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2005-2013 (alle Beiträge)
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Best of 2005-2013

 

Ich möchte nicht, dass jemand, der 1500 Euro Grundeinkommen hat und keine Perspektive auf einen Beruf, auf die Idee kommt, fünf Kinder zu kriegen.

Spätestens mit diesem von Christoph Butterwegge "sozialreaktionär" genannten Statement hat sich Richard David Precht nicht nur als Philosoph disqualifiziert, sondern auch den Stab von seinem nicht minder reaktionären Kollegen Sloterdijk übernommen. Was deutsche Medien als Vorzeigephilosophen herumreichen, ist schon recht bezeichnend für den jeweiligen Zeitgeist. Mit Adorno und Marcuse war in den späten 60ern ein Denken am Werk, das versucht hat, das unbegreifliche Geschehen zu verstehen und unmöglich zu machen. In deren Fußstapfen verschwand bereits der Sozialdemokrat Habermas, der Vernunft zwanghaft restaurieren wollte, wo sie längst gescheitert war.

Inzwischen turnen Schwätzer vor den Kameras herum, die nur mehr eine medial passende Attitüde beherrschen. Ich hatte Precht bislang für harmlos gehalten, weil er halt belangloses Zeugs ohne Relevanz und Tiefgang von sich gegeben hat. Das hat sich mit dem da oben erledigt, denn es ist relevant, wenn das Schwiegersohnmodell, das eben den "Philosophen" als solchen berufsmäßig darstellt, seine obszöne Naivität dem Klassenkampf von oben zur Verfügung stellt.

Geschwätz mit Wirkung

Warum hat er sich disqualifiziert? Als Philosoph habe ich den Anspruch, Gedanken, die ich für relevant halte, zu Ende zu denken - so weit ich eben komme. Was Precht da veranstaltet, ist das Gegenteil. Das beginnt mit "Ich möchte nicht ...". Es ist vollkommen belanglos, was Sie wollen oder nicht, Precht. Danach fragt Sie niemand, und es ist schon gar nicht Aufgabe eines Philosophen, seine angebliche Ausbildung dazu zu missbrauchen, unreflektiert seine Präferenzen hervorzuwürgen. Wollen Sie nicht? Dann gehen Sie doch nach China!

Weiter geht's mit "… Perspektive auf einen Beruf ...". Mit welchem Recht? Auf welcher Weltsicht beruht der Anspruch, jemand müsse einem "Beruf" nachgehen, um zu leben und sich fortzupflanzen zu dürfen? Wüsste dieser Hanswurst irgend etwas, es fiele ihm auf, dass er da auf genau der Straße marschiert, die vom protestantischen Eifer über die Zuteilung von Lebensrechten an die Rampe führt. Mir ist unerklärlich, wie ein gebildeter Mensch so etwas sagen kann ohne zu kotzen. Zudem ist selbst die neoliberale Ideologie an der Stelle gnädiger, geht sie doch davon aus, dass jeder Mensch 'aktiviert' werden kann. Für Precht sind das Penner, die für immer verloren sind.

Lebensunwert

Nächster Punkt: "... auf die Idee kommt ..." - schon der Gedanke daran erscheint Precht unverschämt. Minderleister haben demnach zu verinnerlichen, dass ihnen das Recht, eine Familie zu gründen, nicht (uneingeschränkt) zusteht. Sie haben sich dem völlig zu unterwerfen und selbst in Gedanken nicht dagegen aufzubegehren. Schließlich: "... fünf Kinder ..." - wieso fünf? An dieser Stelle hat Prechts Gesellschaft zwei Möglichkeiten: Entweder sie schreibt per Strafgesetz exakt vor, wer unter welchen Bedingungen wie viele Kinder haben darf oder er verbietet es bestimmten Bevölkerungsgruppen ganz.

