wurde restauriert. Schade eigentlich.

Man kann daraus einiges lernen. Erstens, dass mit scheinbaren Fortschritten gern Rückschritte verbunden sind. Wenn man dergleichen bemerkt, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass man falsch abgebogen ist. Zweitens, dass der Logik folgend eine ungeheure Gravitation von allem ausgehen kann, was Stabilität verspricht. Deshalb bilden sich auch immer wieder faschistische und andere autoritäre Regime aus. Solche Tendenzen sind derzeit wieder weltweit zu beobachten.

Wirklich voran zu kommen, kann also davon abhängen, dass es nicht nur gute Ideen gibt und einen Zeitpunkt, an dem diese umgesetzt werden. Es wird darauf ankommen, Stabilität zu schaffen ohne Zwang, Gewalt und Führerkult. Diese politische Baustelle erscheint mir eher verwaist. Wenn die Menschen dieses Problem aber nicht lösen, können sie auch wieder auf die Bäume klettern - solange es noch welche gibt.

 
gz

Originaldatei: ©Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die Basis der zeitgenössischen Politik sind die Geschichten, die erzählt werden. Probleme sind meist zu komplex, um sie allgemein verständlich zu machen, also kommt einer daher und bläst sich als Problemlöser auf. Erklären muss er nichts Genaues, denn die Leute haben schon auf ihn gewartet. In der parlamentarischen Demokratie sind sie darauf gedrillt, sich eine Autorität auszusuchen, nicht darauf, ihre Probleme zu verstehen, geschweige denn sie selbst zu lösen.

Der Schulz-Hype neulich war ein erschütterndes Beispiel. Da wird ein ausgerechnet sozialdemokratischer Bürokrat aus Brüssel aus dem Hut gezogen und als Messisasersatz präsentiert. Unser Obama, Corbyn, Kennedy! Hat vier Wochen gehalten, der Spuk, und plötzlich stand da ein öder Schwätzer mit schütterem Haar, der nicht einmal Merkel das Wasser reichen kann. Die Not muss groß sein, wo solche Kurzgeschichten aufgeführt werden.

Das Böse

Eine sehr viel längere ist die der DDR, einem Kulissendorf im Wilden Osten, in dem das Böse hauste und heute noch aus Tümpeln und Pfützen brodelt. Wie man weiß, ist hier nach dem Krieg der Faschismus entstanden. Mehrere Mauertote bezeugen, dass der Holocaust weiterging. Als im Westen längst die Freiheit über säuselnde Autobahnen rollte, litten die Brüder und Schwestern® unter Unrechtsstaat, Plattenbau und rumpelndem Transit. Hie Lavendel, dort Braunkohle. Hüben alles schön bunt, drüben aschgrau.

Tatsächlich ist die Siegerversion der Geschichte der DDR vor allem deshalb eine taugliche Erzählung, weil sie in die Ästhetik des Westens passt. Millionen Mordopfer des Naziterrors, dessen Befehlshaber in der BRD ihre Karrieren fortsetzten, verschwanden hinter den neuen Kulissen, weil das drüben alles so scheiße aussah. Luxus und Schönheit sind ein verständliches Mordmotiv, aber wer verteidigt Mauer und Stacheldraht®, wenn obendrein der Lebensstandard leidet? Das müssen sehr böse Menschen gewesen sein, die ihr Volk in solchem Elend hielten.

Unser Kampf

Ihre Nachkommen sind nicht besser. Sie wählen Pegida, gehen für AfD auf die Straße und plündern uns aus - ich sage nur "Soli"! Als die DDR abgewickelt wurde, waren sie uns da dankbar? Als sie befreit wurden, als wir ihnen Begrüßungsgeld und Mallorca gaben, wie haben sie es uns vergolten? Mit schierem Undank. Das jedenfalls ist die Geschichte, wie man sie kennt. Wie sie und von den Autoritäten überliefert wird. Von der Kanzlerin etwa, und die muss es wissen, schließlich hat sie dort gelebt.

Wer wird sich da mit den ganzen Details aufhalten? Es musste schließlich wiedervereint werden. Da kann man nicht jeden Pfennig umdrehen, der aus dem Unrecht stammt. Hätten wir die Ostrenten anerkannt, könnten wir ja gleich den Griechen welche lassen. Hartz IV im Westen ist allemal besser als eine Ostrente. So leben sie glücklich am Lebensende. Jetzt sind wir alle einig, vor allem im Kampf gegen die AfD, der neuen SED-Nachfolgepartei. Gegen die und die andere Seuche, eine Gewerkschaft namens GdL. Alles dasselbe Pack. Aber mit ihnen werden wir fertig.

 
lm

Ich habe aus den Texten zum "deutschen Narrativ" inzwischen einen zusammenhängenden von ca. 120 Seiten gemacht, die man so veröffentlichen kann. Darauf aufbauend kann man auch mehrere Bände machen; ich finde es fast schwieriger wegzulassen als aufzuschreiben, aber bis hierher ist das Format glaube ich ganz brauchbar.

Selbstverlag kickt mich irgendwie nicht so; ich fände es schön, wenn da jemand drüber schaute, der das kann, und so eine Infrastruktur ist ja auch nicht das Schlechteste. Ich kann auch über einen eigenen Server ein e-Book anbieten, aber auch da wäre es mir recht, wenn das Ganze Dunstkreis und Filterblase überschreiten würde.

Reichweite bringe ich fast schon selbst genug mit - der Artikel "Was ist ein Narrativ" (wahrlich nicht der beste, aber mit einem recht kugelfreundlichen Titel ;-) ist mit bislang 45.000 Direktaufrufen ziemlich weit vorn. Alsoo: Wer einen freundlichen Verleger kennt oder wen kennt, der einen kennt, sich verschafft oder in Umlauf bringt, sei gepriesen, wenn ich es erführe. Wenig hilfreich sind jetzt Zurufe, wie ich doch selbst eine Pappe rausbringe oder Adressen von Verlagen, zu denen kein Kontakt besteht. Okay, wenn jemand meint, da draußen gebe es einen, der das quasi veröffentlichen muss ... aber nur dann! [Was hast du getan, Trottel? Säzzer]

Ich tu' mal noch nen knappen Exposé dazu:

Das deutsche Narrativ

Der Text ist ein Versuch, möglichst kurz (er ließe sich auf ein Vielfaches ausweiten) eine Geschichte der Deutschen in ihrer Bundesrepublik darzustellen: das Selbstverständnis, wiederkehrende Elemente der großen Erzählung und ein Blick darauf, was dahintersteckt.

Zunächst wird versucht, das Wort „Narrativ“ zu erklären. Im Verlauf geht es dann um konkrete Teile der Erzählung: Wie die BRD aus dem Dritten Reich hervorging, wie in kürzester Zeit „Demokratie“ wurde, was kurz zuvor noch Nationalsozialismus war – mit demselben Personal; Ein Überblick über die Jahrzehnte von der Nachkriegszeit bis heute; die Geschichte eines Landes, das durch seinen Antikommunismus und seinen Wirtschaftsglauben zusammengehalten wird. Die großen politischen Ereignisse werden eingeordnet so wie der Weg von der „Sozialen Marktwirtschaft“ in den Neoliberalismus. Einen hohen Stellenwert wird die Auseinandersetzung mit dem Holocaust haben. Dieses und andere Themen finden sich nicht zuletzt in den großen Reden deutscher Politiker, von Konrad Adenauer über Philipp Jenninger bis hin zu Roman Herzog.

Im Hintergrund finden sich ungebrochene Traditionen und ideologische Momente, religiös wie politisch. Man kommt nicht umhin festzustellen, dass vor allem eine wirksame Auseinandersetzung mit dem Faschismus, seinen Wurzeln und seinen Hinterlassenschaften bis heute nicht stattgefunden hat.

Versuch macht kluch ...

 
tr

 
pd

Seitdem der Dieselskandal seine volle Wucht entfaltet, steht die Republik Kopf. Die Bürger nehmen Fahrverbote und kalte Enteignungen nicht länger hin. Das Vorbeiregieren an den Interessen der Massen mündet in eine revolutionäre Situation. Spätestens die Großdemonstration in Berlin am vergangenen Wochenende hat gezeigt, dass das alte System am Ende ist. Erstmals seit dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR-Diktatur haben Demonstrationen zu einer Situation geführt, die nach Umsturz riecht.