Selbst wenn man hier nicht konsequent an Zwangssterilisation denkt, ist diese prechtsche Gesellschaft schlicht faschistisch, wenn sie das real durchsetzt, was er da "möchte". Hier öffnet sich dann immerhin der Rettungsfallschirm, der die Aussage, er sei ein Faschist, in dieser Form nicht zulässt. Seine Willensbekundung bezieht sich ja wiederum auf die Ideenwelt der Minderleister. Diese sollen ja von selbst das tun bzw. lassen, was von Staats wegen bewirkt eben Faschismus wäre. Es ist eine idealistische Ansicht, die er formuliert. Viel besser macht es das nicht, zumal das Bild von dem Verlierer, der sich fünf Kinder hält, die er sich nicht leisten kann, ein Stereotyp bedient, das schon 'richtig' verstanden werden wird.

 
xx

Wo wir herkommen, gab es Prügel, reichlich. Hat unseren Eltern auch nicht geschadet®. Die 60er und 70er waren – im Gegensatz zur Geschichtsschreibung und ihrer einschlägigen Wahrnehmung - mehrheitlich knallautoritär. Unsere Eltern sind die Generation, die von den Nazis erzogen worden ist. Wir waren ihre Kinder. Einige von uns wissen daher sehr genau, was Antifaschismus bedeutet.

Für die Macht und ihre soziale Wirtschaft® war die Generation unserer Großeltern schon optimal vorbereitet gewesen. Die Arbeiterschaft hatte nach zwölf Jahren ‚Tausendjährigem‘ ungeheure Macht. Der aufholende Kapitalismus brauchte sie. Sie waren organisiert. Man konnte es ihnen nicht schon wieder verbieten. Sie hätten den Laden übernehmen können.

Wo es lang geht

Nur gut, dass sie ihre Ketten gleich selbst mitgebracht hatten: ihre Identität als ‚Arbeiter‘, die sich nichts Anderes vorstellen konnten als abhängig zu sein und Bossen zu dienen und ihre Gewohnheit, widerspruchslos Befehle zu befolgen. Dass ihnen die Gnade zuteil wurde, Menschenrechte zu haben, bemerkten sie vielleicht gar nicht. So etwas Unverschämtes hätten sie gar nicht gefordert.

Zu den unangezweifelten Autoritäten gehörte auch 20 Jahre danach noch alles, was studiert hatte und einen Kittel trug. Allen voran die Ärzte. Patienten waren für sie gewohnheitsgemäß Stückgut, zumal wenn sie proletarischer Herkunft waren. Kinder machten da keine Ausnahme. Was sie mir als Kind alles amputiert haben, kennen manche gar nicht mehr. Ätherbetäubungen, Metzeleien, Deprivation und Ohrfeigen von Krankenschwestern waren Kollateralerscheinungen des Marschbefehls in den OP.

Verinnerlicht

Während sich dieses Segment in den 80ern allmählich zurück entwickelte, wurde die Kieferorthopädie als Marktchance entdeckt und erobert. Die Folterinstrumente wanderten ins eher unauffällige Mundesinnere, um dort die zeitgemäßen Untaten zu verrichten. Dass die Folgen neben bestenfalls kosmetischen Verbesserungen Zahnschäden und Migräne waren, tut nichts zur Sache. Der Deutsche mag es gerade.

Inzwischen ist vieles besser geworden. Man tut alles für seine Kinder. Sie sollen es einmal besser haben und ihre Chancen nutzen können. Das geht freilich nicht mit schiefen Zähnen und Sitzunruhe. Da tut man halt, was nötig ist. Wenn die Kinder etwas größer sind, machen sie ohnehin freiwillig mit. Hohe Absätze, Schönheitsoperationen, Zahnkorrekturen und Diäten gehören ebenso selbstverständlich zum Werkzeugkoffer der jungen Karriere wie der wohldosierte Einsatz typgerechter Psychopharmaka. Gelebte pluralistische Demokratie eben.

 
gz

Quelle: Pixabay

Donald Trump lässt in jeder Hinsicht die Hosen runter. Das US-Militär, die Geostrategie und die NATO sind Teil des Geschäftsmodells der USA, wobei „America First“ in dieser Beziehung heißt, dass der Rest der Welt – vor allem sogenannte „Partner“ - nützlich zu sein haben oder als Ballast abzuwerfen sind. Dass die NATO so einfach auch für den POTUS nicht zu handhaben ist, kann der intellektuell begrenzte Narzisst nicht verstehen.

Die Ansage an Deutschlands Europa ist derweil klar: Ihr zahlt dafür, dass wir euch benutzen, so wie die Mexikaner für ihr Einmauern. Geradezu wirr angesichts seiner Verstrickungen mit russischen Geschäftsleuten ist dabei die Drohung (mit) Russland. Was im Kern immer nur zum Alibi für hemmungsloses Aufrüsten taugte, soll Europa jetzt wirklich verschrecken: Tut, was ich sage oder der böse Russe kommt!

Es reicht

Man weiß ja nicht, wie viel Kompromat so in den Kanälen der Geheimdienste blubbert, aber erstens zerlegt sich die hiesige Nomenklatura gerade ohnehin selbst und kommt hervorragend mit ihrem ruiniertem Ruf zurecht, zweitens führen Trumps Schläge ins Wespennest sicher auch auf dieser Ebene nicht zu einem strategischen Vorteil für die USA. Wenn es jetzt nicht höchste Zeit für ein „Farewell, Ami!“ ist, wann dann?

Die Lösung liegt ebenfalls auf der Hand, und kein Mensch mit Verstand kann noch ernsthaft Angst davor haben: endlich realistische Beziehungen zu Russland aufzunehmen. Es geht nicht um Freundschaft, ebenso wenig um Feindschaft, sondern eine eigentlich selbstverständliche kontinentale Zusammenarbeit. Das müsste dem Kapital genau so gut gefallen wie den bislang klein gehaltenen politischen Kräften in Europa. Russland ist kein Feind, und was wir zur Verteidigung wirklich brauchen, ist übersichtlich, wenn das endlich auch offiziell so gesehen wird.

Eine Chance für den Weltfrieden, die schon 1990 hätte ergriffen werden können, aber das Imperium hatte andere Pläne. Es wäre ein Gewinn für alle, außer den frei drehenden USA, deren andauernde Propagandaschlacht gegen Russland vermutlich auch dessen Stabilität geschuldet ist. Was säße der POTUS doch gern ein paar Wochen so fest im Sattel wie der Putin!

Die Einzigen, denen das den Angstschweiß auf die Stirnen treiben muss, sind die Profiteure der deutschen Rüstungsindustrie. Die könnten allerdings am längeren Hebel sitzen.

 
xx

Hat vielleicht jemand einen Job für mich? Mein Hals ist nass und kein Taucher will mich aus meiner Höhle zerren. Warum berichtet bloß niemand? Ich bin doch sogar Blootsdoitschärr! Ich kann eine Menge Sachen machen. Schreiben, rechnen (elektronisch, schriftlich und köpflich), Algorithmen gießen, Jugendlichen suggerieren, ich sei eine Art Autorität, Spaß machen, Kollegen sortieren, Stromguitarren bedrahten und Fahrräder bereifen. Eher nicht möchte ich noch mehr lesen. Lesen tut weh. Zum Beispiel ...

"Christiane Nüsslein-Volhard ist geschieden und Nobelpreisträgerin". Man weiß nicht, was schlimmer ist und ob das Eine wirklich das Andere entschädigt. "Geschieden" ist für mich persönlich "unintressant". Geschieden kann jeder. Unter "geschieden und verwitwet" muss mir keiner kommen. Kriege ich eigentlich als Alterweißermann dafür auch ein paar Punkte? Zurück zur Dame: Nobelreisträgerin macht sich ganz gut, passt aber auf kein Klingelschild. Außer ggf. als Prof. Dr. Nbprstrg. Nee, das ist auch schon zu lang. Aber "Nüsslein-Volhard"?! Was muss sich eine hassen, um sich derart zu verheiraten? Deine Mutter is ne Hohlfrucht.

Wehret dem Ende!

Man muss sich ja dauernd "neu erfinden", sagen bzw. schreiben Fachexperten, die eines sicher noch nie fertiggebracht haben: auch nur eine kreuzverdammte neue Formulierung zu finden, die beim Platzen nicht nach Pril schmeckt. Also wenn schon gebrochene Metapher, dann doch bitte Kleinholz. Womit wir zum Florida-Bob der kreischenden Metaphernsäge kommen und ich mich hiermit, jetzt ganz neu erfunden, um das Amt des Chefkittels der Zerebralproktologie bewerbe. Einer muss es tun - in die dunkle Höhle hinab tauchen und berichten, was nicht mehr zu retten ist.