Angeführt vom Porsche-Cayenne-Club zogen hunderttausende SUVs in einer Sternfahrt zum Kanzlermat und haben dort sprichwörtlich die Mauern eingerissen. Diese Machtdemonstration aus der Mitte der Bevölkerung zog die Massen in ihren Bann; selbst Fußgänger schlossen sich dem Sturm an. Auf dem Weg in die Hauptstadt hatten Automobilclubs und andere Organisationen wie der Hartmannbund, Facebook und Rotary International für eine Aufbruchstimmung gesorgt. Es gab Häppchen für die Schaulustigen, zubereitet von Sterneköchen, Giveaways von bekannten Designern und ein Kulturprogramm vom Feinsten. Die Philharmoniker spielten das Kaiserquartett in allen drei Strophen.

Volkswille durchgesetzt

Millionen lagen sich in den Armen, als Andrea Berg und Helene Fischer auf dem Brandenburger Tor die Ode an die Freiheit anstimmten. Während des Kulturprogramms und der gesamten Aktion sorgten in ganz Deutschland private Sicherheitsdienste für einen ordnungsgemäßen Ablauf. Finanziert wurde das Ganze durch Teilnehmer und Sponsoren. Hundertschaften der Polizei, die den Einsatzbefehl von den Innenministerien bekommen hatten, marschierten in Formation mit. Am Ende des Zuges folgten Mannschaftswagen und Wasserwerfer. Einer der Fahrer sagte gut gelaunt: "Vorn Porsche, hinten Mercedes, so demonstriert Deutschland heute!"

Die Ereignisse haben sich heute Vormittag überschlagen. Der ADAC forderte den Rücktritt der Bundesregierung, der Cayenne-Club erklärte seinerseits, der ADAC sei zwar sicher nicht der schlechteste Ansprechpartner, aber in dieser Sache seien die Veranstalter diejenigen, die Forderungen zu stellen hätten. „Wir haben gezeigt, dass wir keine Regierung aus Berufspolitikern brauchen. Wir haben hier alles im Griff: Die öffentliche Ordnung, vernünftige Entscheidungen und den Willen des Volkes“, sagte Bodo Bolko, der Sprecher des Clubs.

Er forderte die Öffentlichkeit auf, Ruhe zu bewahren. Man werde jetzt mit den „Vertretern der Quasselbuden“ verhandeln und deren Schließung angehen. Experten aus allen Bereichen von Wirtschaft und Handel haben sich den Demonstranten angeschlossen. Die Zukunft Deutschlands werde, wenn alles gutgehe, von Experten geprägt, denen etwas an Volk und Land liege und nicht mehr von Bürokraten, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Aufständischen, die auf der Website der „Initiative Gerechtes Deutschland" veröffentlicht wurde.

 
xx

Ist es nicht herrlich? Es gibt immer neue Ideen, Umweltschutz® mit Wachstum® zu verbinden; eine, ähm, origineller als die andere. Die Älteren erinnern sich etwa an natürlichst grünökologischen Biosprit. "CO2-neutral" sei der. Wenn ich also eine Monokultur auf einer Fläche anlege, auf der sonst etwas Brauchbares wüchse und die Pflanzen, die vermutlich den Boden auslaugen oder deren Dünger ihn anderweitig versauen, danach verbrenne, dann ist das - umweltfreundlich? Wirklich?

Man hätte drauf kommen können, aber dass die Rechnung nicht aufgeht, haben sie erst bemerkt, als das geförderte Desaster schon komplett war. Hätte es ihnen doch nur wer gesagt! Und überhaupt: Strom. Früher haben wir gelernt, dass Strom produziert werden muss. Wir haben gelernt, dass das irgendwie zu Lasten der Umwelt geht. Nicht nur bei Kohle und Kernkraft - wir haben gelernt, dass mehr Strom mehr Kraftwerke braucht und mehr Kraftwerke mehr Rohstoffe. Auch das haben wir ihnen gesagt.

Grün, sauber, porentief rein

Seit einigen Jahren tun sie aber so, als sei Strom per se eine saubere Energie®. Da Fuck? Seit wann dat dann? Besser noch: Wir sollen jetzt alle! Autos auf Elektromotor umrüsten. Bitte was? Mal kurz einen Blick zurück: Sie haben Diesel gefördert, weil der so umweltfreundlich® sei. Das ist nur eine Industrieförderung, haben wir gesagt. Die ganzen alten Karren wegschmeißen ist schlimmer als ein paar Liter mehr Verbrauch, haben wir gesagt. Aber nein: Wachstum, Arbeitsplätze, saubere Luft. Welche Motive könnten Autohersteller auch sonst haben? Das ist ein Kartell, haben wir gesagt. Ein bestens vernetztes, haben wir gesagt.