Heute schon frugal klingend zum Abendessen geschritten? Muss man sich vorstellen: Da schreiten sie wieder - zum Abendessen. Wo sich unsereiner einfach am Tisch dran setzt. Nobel! Bei denen ihr Aldi wird Ware auch nicht verkauft, sie wird "weggegeben". Dafür sind die Regale(!) billig, nicht etwas das Zeug, das dort (hä??) "im Fleischessaft" steht. Wtf? Wer liest so etwas? Ich? Schon wieder? Himmel, gebt mir was zu tun, sonst endet das noch, und zwar in Zeter und Gomorrha. So mancher an meiner Stelle hat schon aus Langeweile Tierbabys abgefackelt oder - schlimmer geht immer - wurde Sozialdemokrat.

 
xx

Ausgerechnet in einer Fernsehserie hörte ich den inspirierenden Satz: "Realität ist das Unveränderliche". In diesen Zeiten frage ich mich quasi minütlich, wie so mancher durchs Leben marodiert angesichts dessen, was Menschen sich an Weltbildern zusammenzimmern. Eine extrem wichtige Rolle scheint mir dabei das Vergessen zu spielen. Es ist dieses nicht der Vorgang, dass man sich an etwas nicht mehr erinnert, weil es einem entfallen ist. Es muss vielmehr ein Vorgang sein, der nicht weniger Komplex ist als der gegenteilige, das Lernen.

Wenden wir uns noch für einen Augenblick der Realität zu, der unveränderlichen, dem, das ist: Realität ist konsistent. Wo immer man sich oder anderen etwas vormacht, entsteht ein Widerspruch, der bestenfalls in Beliebigkeit endet. Wahrheit hingegen (das betrifft gerade auch Wissenschaft) ist unveränderlich. Man kann Dinge unterschiedlich beschreiben, den Fokus ändern oder das Modell ändern, nach dem man sie einordnet. Es steht aber nicht zur Disposition, ob etwas ist oder nicht, ob zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas geschieht oder nicht.

Welt vs. Narrativ

Die Lüge, die Fälschung, die Propaganda geraten in Konflikt mit der Realität. Diese muss daher in Erzählungen eingebunden werden oder die Erzähler ordnen Ereignisse von vornherein in ihre Erzählung ein und erfinden sich welche, die das Ganze passend machen. Das Narrativ, dem diese Strategien folgen, beschreibt aber nicht. Es steht auch nicht zur Überprüfung an. Es bestimmt etwas, das an die Stelle der Realität tritt; bloß, dass es eben nicht unveränderlich ist, sondern im Kern beliebig. Etwas, das Realität beschreibt, ist hingegen sowohl Historie als auch Prognose. Die nächste Realität, das nächste Ereignis muss denselben Regeln folgen wie alle anderen Ereignisse.

Jeder steht ständig (vor allem in Diskussionen) vor der Entscheidung, sich beliebig zu machen und sich damit als Teil der Wirklichkeit zu verlieren oder die Welt so zu sehen, wie sie unveränderlich ist. Nun ist die Welt extrem komplex; vermutlich so komplex, dass kein noch so kluger Kopf dem nachkommt und daher zwangsläufig irrt. Immer wieder. An diesen Punkten des Irrtums gilt es zu entscheiden, ein eigenes Narrativ an die Stelle der Realität treten zu lassen oder seine Weltsicht zu ändern. Wo sich das Narrativ gegen Veränderung wehrt, wird Realität beliebig. In der Konsequenz endet diese Realitätsabwehr in Psychose, dem endlosen Irren.

Vor allem in Diskussionen macht sich das bemerkbar. Wem es zu anstrengend ist, sein Narrativ zu justieren, seine Weltsicht zu verändern und zu versuchen, sich der Komplexität der Welt anzunähern, hat vor allem zwei Möglichkeiten: Die ehrliche Kapitulation oder wenigstens das Pausieren angesichts einer überwältigenden Schwierigkeit - oder die brutale Anpassung der komplexen Wirklichkeit an ein unterkomplexes Weltbild. Für die anderen bleibt die Aufgabe, immer weiter zu lernen und obendrein das Geschwätz der Stehengebliebenen zu ertragen, die das Gros ihrer Energie in systematisches Vergessen investieren.

 
ad

Denn so sprach Gott:
Ich bin der Herr, dein Markt. Du sollst keine anderen Produktionsverhältnisse neben mir haben.
Wir müssen ihn besänftigen, denn seine Weisen sind unergründlich. Wendet sein Zorn sich gegen uns, nimmt er die Gestalt des Bären an und zerstört, was wir mühsam aufgebaut haben. Aber auch seine uns gewogene Gestalt ist voller Gefahren: ein Stier, der uns jederzeit auf die Hörner nehmen oder über die Jungfrau Europa herfallen kann.

Wir müssen achtsam auf ihn horchen, seine Stimmungen verstehen, uns auf seinen Ratschluss vorbereiten. Wie wird er reagieren? Was sagt er zu unseren Plänen? Was dürfen wir tun, was müssen wir tun? Er allein weiß es. Er gibt uns Sinn, er gibt uns Arbeitsplätze. Ihm wollen wir dienen. Sein Wille geschehe.

Der Messias

Seine Kirche ist die Heilige Ökonomie von Angebot und Nachfrage, seine Hohepriester sind die ehrwürdigen Professoren, Experten und Fachjournalisten. Die Heilige Messe feiern wir täglich „vor Acht“, den Katechismus geben uns Institute und Think Tanks, Absolution erteilen BIP und DAX. Lasset uns Beten: Führe uns nicht in Versuchung und schütze unser Portfolio!

Doch aus den Tiefen des Unbekannten erhebt sich ein neuer Messias. Er nimmt uns Arbeitsplätze, doch ist er auch die Hoffnung auf neue. Er allein ist die Zukunft. Seine Stimme ist die Zahl, die verborgene. Sein Wesen ist der Algorithmus, unergründlich wie schon immer das Göttliche und Heilige in seiner jenseitigen Weisheit. Er wird geschaffen nach unserem Vorbild, als überlegenes Wesen voller Reinheit, Kraft und Weisheit. Wir brauchen die Besten der Besten, um ihm zu gefallen.

Er ist überall und doch nirgends, unser Diener und doch unser Herr. Dem Markte eingeboren, weist er uns den Weg zu Treue, Glauben und Glückseligkeit. Er wird uns vervollkommnen, Geist von unserem Geist, und wenn wir nur fromm unseren Dienst am Herrn tun, wird er uns dulden als Jünger des einen Gottes. Alle sind eins und eins ist alles. Ein Markt, ein Reich, eine Intelligenz.

 
bz

Die Simulation der Simulation von Politik, ein Theater, dass schon zur Farce nicht mehr taugt, ist die Begleitmusik zum Kapitalismus im Endstadium. Man könnte dabei zuschauen, sich die Nägel lackieren und gelangweilt über das Niveau der Darbietung zetern, produzierte sie nicht ganz reale Leichenberge. Das Symptom des Symptoms, ein freidrehender deutscher 'Heimatminister', ist die bislang lauteste Pointe der politischen Zombie-Apokalypse.

Eine Partei, gegründet von rechtskonservativen Erzkapitalisten, mutierte wie bereits woanders in Europa zur rechtsextremen, was in Deutschland freilich besonders hässlich ist. Nun ist diese Fratze bislang Markenkern der bayrischen Variante gewesen, wo sie zwar ohne Stechschritt und Armbinde auskamen, immerhin aber völkisch noch kleingeistiger sind als Deutschnationale. Die Nazis von der AfD haben das ganze Parteiengesocks von München bis Berlin so vor sich her getrollt, dass sich die Neoliberalen von Schwarz über Rötlich bis Grün in konkurrierendem Rassismus überboten haben, was aber nie genug sein kann.

Lauter, schneller. härter

Die Rolle der Schreihälse wenigstens war bis kürzlich den Neunazis aus der Ostkurve vorbehalten, ausgerechnet der Bundesinnenminister (weiß er, was das ist?) aber hat den Stab übernommen und nicht bemerkt, als er schon übers Ziel war. Seine persönlichen Ambitionen gehen mir dabei am Arsch vorbei, dass aber ein Minister Deutschlands die Karriere riskiert, weil es ihm noch nicht reicht, dass Menschen massenhaft kriminalisiert, eingesperrt und zu Untermenschen gemacht werden, davon hätte selbst der Thüringer Heimatschutz nicht zu träumen gewagt.