Okay, es hat sich also ausgedieselt. Aber nicht genug, dass sie jetzt Diesel verbieten wollen - es soll gleich auch den Benzinern an den Kragen gehen. Alle Autos auf den Müll. Milliarden Karren neu bauen. Ähm, sage ich, das ist kompletter Irrsinn. Hört ihr? Nein? Schon wieder nicht? Allein die Idee, überhaupt so viel neu produzieren zu wollen, kann keinem Hirn entstammen. Das würde eher freiwillig in Scheiben fallen. Das ganze Kupfer? Oder meinetwegen Aluminium? Die seltenen Erden? Die ganzen verdammten Rohstoffe? Die Energie? Kommt das alles her? DA FUCK?

Ich erinnere mich noch an die nicht ganz unwichtigen Mitmacher bei dem ganzen Stuss, die grünen Verräter, deren größte Erfolge längere AKW-Laufzeiten, Angriffskriege, Hartz IV und ein losgelassener Industrielobbyismus sind. Als sie begannen, Kompromisse zu machen. Nein, ihr könnt euch nicht mit dem Kapitalismus versöhnen, habe ich gesagt. Der frisst euch mit Haut und Haaren, habe ich gesagt. Da war ich dann schon Fundamentalist. Inzwischen dürfte noch "Kommunist und Verschwörungstheoretiker" hinzu gekommen sein. Aber das hat uns schon damals nicht schlecht gestanden. Man gönnt sich ja sonst nichts.

 
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Es ist zwar müßig, aber ich beginne mit dem wohl unvermeidlichen Disclaimer: Nein, ich sympathisiere kein Stück mit Rechten. Ich verachte ihre Haltung, die nur verrät, dass sie ihre Unzufriedenheit auf dem Rücken Schwächerer austragen. Ihr Weltbild ist plump, ihre Argumente windschief und ihr Denken hört nach dem halben Meter auf, wo ihr Geschwätz beginnt. Aber sie haben dasselbe Recht wie alle anderen. Sie dürfen sich frei bewegen, Schwachsinn labern und ihre Pizza fressen, wo sie welche kriegen. Wer ihnen das nehmen will, vertritt totalitäre Ansichten.

Diese miefige Attitüde, in der Sozialdemokraten und 'Aktivisten' (das kommt von "Aktion" - man darf auf keinen Fall nachdenken, bevor man zur Tat schreitet) "den Anfängen wehren", ist ein schlechter Witz. Ich verhindere eine Diktatur, indem ich nicht nur bestimmte Meinungen verbiete, sondern indem ich Menschen, die sie (vermeintlich) vertreten, gleich die ganzen Bürgerrechte streiche? Sie machen keinen Stunk, halten keine Reden, aber weil sie so welche sind, dürfen sie sich nicht in ein Restaurant setzen? Und das ist dann "weltoffen"? What the fuck?

Wir sind weltoffen

Ja, das sind sie, meine Freunde, die Sozialdemokraten 2017. Scheiß in die Akten aufs Grundgesetz, auf Rechtsstaat und Demokratie, denn es geht um, äh ... Demokratie und Rechtsstaat! Während dieselbe Fraktion mit Pauken, Trompeten und Fake News eine linke Bedrohung aufbläst, geht sie am anderen Ende auf alles los, was ihnen als 'rechts' gilt. Kein rechtsstaatliches Verfahren, keine politische Auseinandersetzung, sondern die Fakten der Macht bestimmen das Handeln. Was abweicht, wird plattgemacht. Weltoffen. Gegen die "Anfänge".

Diese Sozialdemokratie stimmt wie immer jedem Krieg, jeder Ermächtigung, jeder Reaktion zu, die sich gegen Ruhe, Ordnung und Markt richten könnte. Inzwischen präventiv und ganz privat. Da geht der "Rechtsextremismus-Beauftragte" persönlich zum Pizzabäcker und erklärt ihm: "Schöne Pizzeria haben sie da, wäre doch schade, wenn die pleite geht". Was ist der Typ auch so blöd und widerspricht? Das müssen wir als Unterstützung der Terroristen betrachten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Hier darf sich jeder treffen, mit wem er will ...

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