Vergessen wir darüber nicht wie Söder, Lengsfeld und Konsorten - darunter der eifrige Rassist Sarrazin - das Niveau der Hetze prägen. Der Ausländer, Flüchtling, Nafri ist ein Mörder und Vergewaltiger im Wartestand. "Jeden Tag geschehen schreckliche Dinge", darum müssen wir sie alle zurück ins Meer treiben oder in Lagern konzentrieren. Wie gesagt: Das reicht ihnen aber noch nicht. Ideologisch sind wir wieder so weit, technisch sowieso, und der Massenmord steht diesmal sogar am Anfang der Entwicklung. Bodycount gibt es nur bei angeblich russischen Angriffen, die Millionen Tote der NATO-Kriege im Nahen Osten sind Akte der Gerechtigkeit.

Inzwischen ist das alles völlig absurd geworden: Die schon immer dumme Strategie, Probleme zu ignorieren und statt eine Lösung zu finden lieber Schuldige zu suchen mochte eine Zeitlang ablenken vom totalen Zerfall des Schauspiels 'Demokratie'. Sie haben nur noch ein Thema und selbst davon keine Ahnung. Das Management versagt, nachdem Ideen ohnehin längst ausgestorben sind. Sie wissen nichts, sie können nichts, selbst ihre Kernkompetenz - so tun als ob - fiel der Dekadenz zum Opfer. Nachgerade komisch, wäre die beste Allegorie der Auftritt des DFB als 'Weltmeister'. Doch, es kann noch schlimmer kommen.

 
dv

Bilduelle: Wikimedia Commons / Colin Smith

Die 'modernen Demokratien' richten sich also ausdrücklich nach einer "Willensbildung". Konsequent sprechen die Parteien daher alles an, das Zustimmung verspricht. Verstand gehört, wenn überhaupt, nur am äußersten Rande dazu. Dieses Vorgehen ist nicht nur völlig untauglich, hoch technisierte Staaten in einer globalen Organisation zu führen, es ist extrem kontraproduktiv. Die Welt ist kein Ponyhof, aber alle müssen so tun als ob sie sich um einen Willen eines sogenanntes "Volkes" dreht.

Was aber ist die Alternative? Eine Art Technokratie erscheint vernünftig. Wenn Menschen nicht in der Lage sind, die drängenden Probleme der Gegenwart zu begreifen und sie schon gar nicht sinnvoll lösen wollen, weil sie eben ihren primitiven Wünschen folgen statt ihrem Verstand, muss man sie halt von den Entscheidungsprozessen ausschließen. Dies geschieht sogar, die verbleibenden Entscheider und ihre Instanzen unterscheiden sich aber kaum von den Ausgeschlossenen. Auch sie fokussieren auf irrationale Ziele und Maximen.

Verstand erzwingen

Die Lösung wäre als auf diesem Wege möglicherweise eine, die nur kompetente Menschen in Entscheiderpositionen zulässt. Nun sind aber alle Wege, dies zu organisieren korrumpierbar und vor allem hat kaum jemand ein Interesse an dieser Lösung. Sie ist also aussichtslos, weswegen ich mir auch eine ethische Bewertung solcher Lösungen spare.

Wenn also die Interessen von Entscheidern und der 'Wille' der Menschen rationalen Lösungen entgegen stehen, was geht dann überhaupt? Parlamentarismus als Begleitmusik kapitalistischer Gesellschaften sicher nicht. Dieser hat nur einen 'Pluspunkt': Er steht den Interessen der Mächtigen nicht im Weg, das macht ihn stabil. Diese Interessen sind aber nicht nur irrational, sondern zunehmend fatal, ungeheuer destruktiv. Das 'Volk' ahnt dergleichen vielleicht, ist aber nicht in der Lage, daran etwas zu ändern.

Evolution ist möglich

Eine Evolution hin zu einer stabilen Gesellschaft, die in der Lage ist Probleme zu lösen, muss also die Interessen der Vielen berücksichtigen, diese aber mir Rationalität anfüttern. Frühere Versuche mit Volkserziehung sind aus naheliegenden Gründen gescheitert. Die dahinter stehende Propaganda spült Fanatiker und Treudoofe nach vorn, keineswegs Problemlöser.

Problemorientiertes Handeln muss also zum Eigeninteresse der Menschen werden. Anstatt sich gehen zu lassen, unmögliche Maßnahmen zu fordern und für nichts verantwortlich zu sein, müssen die Vielen unmittelbar an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Sie müssen die Macht haben mitzuentscheiden und verantwortlich sein für diese Entscheidungen. Systeme, die auf Stellvertretung beruhen, die obendrein abstrakt, hierarchisch und undurchsichtig sind, sind hingegen dem Untergang geweiht.

 
le

Lars Jeager ist der Ansicht, die Unsicherheit in den politischen Diskursen liege daran, dass selbst Wissenschaft zunehmend Unsicherheiten produziert und Letztbegründungen unmöglich geworden sind. Auch wenn das die Lage noch schlimmer macht, halte ich die Hauptursache für eine andere. Sie ist jene Getriebenheit von Wünschen, die schon immer Mythologie hervorgebracht hat. Ihr ist es ganz gleich, welche Wissenschaft sie dafür ignorieren oder missbrauchen muss.

Der Wunsch ist der Vater der Gedanken. Für Freud entsteht Realität erst aus der Abwehr des Wunsches. Statt sich der Halluzination, dem Traum hinzugeben, wie man satt wäre, macht der Mensch einen Plan, wie er ans Futter kommt. Er kann sogar auf die einfache direkte Befriedigung verzichten, wenn es einen Plan gibt, in dem das ein Vorteil ist. Alle Rationalität aber beginnt mit dem Wunsch - womit im Übrigen auch 'Antiwünsche' gemeint sind: Angst und Schmerz.

Wünschdirwas

Erst die moderne Wissenschaft hat ein Konzept von Rationalität hervorgebracht, in dem der Wunsch, das Triebziel keine Rolle mehr spielen darf. Dass das regelmäßig korrumpiert wird, weil sich 'Wissenschaft' in den Dienst von Interessen stellt, ist nicht dem Konzept geschuldet. Phantasie hat in wissenschaftlichem Denken nur so weit eine Berechtigung, wie sie neues überprüfbares Wissen schafft, etwa durch neue Modelle, die die Welt besser bzw. anders beschreiben als die alten. Wissenschaft ist eine ewige Korrektur.

In Bezug auf Politik ist Denken - sowohl solches, das vom Willen geprägt ist, als auch wissenschaftliches, in einer schwierigen Situation. Ausgerechnet in modernen 'Demokratien' ist wissenschaftliches Denken in der Politik beinahe ausgeschlossen. Im deutschen Parlamentarismus etwas ist ausdrücklich die "Willensbildung" das Zentrum der Betrachtung. "Was wollen die Menschen?" ist vordergründig die Frage, und diese Frage ist tödlich für einen geordneten Diskurs unter heutigen Bedingungen.

Jeder darf hier nämlich seinen Wünschen, seinen Phantasien und Illusionen freien Lauf lassen und sie fröhlich mit allem mixen, das den Anschein macht 'Wissen' zu sein. Diskussionen, Argumente, selbst Fakten dienen nicht der Erkenntnis, sondern der Bestätigung des eigenen Weltbilds. Was es nicht bestätigt, fliegt raus, weil es unerwünschte Emotionen auslöst. Die Diskutanten schotten sich in aller Regel systematisch von Erkenntnis ab und schaffen sich Rituale der Selbstbestätigung. Der Prozess ist völlig ungeeignet, Wirklichkeit zu organisieren, weil diese nicht einmal erkannt wird.

Im Folgeartikel wird es darum gehen, welche Konsequenzen das für Gesellschaftsentwürfe und politische Konzepte hat.

 
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Die bürgerliche Gesellschaft weist in ihrem Fundament drei Risse auf, die kaum mehr zu kitten sind: Erstens ist sie nur noch reaktionär, das heißt, ihre politischen Entscheider versuchen mit allen Mitteln, die herrschenden Verhältnisse beizubehalten. Zweitens zersetzt sie mit den Regeln, auf denen sie beruht, ihr eigenes ideologisches Fundament. Da sie aber die Herrschaft verteidigt, die sich an keine Regeln mehr hält, kann sie das nicht einmal wahrnehmen. Drittens hat sie mit der Renaissance des Feindrechts zur eigenen Vernichtung angesetzt, weil sie sich selbst zum Feind wird.

Die bürgerliche Revolution, ich wiederhole das hier oft, hatte ein gewisses Regelwerk geschaffen, das sie benötigt um Verträge schließen zu können und die nötige Stabilität für kapitalistisches Wirtschaften zu ermöglichen. Spätestens mit dem Nationalsozialismus wurde diese Form der Zivilisation völlig zerstört. Die Aufgabe der Nachkriegsdemokratien bestand darin, diese wieder einzusetzen. Das ist nicht gelungen. Das erste Versagen besteht in der entschiedenen Rückkehr zum Kapitalismus, den beispielhaft die CDU in ihrem Ahlener Programm eigentlich abgelehnt hatte. Das nächste besteht in der Rückkehr zum totalen Primat des Profits durch den Neoliberalismus.

Deutsch-revolutionär

Zwischenblende: Jan Carl Raspe hat in einer Erklärung formuliert, dass "Freiheit nur möglich ist im Kampf um Befreiung". Diese Formel bringt den Bruch des Nachkriegssystems mit seinen bürgerlichen(!) Kindern auf den Punkt. Im Faschismus schneidet das Bürgertum seine Wurzeln ab gibt jeden kritischen Selbstbezug auf. Was als Revolution gegen Herrschaft begann, endet in der totalen Herrschaft. Das Ende des Nationalsozialismus hätte daher selbst einer revolutionären Bewegung bedurft. Stattdessen wurde der NS offiziell für beendet erklärt, ohne dass man sich auch nur damit beschäftigt hätte, was da war.

Die RAF hat daran erinnert. Nur permanente Erneuerung könnte das Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft auf "Demokratie" einlösen. Je starrer sie wird, desto weniger demokratisch kann sie sein. Die Verwechslung der 'Stadtguerilla' lag freilich darin, dass sie das falsche Versprechen mit den falschen Mitteln in eine richtige Gesellschaft überführen wollte, die es gar nicht geben kann. Tragisch dumm und konsequent deutsch.

Wo der Feind droht

Damit wurde ein Konflikt vorweggenommen, der erst in neuen Jahrtausend richtig ausgebrochen ist. Das Feindrecht ist zurück, Rassismus ist wieder da, die Menschenrechte zerfallen, weil es keine Einigung mehr darüber gibt, wer ein Mensch ist und wer nicht. In den USA werden Kinder durch Deprivation gefoltert. In der EU wird die Regierungsbeteiligung von Faschisten zum Regelfall. In Deutschland zerfällt eine Regierung wegen der rassistischen Politik der CSU.

Feindrecht ist der Kern dieser Angelegenheit, weil dessen Basis totale Entrechtung ist. Es muss keinen Grund mehr geben, um Krieg zu führen, Menschen zu töten oder Kinder zu foltern. Es reicht, dass man sich bedroht fühlt. Dergleichen gab es schon in früheren Phasen, eines hat sich aber geändert: Kann man solches Feindrecht gegen ein 'Außen' gerade noch richten, weil es eben die innere Gesellschaft nicht zersetzt, funktioniert das in einer globalen Zivilisation nicht mehr. Es gibt kein Außen mehr, daher kann jeder jederzeit zum Feind werden. Das ist der neue Übergang vom bürgerlichen zum faschistischen Staat.

Der vorletzte Schritt

Die Geheimdienste und Polizeien leben das längst aus. Den vermeintlichen Feind zu vernichten ist wichtiger als solche Kleinigkeiten wie Grundgesetz, Legalität überhaupt oder politische Legitimation. Die Bürger zerfallen in zwei entscheidende Lager: Die Einen wenden sich ab, weil sie ihre Ohnmacht erkennen oder angewidert sind, die Anderen fühlen sich permanent bedroht und betrogen. Damit nicht noch mehr kommen und ihnen etwas wegnehmen, wendet sich ihre Raserei gegen Menschen allgemein. Sie fokussieren dabei zunächst auf die, die nicht hierher gehören.

Der Rest tut, was er schon immer tat: So als sei nichts gewesen und mitmachen. Krise? Welche Krise? Die Autoritäten machen das schon. Wenn nicht die, an der wir seit Jahrzehnten festhalten, dann halt die nächste. Oder die übernächste. Irgendwer wird schon kommen und für Ordnung sorgen. Ein Bewusstsein findet nicht statt. Es gibt keinen Diskurs, in dem der Zerfall dieser Form der Zivilisation auch nur thematisiert wird.

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